Berner Jura
Deutsche Inseln in den Jura-Höhen

Die Jurafrage teilt auch den französischsprachigen Teil des Kantons Bern.

Johannes Reichen
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Solothurner Zeitung

An guten Tagen geht der Blick vom Werdtberg oberhalb von Reconvilier bis zu den Alpen. Jetzt ist es dunstig, aber bis ins enge Tal der Schüss, die weit unten Richtung Biel fliesst, reicht es allemal. Dort, in der Gemeinde Péry, befindet sich die grosse Zementfabrik Vigier. An den Hängen darüber sieht man weisse Flecken, mitten im hellen und dunklen Grün der Wiesen und Wälder. Zeichen des Abbaus von Kalk; der wird mit einem Förderband, das gleich seinen eigenen Strom erzeugt, direkt in die Fabrik transportiert.

«Es ist erstaunlich», sagt Samuel Burkhalter: «Wenn der Abbau vollendet ist, wird sofort begrünt.» Vorbildlich sei dies, wie die Zementfabrik hier mit der Natur umgehe: Man nimmt zwar, aber gibt dann auch wieder zurück.

Ein unbekanntes Land

Samuel Burkhalter hält sich Tag für Tag in der Natur auf, er beobachtet sie von Berufs wegen. Er ist Förster, Angestellter des Kantons Bern, sein Revier heisst «Mosaique», und das kommt nicht von ungefähr. In drei Gebiete aufgesplittert, verteilt es sich über den Nordwesten des Kantons Bern, über den Berner Jura.

Wie die weissen Flecken auf den Hügeln, so ist auch der Berner Jura für viele Menschen im übrigen Teil des Kantons ein weisser Fleck. Ein unbekanntes Land, mit bewegter Geschichte allerdings. 50 Gemeinden umfasst die neue Verwaltungsregion Jura bernois seit Anfang Jahr, die meisten haben weniger als 1000 Einwohner (vgl. auch Kasten rechts). Hier wird, wie sonst noch in der zweisprachigen Stadt Biel, Französisch gesprochen.

Deutschsprachige Inseln

Auch innerhalb des Berner Juras gibt es allerdings Sprachgrenzen. Sie ziehen sich über die Hügel der Region. «Ab 1000 Metern über Meer», sagt Burkhalter, «wird hier noch Deutsch gesprochen.» Sein deutscher Nachname verweist in diese Geschichte, der Name des Werdtbergs, wo er das sagt, hat denselben Ursprung.

Es ist die Geschichte der Täufer, die für diese deutschsprachigen Inseln in der Höhe sorgt. Im 18. Jahrhundert fanden die vorab aus dem Emmental vertriebenen Täufer im Jura Zuflucht und eine neue Bleibe.

Leben in der Grossfamilie

Burkhalter selbst ist in der Tradition der Täufer aufgewachsen, wie bei Mennoniten üblich in einer Grossfamilie, mit drei Schwestern und sechs Brüdern. Heute allerdings lebe er seine Religion kaum mehr aus, so Burkhalter in breitestem Berndeutsch.

Zwei seiner jungen Jahre verbrachte er ausserhalb seiner Familie bei einem älteren Bauernehepaar als Verdingbub. «Das war nicht immer eine schöne Zeit», erinnert er sich. Aber sein Vater sei wohl zu gutmütig gewesen. Das Ehepaar war froh um seine Hilfe. Auch das sei wohl ein Grund gewesen: Zu Hause auf dem Bauernhof gab es einen Esser weniger. Diese Zeit aber habe ihn gelehrt, viele Änderungen in seiner beruflichen Laufbahn hinzunehmen.

Eine Eigenschaft des Vaters aber habe ihn geprägt, sagt Burkhalter. Der war als Lohndrescher in der Gegend herum gekommen, und so auch Sichtweisen ausserhalb der Täuferkreise kennen gelernt. Ansonsten blieb man eher unter sich, doch er kam so etwa auch mit Katholiken zusammen, und er gab diese Offenheit schliesslich seinen Kindern weiter. «Das hat meinen Horizont erweitert», sagt Samuel Burkhalter.

Zu heiss diskutierte Jurafrage

Und so versucht er auch in der grossen Frage, die den Berner Jura beherrscht, die verschiedenen Positionen zu verstehen. 32 Jahre nach der Abstimmung, nach der aus Teilen des Kantons Bern der heutige Kanton Jura entstand, ist die Zukunft der gesamten jurassischen Gemeinschaft wieder offen. Aktuell strebt die Interjurassische Versammlung eine neuerliche Volksabstimmung an. Das will auch der Kanton Jura; Bern will erst nächstes Jahr darüber entscheiden.

Während die Täufer aufgrund ihrer Herkunft eher auf der Seite der Berntreuen anzusiedeln sind, hält Burkhalter eher zum Jura. Noch mehr wünschte er sich aber, dass die Emotionen beiseite gelassen werden, denn sie dienten nicht der Lösung der Jurafrage. Er würde dafür auch den Status quo akzeptieren. «Die Jungen machen heute mit, weil etwas passiert», sagt Burkhalter. «So kommt diese Debatte nie richtig zur Ruhe.»

An Grenzen gewöhnt

Nur hat auch er Erfahrungen gemacht, die ihn an der Gleichstellung des französischen Teils zweifeln lassen. Als Kantonsangestellter reist Burkhalter oft zu Sitzungen nach Bern – und da müsse er oft darauf aufmerksam machen, dass das Protokoll auch noch ins Französische übersetzt werden sollte. Dann gibt es lange Gesichter und die Frage an ihn: «Kannst du das machen?»

Samuel Burkhalter spricht beides perfekt, Französisch und Deutsch. Er war ja auch schon früh gewöhnt, Sprachgrenzen zu überqueren. Bereits in der Schulzeit. Das Schulhaus befand sich auf Berner Gebiet. Das WC im zukünftigen Kanton Jura.