Langenthal
Der Grund ist eine Urkunde aus dem Jahr 861

Ein historischer Hintergrundbericht des Stadtchronisten über die ersten Erwähnungen Langenthals und über die Bedeutung des Namens Langenthal in der vorkeltischen Zeit.

simon kuert*
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Die Vorderseite der frühmittelalterlichen Urkunde ... fotos: zvg

Die Vorderseite der frühmittelalterlichen Urkunde ... fotos: zvg

Solothurner Zeitung

Eigentlich feiert Langenthal 2011 gar nicht seinen 1150. Geburtstag. Denn der Ort bestand schon vorher. Die Urkunde von 861, auf die sich alle die Geburtstagsfeierlichkeiten in diesem Jahr stützen, weist mit der Ortsnamenserwähnung darauf hin: «Langatun oder Langatum» ist gemäss Ortsnamenslexikon (2008) ein so genannter «dunum-Name».

Namensforscher geben an, dass sich Langatun aus dem Wort «Langadunum» herausentwickelt hat, was nichts anderes heisst als «befestigter Platz an der Langa». Und Langa bedeutet schon vorkeltisch einfach Wasserlauf. Tatsächlich haben die jüngst erfolgten archäologischen Grabungen im Unterhard eine keltisch-römische Besiedelung bestätigt. Der entdeckte Gutshof auf dem Geissberg könnte sich aus dem befestigten Ort (kelt. dunon, lat. dunum) an dem Wasserlauf entwickelt haben.

Oberaargauer Besitz übertragen

Dieses «Langatun» oder «Langatum» wird nun also in einer frühmittelalterlichen Urkunde, die ein Mönch namens Cezzo im 22. Regierungsjahr des Königs Ludwig (der Deutsche, 806–876) verfasste, erstmals schriftlich erwähnt. Es handelt sich bei der Urkunde um eine Kopie, die im Kloster St.Gallen angefertigt worden war. Das Original blieb entweder am Ausstellungsort (Mengen) oder im Altar der begünstigten Kirche (Wittnau bei Freiburg im Breisgau) und ist heute verloren.

Die Urkunde bestätigt, dass Theathart und Buobo, zwei Brüder aus einem süddeutschen alemannischen Adelsgeschlecht, ihren Besitz im Oberen Aargau (in superiore pago aragauginse), namentlich in den Ortschaften Bäriswil (Perolteswilare) und Langenthal (Langatun), dem Kloster St.Gallen übertrugen. Zugleich wird in der Urkunde festgehalten, wie sich beide verpflichteten, der Gallus-Kirche Wittnau jährlich zwei Denare Zins zu zahlen. Der zweite Teil der Urkunde regelt ausführlich die Rückkaufsbedingungen und zählt am Schluss unter den Zeugen auch 19 Oberaargauer namentlich auf. Wir lesen aus ihnen spätere Vornamen etwa Herewine (Erwin), Vualtine (Walter), Ruadhart (Rudolf), Richolf (Richard).

Die Langenthaler Urkunde ist eine von fünf frühmittelalterlichen Urkunden aus dem Kloster St. Gallen, die den Oberaargau betreffen. Sie enthalten für den Historiker wertvolle Informationen über die Zeit in unserer Region zwischen 843 und 900. Es ist die Zeit nach der Teilung des grossen karolingischen Reiches im Jahre 843 (Vertrag von Verdun). Damals markierte die Aare die Grenze zwischen dem Mittelreich Lothars und dem Ostreich Ludwigs des Deutschen.

Das Land in dem Grenzgebiet war besonders umstritten. Es ist offensichtlich, dass alemannische Sippen wie die der Adalgozzinger im Langetenthal oder der Theathart /Buobo-Familie ihren Besitz für die Zukunft sichern wollten und ihn deshalb in die Obhut des Klosters St. Gallen übertrugen. Dass solche Güterübertragungen in einer unsicheren Zeit durchaus Sinn machten, beweist eine weitere Oberaargauer Urkunde, die ein halbes Jahrhundert später vom Burgunderkönig Konrad ausgestellt wurde (949). In dieser ist zu lesen, wie der König einem Bercharius Rechte in Rocconvilare (Roggwil) überlässt. Es handelte sich hier wohl um Rechte, die ursprünglich auch alemannischen Adeligen gehörten, diesen aber durch die mittelfränkischen Burgunder entrissen wurden.

Hinweise zur Besiedelung

Auch zur Besiedelung des Oberaargau geben die Urkunden einige Hinweise: Diese erfolgte im 7./8. Jahrhundert schrittweise durch alemannische Siedlergruppen von Nordosten her. Während die einen sich im Mittelland entlang der alten römischen Heeresstrassen zum Teil mit der ansässigen romanischen Bevölkerung verbanden, stiessen andere später im 8./9. Jahrhundert weiter ins hüglige Gebiet des Oberaargau (Langentental) vor, rodeten Wald und bauten ihre Siedlungen. In deren Zentren stifteten die Sippenvorsteher Kirchen, in Rohrbach gar ein kleines Kloster. Die Kirche war für den alemannischen Adel wichtig. Sie sicherte mit ihren Sakramenten (Taufe, Messe) die Verbindung zwischen Zeit und Ewigkeit und damit auch das ewige Seelenheil. Deshalb übertrugen Theathart und Buobo ihre Güter dem Kloster St.Gallen auch im Blick auf ihr Seelenheil und die ewige Vergeltung.

So geben die Urkunden auch einigen Aufschluss über die Religion der frühmittelalterlichen Siedler. Die Christianisierung erfolgte nicht durch Bekehrungspredigten von Wandermönchen, sie war vielmehr ein lang andauernder Prozess, der sich konkret über den Sakramentsvollzug der Priester in den kleinen Landkirchen entfaltete. In diesem Zusammenhang ist auch der neu entdeckte Austausch von biblischen Büchern zwischen St.Gallen und Rohrbach zu sehen, welcher vom Stiftsarchivar des Klosters, Peter Erhart, als kleine Sensation gewertet wird (vgl. Jahrbuch des Oberaargau, 2010).

Jubiläum eventuell zu spät?

Die Langenthaler Urkunde zeigt schliesslich auch auf, wie schwierig es ist, die Abfassung einer Urkunde genau zu datieren, wenn eindeutige Zeitangaben fehlen. Der erwähnte Priester Cezzo, der damals in Mengen urkundete, erwähnt bloss den genauen Tag, das Jahr aber muss aufgrund der Angabe «im 22. Regierungsjahre König Ludwigs» rekonstruiert werden. Bisher nahm man als Referenzjahr das Jahr 840 (Tod des Vaters Ludwig des Frommen) an. Nun haben neuere Forschungen gezeigt, dass sich Ludwig bereits ab 833 König genannt hat. Deshalb könnte die Urkunde auch schon 854 oder 855 abgefasst worden sein und die bereits erfolgreich gestarteten Veranstaltungen zu 1150 Jahre Langenthal kämen demnach zu einem falschen Zeitpunkt. Doch das sind Probleme der Frühmittelalter-Forschung. Wichtig ist, dass die Urkunde den Langenthalern 2011 Anlass gibt, sich zu bewegen, den Ort zu beleben, sich zu begeistern und zu bilden.