Josef und Sabine Pfarrer aus Zuzgen
Der Züchter von Seidenraupen

Das Ehepaar Josef und Sabine Pfarrer aus Zuzgen füttert Seidenrauben mit Maulbeerblättern ihrer Maulbeerbäume. Aus der Seide der Raupen stellt eine Schweizer Firma Krawatten her.

Barbara Vogt
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Gross ist der Auslauf für die Hennen, gackernd spazieren sie darin herum. Einige suchen unter den Blättern der Maulbeerbäume Schatten. Natürlich hätte Landwirt Josef Pfarrer (33) als Schutz auch Obstbäume pflanzen oder Folien spannen können. «Die weissen Dinger gefielen uns aber gar nicht. Wir suchten nach einer ökologisch sinnvollen Alternative.» So haben er und seine Frau Sabine (35) total 150 Maulbeerbäume in die Weide gesetzt, dank dem Hühnerdünger gedeihen diese bereits prächtig.

Szenenwechsel: In einem kleinen Raum
auf dem Rötihof ist es tropisch heiss. An den Wänden hängen Bilder über die Wildseidenproduktion, die «Lieferanten» kann man in einem Kasten gleich selbst bestaunen: schwarz-weisse Seidenraupen, die sich an saftigen Maulbeerblättern, die Josef Pfarrer soeben auf der Hühnerweide gepflückt hat, gütlich tun. Das Leben einer Raupe sei faszinierend, findet Sabine Pfarrer: «Sie häutet sich bis zu viermal in ihrem kurzen Leben. Das ist ein Riesentheater, ein richtiger Kraftakt.»

Nach rund einem Monat beginnt die Raupe, sich mit ihrem Seidenfaden einen Kokon zu spinnen. Um die Fäden abzuhaspeln, wird die Raupe in einem Dörrex-Apparat getrocknet, der wohl einzige Wermutstropfen an der ganzen Geschichte. Ziel des Ehepaars Pfarrer ist es, 2100 Maulbeerbäume in der Legehennenwiese anzupflanzen. Diese Menge Blätter reiche, um jährlich 360 000 Seidenraupen zu füttern. Josef Pfarrer hofft, daraus 90 Kilogramm Rohseide zu gewinnen. Frühestens in fünf Jahren wirft die Seidenproduktion Gewinn ab.

Krawatte in Limousine

Abnehmer für das wertvolle Gewebe haben die Pfarrers bereits: die Seidenweberei Weisbrod und die Seidenspinnerei Camenzind. Aus der Seide werden sie Krawatten herstellen. «Wir versuchen, einen verloren gegangenen Landwirtschaftsbereich wiederzubeleben», beschreibt das Ehepaar Pfarrer ihre Beweggründe. Das Projekt mache Sinn, da «wir ein reines Schweizer Qualitätsprodukt schaffen». Unterstützung finden Josef und Sabine bei Swiss Silk, einem jüngst gegründeten Verein, der das alte Handwerk der Schweizer Textilindustrie fördert.

Eine Krawatte aus seiner eignen Seidenproduktion trägt Josef Pfarrer noch nicht. Eine solche wird er aber gebrauchen können: Nebst seiner Tätigkeit als Landwirt chauffiert er im Auftrag Persönlichkeiten aus der ganzen Welt in einer Limousine umher. Und da darf eine (Seiden-)Krawatte wahrhaftig nicht fehlen.