Grenchen
«Der Strukturwandel wird beschleunigt» – Stadtpräsident Scheidegger steht Rede und Antwort

Stadtpräsident François Scheidegger beantwortet im Jahresinterview 12 Fragen zum vergangenen und kommenden Jahr.

Andreas Toggweiler
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Stadtpräsident François Scheidegger im Stadtpark hinter dem Parktheater beim Denkmal für Grenchens berühmtes Liebespaar, Dursli und Babeli von Fritz Flury.

Stadtpräsident François Scheidegger im Stadtpark hinter dem Parktheater beim Denkmal für Grenchens berühmtes Liebespaar, Dursli und Babeli von Fritz Flury.

Oliver Menge

Wie hat die Kleinstadt Grenchen die Pandemie bisher gemeistert – im Kraftfeld zwischen Corona- Panik und Corona-Verharmlosung?

François Scheidegger: Dies war in der Tat eine grosse Herausforderung und ein schwieriger Balance-Akt für alle, zumal die Verunsicherung enorm und vieles neu war. Rückblickend habe ich den Eindruck, dass auf allen Ebenen besonnen und situationsgerecht gehandelt wurde. Sehr geholfen hat dabei, dass die Bevölkerung verständnisvoll reagierte und die Massnahmen solidarisch mittrug bzw. noch immer mitträgt. Verharmlosung der Situation darf nicht sein. Wer dies tut, handelt verantwortungslos! Wichtig ist für mich, dass unser eigens eingesetzter «Corona-Sonderstab» von Beginn an bestens funktionierte und gute Teamarbeit geleistet hat.

können Sie als Stadtpräsident den zweifellos verunsicherten Menschen Mut machen?

Wichtig scheint mir, offen und ehrlich zu kommunizieren, glaubwürdig, fair und solidarisch zu sein, realistische Perspektiven aufzuzeigen und positiv zu denken. Und: Jede noch so schwierige Herausforderung beinhaltet auch neue Chancen – es gilt, diese zu erkennen und zu nutzen. Zudem bin ich zuversichtlich, dass sich die allgemeine Situation schon bald bessern wird. Allerdings wird «Corona» nicht von heute auf morgen verschwinden, und die Folgeerscheinungen der Pandemie werden unsere Gesellschaft noch lange beschäftigen und finanziell belasten.

Was wird Corona wirtschaftlich in Grenchen auslösen? Wird es so schlimm wie bei der Uhrenkrise? Die Schwarzmaler fehlen ja nicht ...

Ein solches Szenario ist glücklicherweise unwahrscheinlich. Zwar wird es zu einem beschleunigten Strukturwandel kommen, Staat und Wirtschaft haben aber ihre Lehren aus früheren Krisensituationen gezogen. Unsere neue Wirtschaftsförderin Susanne Sahli hatte in den vergangenen Wochen mit rund 30 Grenchner Firmen Kontakt und konnte sich dabei ein gutes Gesamtbild über die allgemeine Lage verschaffen. Zusammenfassend zeigt sich, dass die Unternehmen generell breiter und robuster aufgestellt, besser kapitalisiert und mit mehr Liquidität ausgestattet sind als früher. Die finanziellen Unterstützungsmassnahmen von Bund und Kanton haben dabei einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Stabilisierung geleistet. Für 2021 wird überwiegend mit einem gewissen Nachholbedarf und einer konjunkturellen Erholung gerechnet; dementsprechend wird verhalten optimistisch budgetiert.

Welche Nöte und Sorgen hören Sie? Verschwinden Alltagsprobleme wie der Schattenwurf des Baums in Nachbars Garten aus dem Sorgenbarometer?

Es gibt alles – die Betroffenheit ist je nach Branche, je nach Person und Lebenssituation unterschiedlich und subjektiv geprägt. Sorgen bereitet mir persönlich die steigende Arbeitslosigkeit. Wegen Kurzarbeit müssen zudem viele Haushalte finanzielle Einbussen hinnehmen und kommen nur noch knapp über die Runden. Tragisch ist die Situation auch bei einzelnen Selbstständig­erwerbenden. Mir sind Fälle bekannt, die ihre Reserven aufgebraucht haben und nun leider um das nackte Überleben kämpfen müssen.

Das kulturelle Leben in der Stadt steht seit Herbst still, die Gastronomie darbt. Erwarten Sie eine Konkurswelle bei Grenchner Restaurants?

Beim Gewerbe zeigt sich ein uneinheitliches Bild. Bisher eher unbeschadet geblieben sind der Dienstleistungssektor oder handwerklich orientierte Betriebe. Der Lockdown und das veränderte Konsumverhalten haben dagegen dem Detailhandel im Bereich Non-Food, Freizeit und Event und eben der Gastronomie arg zugesetzt. Viele dieser Betriebe befinden sich in einer kritischen Lage, ein «Beizensterben» ist leider zu befürchten. Das Ausmass wird sich jedoch erst in den kommenden Monaten zeigen.

In der Politik spürt man bisher ausser Gemeinderatssitzungen mit Schutzmasken wenig von Corona. Es wird auch weiter gebaut «wie lätz». Heisst das auch, die Menschen sind trotz allem optimistisch geblieben?

Trotz «Corona» waren Gemeinderat und Verwaltung auch im vergangenen Jahr sehr konstruktiv und produktiv unterwegs. Es wurden wichtige Weichen gestellt und zahlreiche Projekte entscheidend vorangetrieben. Und ja – die Bautätigkeit ist ungebrochen, was angesichts des aktuellen Umfelds eher erstaunt. Das sind aber doch erfreuliche Signale – denn letztlich ist jede Investition ein Beweis für Optimismus und Zukunftsglaube.

Wenn wir das Virus mal ausblenden, was ist Ihnen vom Jahr 2020 in Grenchen in Erinnerung geblieben?

Die Kulturpreisverleihung und die Sportlerehrung als einige der wenigen gesellschaftlichen Highlights. Tolle Firmenansiedlungen und wichtige Projekte, die realisiert wurden oder entscheidende Fortschritte erzielt haben – ich denke dabei beispielsweise an das Kunstrasenfeld, den «Campus Technik», die Gutheissung des Kredits für die Umgestaltung des Bahnhofareals oder das Agglomerationsprogramm. In Erinnerung bleiben werden mir auch die erfolgreichen Bemühungen, die Kunstsammlung der Stiftung Hans Peter und Christine Rentsch, das Schweizer Krimiarchiv und die Schweizer Krimitage in Grenchen zu beheimaten.

Nächstes Jahr sind Gemeinderatswahlen. Wie ist Ihre Lust auf weitere vier Jahre als Grenchens Stapi?

Die ist unvermindert vorhanden! Mit der Unterstützung des Gemeinderates durfte ich in den beiden vergangenen Legislaturperioden viel bewirken. Die in Angriff genommenen Projekte möchte ich gerne weiter begleiten und möglichst zu Ende bringen. Ich bin gerne Stadtpräsident und weiterhin sehr motiviert, neue Herausforderungen anzunehmen und mich mit voller Energie für unsere lebenswerte Stadt einzusetzen. Es würde mich freuen, wenn mir die Grenchnerinnen und Grenchner noch einmal ihr Vertrauen aussprechen würden.

Der Gemeinderat wird Anfang Jahr zu erneuten Spar-Seminaren einberufen. Wo hat die Stadt überhaupt noch finanziellen Handlungsspielraum?

Um nachhaltige Lösungen und einen politischen Konsens zu finden, bedarf es einer vertieften thematischen Auseinandersetzung mit der Materie. Der Gemeinderat will sich dieser verantwortungsvollen Aufgabe stellen und trifft sich im Januar zu einem ersten Workshop. Und um auf Ihre Frage zurückzukommen: Abgesehen von den sogenannt «gebundenen Ausgaben» haben wir sehr wohl noch Handlungsspielraum. Letztlich ist es aber eine Frage des politischen Willens, ob und gegebenenfalls wo der Hebel angesetzt wird. Manchmal braucht es ganz einfach auch Mut, sich von alten Zöpfen zu verabschieden ...

Schauen wir trotz Sparszenarien sonst noch nach vorn. Welche Dossiers möchten Sie 2021 vorzugsweise vorantreiben?

Wir orientieren uns nach wie vor am Strategiepapier «Kompass». Viele Projekte sind in Arbeit und in einem unterschiedlichen Bearbeitungsstand, neue werden dazukommen – Priorisierungen gibt es in diesem Sinne keine. Zudem sind wir bei der Umsetzung vielfach fremdbestimmt, indem die Mitwirkung von Bund, Kanton oder Dritten erforderlich ist. Typischer Fall ist das Windpark-Projekt ...

Das Turnerstadion kostet unterdessen schon 5 Millionen, und der TVG hat soeben ein weiteres Baugesuch eingereicht. Was macht die Stadt, wenn sie vom Sportclub und ihrem seltsamen Investor nochmals zur Kasse gebeten wird?

Laut den Verantwortlichen des Turnvereins gibt es keine Veranlassung, sich hier Sorgen zu machen. Ich möchte auch präzisieren, dass der «seltsame Investor», wie Sie ihn nennen, die Stadt nie zur Kasse gebeten hat – ganz im Gegenteil: Dr. Peter Buser hat dem Turnverein über 1,5 Millionen Franken in Form von À-fonds-perdu-Beiträgen zugewendet!

Was wünschen Sie sich und der Stadt für 2021?

Ich wünsche mir vor allem, dass spätestens ab dem Frühling wieder so etwas wie «Normalität» einkehrt und die Pandemie möglichst rasch überwunden werden kann. Auf dem Weg dazu wünsche ich allen viel Zuversicht, Durchhaltewillen und vor allem gute Gesundheit!