Gesundheit
Der Kanton Bern kämpft gegen den Kinderspeck

Neue Ernährungs- und Bewegungsprogramme sollen Übergewicht bei Kindern verhindern. Langenthal bietet darum den Kurs «Bewegung für Sportmuffel» an.

Johannes Reichen
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Solothurner Zeitung

Seit etwa zwei Jahren bietet der Freiwillige Schulsport Langenthal den Kurs «Bewegung für Sportmuffel» an. Die Anmeldungen halten sich in Grenzen. «Wir haben jeweils zwischen 10 und 15 Teilnehmende», sagt Stephan Kessler, der Leiter des Schulsports. Nun kann dies zwei Gründe haben. Entweder gibt es kaum Sportmuffel. Oder es gibt zu viele hoffnungslose Fälle.

«Es gibt wenige wirkliche Sportmuffel», sagt Kessler. Aber wichtig für ihn ist: Wenn es gelinge, pro Kurs ein paar etwas übergewichtige oder bewegungsängstliche Junge an den Sport heranzuführen, sei das ein Erfolg, sagt er.

«Ernst zu nehmendes Problem»

Es ist eine Minderheit, die an Übergewicht leidet, aber doch eine zu grosse, als dass sie der Kanton Bern vernachlässigen wollte. Und darum hat er im vergangenen Jahr ein Programm mit etwa 20 Angeboten gestartet, das von der Gesundheitsförderung Schweiz im Rahmen einer nationalen Strategie unterstützt und begleitet wird. Viele der Berner Massnahmen sind bei der kantonalen Mütter- und Väterberatung angesiedelt, wo im nächsten Jahr zwei neue «wichtige Angebote» gestartet werden. Übergewicht sei ein «ernst zu nehmendes gesundheitliches Problem», schreibt die Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern. 2009 waren in der Stadt Bern 15 Prozent der Kindergärteler im zweiten Jahr übergewichtig. Noch höher war der Anteil bei den Achtklässlern. So sieht es in der Stadt aus.

In Freudentänze sollten die Jungen aus dem Oberaargau allerdings nicht ausbrechen – es ist ja auch nicht so sicher, ob sie das dynamischer können als die Gleichaltrigen in Bern. «Es ist davon auszugehen, dass es auf dem Land ähnlich aussieht», sagt Cornelia Waser, Projektleiterin im bernischen Sozialamt. Die Annahme, dass sich Kinder dort mehr bewegten als in der Stadt, sei falsch.

Richtig ist es aber, dass es oft schwer ist, an jene zu gelangen, die Probleme mit Gewicht und Ernährung haben. In ihrem neuen Programm «Klemon» setzt die Mütter- und Väterberatung darum vor allem auf Kinderärzte. «Sie sind die Schlüsselpersonen», sagt Geschäftsleiterin Luzia Häfliger. «Klemon» richtet sich an Eltern von zwei- bis fünfjährigen Kindern mit Übergewicht oder der Neigung dazu. Während mindestens sechs Monaten wird das Ernährungs- und Bewegungsverhalten mit den Eltern verfolgt und versucht, es in die richtigen Bahnen zu lenken.

Migranten öfter betroffen

Das zweite Programm «Miges Balù» richtet sich an Familien mit Migrationshintergrund und ist präventiver Art, wie Häfliger sagt. Denn wie der Gesundheitsbericht gezeigt habe, sagt Projektleiterin Waser, treten mangelnde Bewegung und falsche Ernährung bei sozial Benachteiligten stärker auf. «Und Migranten sind öfter sozial benachteiligt», sagt Waser. Beratungen dazu gibt es in Bern, Biel und im Seeland (Lyss), weil es dort am meisten Migranten gibt.

Für die Förderung der Gesundheit in Sachen Bewegung und Ernährung stehen im Kanton Bern jährlich etwa 1,8 Millionen Franken zur Verfügung. Davon kommen 300000 Franken von der Gesundheitsförderung Schweiz. Das Ziel des Aktionsprogramms ist es aber auch, gesundheitliche Folgeschäden zu verhindern und damit Kosten zu senken.

Muffelkurse zusammengelegt

Nicht alle Welt kostet der freiwillige Schulsport in Langenthal. Für 25 Franken kann man einen Semesterkurs besuchen. Das wird rege genützt, von rund 1300 Kindern in Langenthal besuchen etwa 500 ein Angebot des freiwilligen Schulsports.

Trotz geringer Nachfrage gibt es den Kurs «Bewegung für Sportmuffel» weiterhin, aber er wird mit dem zweiten Muffelkurs «Kids in Bewegung» zusammengelegt, der sich an noch Jüngere richtet. «Es geht da vor allem ums Gleichgewicht, um Bewegung», sagt Kessler. Aber auch Ausdauer könnte geübt werden. «Viele haben nach zwei Kursen genug.»