Die Fusion
Der medialen Aufspaltung vorgebeugt

Der Verwaltungsrat des Aargauer Tagblatts war der Fusions-Idee aus politischen Überlegungen zugetan.

Hans-Peter Zehnder Unternehmer und Verwaltungsrat der AZ Medien AG
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Als die Zeitung noch im Schaukasten hing: Das alte AT-Gebäude an der Bahnhofstrasse in Aarau.

Als die Zeitung noch im Schaukasten hing: Das alte AT-Gebäude an der Bahnhofstrasse in Aarau.

Keystone

Mittwoch, 17. Mai 1995: Im Rotary Club Wynen- und Suhrental war Peter Wanner als Referent zur «Mediensituation im Aargau» eingeladen worden. Im Restaurant «Herberge» in Teufenthal berichtete er über die Trends in der Medienwelt. Brisant waren seine Ausführungen zur Zeitungslandschaft: Der Ostteil des Kantons würde vom Badener Tagblatt (BT) beherrscht, der Westteil vom Aargauer Tagblatt (AT) respektive der Mittelland-Zeitung. Seines Erachtens bestände die Gefahr, dass der Kanton Aargau sich medienmässig aufspalte, wenn sich die beiden Zeitungen vermehrt in Richtung Zürich respektive Zofingen oder Basel orientierten. Ein solches Szenario würde auch politisch und wirtschaftlich zu einer Aufspaltung des Kantons führen, der damit seine Identität verlöre.

Nach dem Ende des Lunchs stellte ich mich bei Peter Wanner vor. Ich hatte ihn zuvor nie persönlich getroffen, jedoch von ihm bei den Beratungen im VR des AT viel gehört. Unser Gespräch dauerte etwa zehn Minuten. Die Botschaft, die ich mitnahm: Peter Wanner bedauerte, dass seitens des AT kein Wille zu einer engeren Zusammenarbeit vorhanden sei. Er würde eine solche begrüssen und deutete auch weitergehende Verbindungen an.

Mir war sofort klar: Der Informationsstand, den wir im AT-VR hatten, war falsch. Denn unser Geschäftsführer berichtete immer wieder über Gespräche mit Peter Wanner, bei denen seitens des BT kein Wille zu einer engeren Zusammenarbeit erkennbar sei.

«Der VR muss das führen»

Als ich nach dem Lunch wieder im Büro war, rief ich umgehend Arthur Gross an, den damaligen VR-Präsidenten des AT: «Arthur, ich habe heute Peter Wanner getroffen, und er hat mir signalisiert, dass wir vom AT uns Gesprächen über eine engere Zusammenarbeit verschliessen. Wir sind bisher falsch informiert worden, nun bist du am Zug, denn dieses Thema muss der VR führen, und nicht der angestellte Direktor.»

Arthur Gross rief Peter Wanner an, und beide waren sich bald einig, dass wir nun auf Stufe VR alle Formen einer engen Zusammenarbeit vertieft prüfen sollten. Arthur Gross lud mich dann ein, ihn zu den Arbeitsgesprächen zu begleiten, was ich gerne machte. Zum ersten Mal trafen wir uns am 14. August 1995 im Hotel Arte in Spreitenbach mit Peter Wanner und Philip Funk als Vertreter des BT. Als neutraler Projektleiter war Konrad Fischer dabei, ein sehr erfahrener Wirtschaftsanwalt aus Zürich. Er stammte aus Aarau und ging mit Peter Wanner in die dortige Kanti. Die Zahl der Mitglieder der Arbeitsgruppe war bewusst sehr klein gehalten worden, um so lange wie möglich höchste Geheimhaltung zu gewährleisten. Wir gaben dem Projekt den Decknamen «K».

Der AT-VR war von Anfang an gegenüber der Idee einer umfassenden Fusion positiv eingestellt. Die politische Vision einer starken kantonalen Zeitung als Brückenfunktion faszinierte uns.

In den meist frühmorgendlichen, zahlreichen Geheimtreffen der Arbeitsgruppe prüften wir verschiedene Formen des Zusammengehens. Neben einer vollen Fusion erörterten wir auch Formen einer Teilfusion und viele Kooperationsvarianten. Es zeigte sich aber schnell, dass eine Vollfusion die beste Konfiguration wäre.

Allerdings stellte sich die Bewertungsfrage als Knackpunkt heraus. Das BT war damals ertragsstärker, denn wir Aarauer hatten vorher eine grosse Investition in den Ausbau der Akzidenzdruckerei bewilligt, was die Ertragslage anfänglich belastete.

Für uns Aarauer war nur eine Fusion zu paritätischen Werten vertretbar. Obwohl die Unternehmensbewertung des BT höher als die des AT war, wussten alle genau, dass solche Berechnungen keine exakte Wissenschaft sind. Zudem dachten wir an die realpolitische Machbarkeit: «Baden übernimmt Aarau» – an der Generalversammlung (GV) des AT wäre dies mit Sicherheit kein mehrheitsfähiger Antrag gewesen.

Auch die ABB-Fusion war paritär

Peter Wanner lenkte – nach anfänglichem Widerstand – dann schnell ein. Er führte während unserer Geheimgespräche immer wieder die ABB-Fusion als Vorbild an. Und wir erinnerten ihn, dass diese aus politischen Gründen ebenfalls eine 50:50-Fusion war.

Am Freitag, dem 15. März 1996, genehmigte dann der VR AT die Fusionsverträge. Wie erwartet, löste die Bekanntgabe der Fusion starke Reaktionen aus, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Fusionsverhandlungen bis zum Schluss geheim gehalten blieben. Eigentlich sehr erstaunlich, denn in den letzten Monaten nahm die Zahl der Projektmitarbeiter stark zu.

Eine Gruppe «besorgter AT-Aktionäre» mit zahlreichen kantonalen Persönlichkeiten trat Mitte April in Erscheinung und sorgte am 3. Mai 1996 an der GV in der «Krone» in Lenzburg für heisse Diskussionen. Über vier Stunden dauerte diese GV. Mit Genugtuung konnten wir dann eine Zustimmung von 82 Prozent der anwesenden Aktienstimmen erreichen.

Vorausblickende Weisheit

Meine persönliche Rückblende: Ein mutiges Projekt, in kurzer Zeit mit einem kleinen Team vorbereitet, wurde von den AT- und BT-Aktionären in vorausblickender Weisheit genehmigt. Denn ohne diese Fusion würden wir heute vielleicht eine Tageszeitung aus Zürich, Basel, Luzern oder Bern lesen.

Ich gratuliere der az zum 20. Geburtstag und wünsche ihr alles Gute für die Zukunft.