Elysée-moi!
Der Schnitzer des Präsidenten

Nicolas Sarkozy wollte die Präsidentschaftswahl 2012 gewinnen, so wie er 2007 gesiegt hatte. Der französischen Staatschef übersah nur ein Detail: Seine früheren Wähler hatten in den letzten fünf Jahre viel gelernt.

Stefan Brändle
Drucken
Teilen
Rein rechnerisch scheint das Rennen für das Elysée sehr offen. key

Rein rechnerisch scheint das Rennen für das Elysée sehr offen. key

Rein rechnerisch scheint das Rennen für das Elysée sehr offen. Nach den offiziellen Ergebnis des ersten Wahlgangs liegt der Sozialist François Hollande mit 28,6 Prozent nur knapp vor dem amtierenden Präsidenten Sarkozy, der auf 27,2 Prozent kommt. Die beiden Spitzenkandidaten trennen nicht einmal 1,5 Prozent Stimmen. Und Sarkozy hat noch zwei Wochen Zeit, den Spiess umzudrehen und in einem Fernsehduell - voraussichtlich Mitte nächster Woche - zu punkten.
Seine Wahlkampfsprecherin Nathalie Kosciusko-Morizet eröffnete am Montag gleich die Feindseligkeiten: Sie warf Hollande vor, er habe "Angst vor der Konfrontation", da er Sarkozys Vorschlag für insgesamt drei TV-Duelle ablehne; zudem drohe Frankreich der "Bankrott", wenn das Programm des Sozialisten umgesetzt werde.
Hollande reagierte wie üblich, indem er den Angriff ins Leere laufen liess. Seine Gelassenheit macht viel deutlicher als das Wahlergebnis, wer wirklich an den Sieg glaubt. In der Sarkozy-Partei UMP gab es am Wahlabend nur lange Gesichter; Sarkozy selbst wirkte angeschlagen. Er weiss, dass der Ausgang des ersten Wahlgangs eine persönliche Schlappe für ihn ist. Viele seiner Wähler liefen zum Front National (FN) über, deren Kandidatin Marine Le Pen mit 17,9 Prozent der Stimmen besser abschnitt, als es ihr Vater Jean-Marie Le Pen bei fünf Präsidentschaftskandidaturen jemals geschafft hatte.
Damit kam es zur umgekehrten Wählerbewegung von 2007: Sarkozy hatte damals mit Sicherheitsthemen erfolgreich Wahlkampf betrieben und schätzungsweise zwei Millionen FN-Wähler abgeworben; (((er kam auf 31,2 Prozent der Stimmen, Jean-Marie Le Pen nur auf 10,4 Prozent.
Warum sind diese Wähler nun wieder von Sarkozy abgefallen? Diese Frage ist nicht nur für die Erklärung des ersten Wahlgangs wichtig; sie dürfte auch die Stichwahl entscheiden. Denn ohne eine massive Stimmübertragung der FN-Wähler hat der konservative Präsident keine Chancen, Hollande zu schlagen.
"Sarkozy wollte verständlicherweise den Coup von 2007 wiederholen", analysierte am Montag Brice Teinturier, Generaldirektor des Umfrageinstitutes Ipsos. "Er ging auf strammen Rechtskurs und sagte der illegalen Immigration den Kampf an. Die Taktik ging aber diesmal daneben." Warum? Jetzt fragten sich viele Wähler, warum Sarkozy Wahlversprechen halten sollte, die er seit 2007 vergessen hatte. Dies gilt nicht nur für die Immigration, sondern vor allem für die Frage der Kaufkraft: Gerade die aus tieferen Einkommenskategorien stammenden FN-Wähler fühlen sich vom früheren Sarkozy-Slogan "mehr arbeiten, um mehr zu verdienen" verschaukelt.
Nicht genug damit: Sarkozy präsentierte sich ausserdem erneut als "Kandidat des Volkes" gegen die Pariser Eliten und gegen "das System". Der Trick verfing auch nicht. "Wie kann ein amtierender Präsident, der das ganze Staatswesen verkörpert, als Systemgegner auftreten?", fragte Le Monde-Chefredaktor Erik Izraelewicz gestern in einem Radiointerview. "Das war total unverständlich für die Wählerschaft des Front National."
Mit anderen Worten: Sarkozy übersah, dass man als Präsident in Amt und Würden nicht den gleichen Wahlkampf betreiben kann wie als brandneuer Kandidat. Die Quittung hat er am Sonntag erhalten. Als erster Präsident der 1958 gegründeten Fünften Republik zieht Sarkozy nicht als Erstplatzierter in die Stichwahl ein. Dieser psychologische Nachteil liesse sich wettmachen, zumal Sarkozy an Wahlmeetings und am Fernsehen besser wirkt als der - persönlich wie inhaltlich - wenig greifbare Hollande.
Zudem folgen die beiden Wahlgänge jeweils einer eigenen Logik: Im ersten stimmen die Franzosen nach ihrem persönlichen Gusto, im zweiten nach der Kompetenz des Kandidaten - schliesslich geben sie die Geschicke der ganzen Nation für fünf Jahre in seine Hände. Auch diesbezüglich hätte Sarkozy mit seiner Elysée-Erfahrung und seinem Ruf als Krisenmanager an sich gute Karten.
Doch auf 27 Prozent zurückgefallen, müsste der Präsident seine Stimmenzahl in zwei Wochen fast verdoppeln. Dazu müsste er die Stimmen Le Pens und des christlichsozialen Mittekandidaten François Bayrou (9 Prozent) fast vollständig auf seine Seite ziehen. Wie das Umfrageinstitut Ipsos gestern vorrechnete, laufen aber nur 60 Prozent "Lepenisten" zu Sarkozy über, während immerhin fast ein Fünftel Hollande vorzieht; Bayrous Stimmen werden hälftig geteilt.
Damit kommt Sarkozy im besten Fall auf 45 Prozent der Stimmen. Ipsos ist am Montag in einer ersten Erhebung zur Stichwahl zu einem ähnlichen Schluss gekommen: Sarkozy kommt demnach nur auf 46 Prozent der Stimmen, Hollande würde mit 54 Prozent klar gewinnen. Wenn der Noch-Präsident diese Tendenz umkehren will, muss er mehr als eine Million FN-Wähler abwerben; und angesichts der Weigerung Le Pens, eine Stimmempfehlung abzugeben, scheint das selbst für einen Politzampano wie Sarkozy äusserst schwierig. Aber wie schon seit heimliches Vorbild Bonaparte sagte: Unmöglich ist nicht französisch.

18. April 2012

Die Rache des Fleischerhakens

Eigene Freunde sind bessere Feinde. Diese Erfahrung macht Nicolas Sarkozy ganz zum Schluss des Präsidentschaftswahlkampfes.

Schwalben machen noch keinen Frühling. Ein untrügliches Zeichen ist es allerdings, wenn die Ratten das sinkende Schiff verlassen. Oder zumindest die Ex-Minister das Elysée. Mitte Woche haben mehrere ehemalige Mitstreiter Nicolas Sarkozys erklärt, sie wollten am kommenden Sonntag für seinen sozialistischen Herausforderer François Hollande stimmen. So etwa seine früheren, parteilosen Minister Martin Hirsch und Fadela Amara.
Die Regierungspartei UMP betitelt die beiden als "Abtrünnige" und "Verräter". Aber bereits haben sich auch andere bürgerliche Ex-Minister wie Jean-Jacques Aillagon oder Corinne Lepage für Hollande ausgesprochen. Beide dienten unter Jacques Chirac, dem Präsidenten von 1995 bis 2007 . Zwei alte "Chiraquisten", Hugues Renson und Jean-Luc Barré, haben ihrerseits verlauten lassen, ihr Mentor wähle Sarkozy. Chirac zwar hatte früher schon erklärt, er ziehe Hollande vor, doch die Pariser Medien sind sich nicht ganz sicher, ob das ein Scherz, Altersdemenz oder eine bewusste Bosheit gegenüber Sarkozy war.

Jacques Chirac

Jacques Chirac

Dominique de Villepin

Dominique de Villepin

Zur Verfügung gestellt

Aktuelle Nachrichten