Zweiter Weltkrieg
Der Krieg im Limmattal: Strategien und Erinnerungen

Vor 70 Jahren feierte ganz Europa das Ende des zweiten Weltkrieges. Auch im Limmattal war der Krieg präsent gewesen und dessen Abschluss eine grosse Erleichterung. Zwei Limmattaler erinnern sich, wie sie den geschichtsträchtigen Tag erlebt hatten.

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Appell auf dem Pausenplatz des Zentralschulhauses in Dietikon (Archivbild)

Appell auf dem Pausenplatz des Zentralschulhauses in Dietikon (Archivbild)

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Obschon der Zweite Weltkrieg in Europa mit der Unterzeichnung der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 7. Mai und deren Verkündigung einen Tag später zu Ende war, änderte sich der Alltag der Schweizer Bevölkerung nicht schlagartig.

Der Aktivdienst dauerte noch bis zum 20. August 1945. An diesem Tag wurde Henri Guisan als General verabschiedet. Teilweise bis heute sind überdies bauliche Zeugen des Krieges sichtbar. So etwa Teile einer Festungsmauer hinter dem Zentralschulhaus in Dietikon. Der heutige Bezirkshauptort spielte zu Beginn des Kriegs eine wichtige Rolle. So sollte die Armee gerüstet sein für das wahrscheinlichste Szenario eines deutschen Einmarsches, eines Angriffs von Norden her.

Im grenznahen Raum sollte der Gegner von den Grenz- und Vortruppen so lange als möglich aufgehalten werden. Die eigentliche Verteidigungsfront verlief entlang einer Linie, die sich von Sargans quer durchs Mittelland bis nach Basel zog. Wichtiger Teil dieses Verteidigungsdispositivs war die Limmatstellung. Und so wurde aus Dietikon in kurzer Zeit eine Festung.

Der Bunker an der Bertastrasse und die Festungsmauer beim Zentralschulhaus in Dietikon sind stumme Zeugen des zweiten Weltkrieges.

Der Bunker an der Bertastrasse und die Festungsmauer beim Zentralschulhaus in Dietikon sind stumme Zeugen des zweiten Weltkrieges.

Limmattaler Zeitung

Durch die vielen Soldaten, die am Bau mitwirkten, wuchs die Einwohnerzahl des Dorfes temporär auf das Doppelte an. Die Gemeinde zählte zwischenzeitlich 11'000 Einwohner. Nicht nur wegen des für eine Überquerung der Limmat geeigneten Geländes war Dietikon ein strategisch wichtiger Ort. Die Mutschellenstrasse als Übergang ins Reppisch- und Reusstal war von grosser Bedeutung.

Rund um das Dorfzentrum wurde eine Festungsmauer gezogen. Als Besatzung dieser Kernbefestigung waren 500 Mann und 27 Maschinengewehre vorgesehen. An verschiedenen anderen Orten wurden Geländesperren errichtet. Das gesamte Waldgebiet wurde zur Sperrzone erklärt.

Nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich 1940 entstand für die Verteidigung der Schweiz eine völlig neue Situation: Die Armee zog sich ins Réduit zurück. Die Festung, die zu Kriegszeiten sieben Bunker und 900 Meter Festungsmauer umfasste, war nun kein strategisch wichtiger Stützpunkt mehr. (zim)

«Es gab ein bisschen mehr Most»

Geroldswils alt Gemeindepräsident Theo Quinter (87) war bei Kriegsende im Landdienst.

Geroldswils alt Gemeindepräsident Theo Quinter (87) war bei Kriegsende im Landdienst.

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«Als ich vom Ende des Zweiten Weltkriegs erfahren habe, war ich 17 Jahre alt und habe im Bernbiet gerade den obligatorischen Landdienst verrichtet. Damals war es üblich, dass Schüler für zirka drei Wochen Landdienst eingeteilt wurden. Das war harte Arbeit, aber wenigstens hatte man ordentliche Mahlzeiten auf dem Tisch. Wegen der Rationalisierung war das Gold wert.

Rund um den Bauernhof waren auch Soldaten mit ihren Pferden, die ebenfalls bei der Arbeit geholfen haben. Vom Kriegsende habe ich in der Zeitung erfahren, da war das ein ganz grosses Thema. Wir haben zudem auch ab und zu Radio gehört, um uns auf dem Laufenden zu halten.

Aber auf dem Land war man damals schon ziemlich isoliert, darum haben wir nicht gross mitbekommen, wie in den Städten darauf reagiert wurde. Auch von den Konzentrationslagern habe ich erst nach dem Kriegsende erfahren, obwohl immer wieder mal Gerüchte über die Gräueltaten umhergingen.

Ich war sehr erleichtert, als der Krieg zu Ende war. Wir hatten alle bis zum Schluss immer im Hinterkopf, dass die Schweiz vielleicht doch noch von den Deutschen überfallen werden könnte. Ich war zudem erleichtert, weil mein Vater in der Festung Sargans Militärdienst hatte.

Die grösste Erlösung war, zu wissen, dass die deutsche Gefahr endgültig gebannt war. ‹Nie wieder Krieg›, haben wir damals gehofft. Für Feiern war jedoch keine Zeit, schliesslich mussten wir hart arbeiten. Es gab höchstens ein bisschen mehr Most. Nichtsdestotrotz waren die Bauernleute natürlich alle froh.» (YVB)

Soldaten auf dem Zentralschulhausplatz (Archivbild)

Soldaten auf dem Zentralschulhausplatz (Archivbild)

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«Wir bekamen frei»

Der Dietiker Werner Gollob (92) arbeitete, als der Krieg endete.

«Am 8. Mai vor 70 Jahren hatte ich gerade Urlaub vom Militärdienst. Deshalb war ich bei der Papeterie und Druckerei Waser am Limmatquai in Zürich bei der Arbeit. An diesem Tag erhielt der Prokurist einen Anruf von Herrn Waser, der im Militärdienst im Tessin war. Er verkündete uns das Kriegsende und trug dem Prokuristen auf, allen Angestellten 25 Franken auszuzahlen und sie am Mittag nach Hause zu schicken.

Damals waren 25 Franken ein Haufen Geld. Also gingen die anderen 30 Angestellten und ich ins Bahnhof-Buffet, um zu feiern. Das war ein grosses Fest. Wie bei allen anderen herrschte auch bei mir eine grosse Erleichterung, dass der Krieg vorbei war. Nicht zuletzt, weil es auch das Ende meines Militärdienstes bedeutete.

Ich kam mit 19 Jahren in die Rekrutenschule und war zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre alt, hatte also bereits drei Jahre Dienst absolviert. Angst, dass die Deutschen doch noch die Schweiz überfallen könnten, hatte ich schon seit geraumer Zeit keine mehr. Wir haben uns im Ablösungsdienst gesagt, dass es für die Deutschen bald zu Ende sein wird.

Ich habe damals noch in Dietikon gewohnt. Auch dort war die Freude riesig, schliesslich hatte man durch die gewaltige Betonmauer rund um den Ortskern und das ständig anwesende Militär viel vom Krieg mitbekommen.» (YVB)

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