Der Streit um eine leere Kirche

Der katholische Kirchenrat kritisiert die Denkmalpflege. Diese übertreibe es mit dem Schutz der Kirchen.

Andreas Maurer
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Ist die St.-Michael-Kirche schutzwürdig? Die Denkmalpflege sagt Ja, der Kirchenrat Nein. Foto: Nicole Nars-Zimmer

Ist die St.-Michael-Kirche schutzwürdig? Die Denkmalpflege sagt Ja, der Kirchenrat Nein. Foto: Nicole Nars-Zimmer

Schweiz am Wochenende

Normalerweise ist es die römisch-katholische Kirche (RKK), die Belehrungen von oben herab predigt. Doch in diesem Fall ist die Konstellation umgekehrt. Die Predigt hält ein Experte der kantonalen Denkmalpflege. Seine Zuhörer sind die Basler Kirchenräte. Bernhard Glanzmann, der für den Bau verantwortliche Kirchenrat, berichtet: «Der sogenannte Experte hat uns das Evangelium um die Ohren geschlagen. Das hat mich sehr irritiert, um es höflich auszudrücken.»
Das Thema der Sitzung war die Schutzwürdigkeit der Basler St. Michael-Kirche im Hirzbrunnenquartier. Seit diese keinen Pfarrer mehr hat, wird sie von der RKK nicht mehr genutzt; einzig die kroatische Gemeinde veranstaltet noch Gottesdienste. Die RKK prüfte mehrere Varianten, auch den Abriss. Die Basler Denkmalpflege beauftragte einen Experten mit einem Gutachten. Der Auserwählte war Johannes Stückelberger, Privatdozent für Neuere Kunstgeschichte der Universität Basel. Sein Auftritt kam bei Glanzmann schlecht an: «Er hat uns abgekanzelt und gefragt, was uns überhaupt einfalle, eine Kirche abzureissen.» Es sei absurd, ein Gutachten von einer Person erstellen zu lassen, die einen Kirchenabriss aus grundsätzlichen Überlegungen ablehne. Glanzmann wirft der Denkmalpflege vor, ein Gefälligkeitsgutachten bestellt zu haben.
Der Basler Denkmalpfleger Daniel Schneller widerspricht: «Bei St. Michael handelt es sich um einen für Basel und auch die Entwicklung des Kirchenbaus in der Schweiz wichtigen baukulturellen Zeugen aus den 1940er-Jahren.» Der Bau folge auf die ebenfalls in Basel von Hermann Baur erstellte Don-Bosco-Kirche und habe mit einer modernen Architektursprache Entwicklungen der 1950er-Jahre vorweggenommen. Es sei ein «durchgestaltetes Gesamtkunstwerk».
Kirchenrat Glanzmann entgegnet, dass die St. Michael-Kirche nichts Besonderes sei, auch wenn sie von Baur entworfen wurde. Baur habe Dutzende Kirchen gebaut: «Die St.-Michael-Kirche ist eines der schlechteren Beispiele, die er aus meiner Sicht hinterlassen hat.»
Glanzmann, der die gleichnamige Basler Baufirma führt, eckt nicht nur bei der Denkmalpflege an. Der Baulöwe löste mit seinen Vorschlägen auch bei der Kirchenbasis Protest aus. Ein Abriss steht deshalb nicht mehr zur Diskussion. Weiter verfolgt wird aber der gemeinsam mit den Reformierten entworfene Plan, in der St. Michael-Kirche ein ökumenisches Zentrum einzurichten.
Doch auch dieses Vorhaben ist durch das Gutachten der Denkmalpflege gefährdet. Aus Sicht der Reformierten macht ein ökumenisches Zentrum nur Sinn, wenn die Kirchenbänke entfernt werden. Denkmalpfleger Schneller kann noch keine abschliessende Antwort geben, da die Priorisierung der Erhaltenswürdigkeit einzelner Elemente noch nicht vorgenommen worden sei: «Die Bänke bilden aber sicher ein wichtiges Element.»
Das ökumenische Zentrum droht zu scheitern. Glanzmanns Pendant bei den Reformierten ist Kirchenrat Stephan Maurer: «Ich als Pragmatiker sage: Das wird sehr schwierig.» Die Reformierten treiben deshalb ihren Plan B voran. Ihre Kirche im Hirzbrunnenquartier, die St. Markus-Kirche, ist ebenfalls verwaist. Sie soll durch eine Wohnüberbauung ersetzt werden. Das generelle Baugesuch wurde diese Woche eingereicht, wie die «bz Basel» berichtete. Als Option für den Fall, dass die Pläne der Katholiken tatsächlich scheitern, sind Räume für ein ökumenisches Zentrum vorgesehen. In der bz sagte Maurer: «Die Katholiken hinken unserer Planung etwa drei Jahre hinterher.»
Wie viel Zeit der Umbau einer denkmalgeschützten Kirche verschlingt, zeigt sich derzeit bei der Don-Bosco-Kirche im Breitequartier. Sie gehört ebenfalls den Katholiken. Eine Umnutzung wird seit Jahren diskutiert. Resultate liegen nicht vor. Die Katholiken sind immer noch auf der Suche nach neuen Nutzern. Zur Diskussion stehen ein Konzertbetrieb und ein Proberaum für ein Orchester. Einen Konflikt mit der Denkmalpflege will die RKK in diesem Fall vermeiden.
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