Art Basel
Die Art wird als Kunstanlass missverstanden

Stadtgespräch diese Woche war der Einsatz der Basler Polizei gegen eine illegale Party vor dem Favela-Dörfchen auf dem Messeplatz. Befeuert durch ein Video vom Polizeieinsatz gingen im Internet die Wogen hoch.

Matthias Zehnder
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Der Messeplatz wird von einer Gegen-Favela in Beschlag genommen.

Der Messeplatz wird von einer Gegen-Favela in Beschlag genommen.

Das grosse Missverständnis: Die Art sei eine Kunstveranstaltung. Das ist sie nicht: Die Art ist eine Messe, bei der es darum geht, möglichst gute Geschäfte mit Kunst zu machen. Im Zentrum steht dabei das Geschäft, nicht die (Inhalte der) Kunst. Wenn der japanische Künstler Tadashi Kawamata auf dem Messeplatz ein Favela-Dörfchen installiert, in dem die Messebesucher Espresso schlürfen können, ist das deshalb von der Messe nicht als zynisches Statement gemeint, sondern als praktisch nutzbare Kunstinstallation eines trendigen Künstlers.

Bloss: Viele Besucher kommen nicht als Käufer an die Art. Sie interessieren sich für Kunst. Entsprechend schüttelten sie den Kopf über das Favela-Dörfchen. Am letzten Freitag hat eine Gruppe von Aktivisten deshalb vor der Favela von Tadashi Kawamata eine zweite Favela aufgebaut und mit einer Reihe von Aktionen zum Nachdenken über das Thema angeregt. Für die Besucher war das eine interessante Bereicherung, für die Messe war es eine Störung. Denn der Messe geht es ja nicht um Inhalte, sondern ums Geschäft. Zwischen Messe und Aktivisten kam es nicht zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung, sondern lediglich zu Verhandlungen über die Beendigung der Störung. Messe und Aktivisten redeten aneinander vorbei.

Und dann kam es, wie es kommen musste: Es eskalierte. Beide Seiten verhielten sich dabei genau dem Cliché entsprechend. Die Aktion der Aktivisten artete zur lauten Party aus, die Messe rief die Polizei. Statt die illegale Party wie üblich zu beenden, indem Polizisten den DJ zum Abschalten der Musikanlage aufforderten, griff die Polizei mit einem Stosstrupp ein. Das war zwar übertrieben, aber kein Drama. Zum Drama wurde es, weil (nicht ganz) zufällig die Polizeiaktion gefilmt wurde.

Was gegen die Missverständnisse hilft

Die Öffentlichkeit interpretierte das Video als Drama: Polizeieinsatz gegen friedliche Künstler. Befeuert wurde die Diskussion durch eine ganze Reihe von Artikeln und Internetbeiträgen, welche nur so strotzten von ideologischen Versatzstücken. Von «Favela-Chaoten» reden die einen, die anderen von der «Gewalt des Kapitals». Aus dem ursprünglich harmlosen Protest gegen das Faveladörfchen von Tadashi Kawamata ist eine Auseinandersetzung ideologischer Blöcke geworden.

Gegen die Missverständnisse hilft nur eins: persönliche Gespräche zwischen Menschen. Erstens die Messe: Sie verhält sich wie ein in der Stadt gelandetes Raumschiff mit der Art als Fracht an Bord. Messe und Art hatten in dieser Woche kein menschliches Gesicht. Aus Sicht der Messe mag das nicht nötig sein, weil es sich ja um eine Businessveranstaltung handelt. Die Bewohner der Stadt brauchen aber einen Menschen, der mit ihnen spricht. Zweitens die Stadt: Die Polizisten wirken auf dem Video wie Klonkrieger aus «Star Wars». Stadt und Polizei brauchen ein menschliches Gesicht. Drittens die Protestierenden: Sie müssen ihre Anliegen darlegen. Sonst degradieren sie ihren Protest zum Krawall. Also: Sprecht miteinander.