Gotthard
Der Gottharddurchbruch - ein Weltereignis. Schon damals

Wie das «Aargauer Tagblatt» am 29. Februar 1980 über den Durchstich für den ersten Gotthard-Eisenbahntunnel berichtete.

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Durchschlag Vormittags 9 Uhr! So lautet das uns diesen Vormittag zugekommene Telegramm aus Amsteg; der Gotthard ist durchstochen, wurde Nachmittags wiederholt! Seit dem ersten Telegramm war nämlich noch nicht der vollständige Durchbruch gemeint, da dieser erst Nachmittags 1 Uhr erfolgte; Samstag Abends 9 Uhr schon durchbrach die Sonde wider aller Erwarten die äusserste Wand der Airoloseite. Heute nachmittags konnten sich die Arbeiter von Nord und Süd die Hände reichen. Nach 1 Uhr langten die Arbeiter von Göschenen in Airolo an, dort wie in Göschenen grosser Jubel. Feierliche Begrüssung, Glockengeläute und Kanonendonner verkündet der staunenden Welt das grosse Ereignis.

Millionen Menschen sind in den letzten Tagen gespannt gewesen auf obige Mitteilung, welch uns heute endlich der Telegraph gebracht hat, enthält dieselbe doch die Bestätigung, dass eines der grössten Werke aller Jahrhunderte , welches der menschliche Geist erstellen kann, seine Vollendung erreicht hat. Wenn die Linie damit auch noch nicht vollendet ist, so will dies nichts sagen, da ja das Gotthardloch die Hauptsache ist. Der Gotthard ist durchbrochen!

welch' schweres, bedeutungsvolles Wort! Welche Pläne, welche Hoffnungen knüpfen sich an dasselbe, wie mancher Landesteil freut sich auf nun folgende bessere Tage! Nicht alle diese Hoffungen werden in Erfüllung gehen aber so viel ist sicher, dass unser Vaterland die grossen Opfer, welche es für dieses Unternehmen brachte, nicht umsonst gebracht hat. Leider hat der Unternehmer selbst, dessen Namen immer mit seinem Werke genannt werden wird, leider hat der kühne Favre die Vollendung desselben nicht erlebt und ebenso schmerzlich muss es uns berühren, dass dessen Miturheber der grossen Tat , dass unserem Feer-Herzog - auf dessen Hause heute zur Feier des grossen Ereignisses das von seiner Familie aufgehisste eidgenössische Banner weht - nicht vergönnt war, den heutigen Tag zu schauen.

Im Fernern ist der Hinscheid eines eifrigen Mitgliedes der Gotthardbahndirektion, des Hrn. Weber, zu bedauern. Wenn wir heute einen Blick werfen auf die Geschichte des Gotthardbahn-Unternehmenes, so finden wird da ein gutes Stück unserer eigenen Geschichte währen der letzten 20 Jahre. Die Idee eines Alpendurchstichs datiert freilich viel weiter zurück, aber der Gotthard steht erst seit 1860 im Vordergrund.

Zu Anfang der sechziger Jahre bildete sich die sogen Gotthardvereinigung, die aus einer grossen Zahl von Kantonen und zwei Eisenbahngesellschaften bestand, in ihrem Auftrag arbeitete Hr. Ingenieur Wethli einen Plan und einen Kostenvoranschlag für eine Gotthardbahn aus (1863); weitere Arbeiten wurden von Beck und Herwig gemacht (1865), worauf die Sache in Folge der damaligen Kriegsereignisse ins Stocken geriet. 1869 erst entstand die internationale Konferenz, welche den Bau der Bahn einer Gesellschaft übertrug.

Am 15 Oktober jenes Jahres wurde der Gotthardvertrag geschlossen, welcher im Juli 1870 von den eidgenössischen Räten genehmigt wurde. Die Kosten wurden auf 187 Millionen Franken veranschlagt. Durch ein Konsortium wurden 102 Millionen Privatkapital beschafft, 85 Millionen mussten durch Subventionen gezeichnet werden; auf die Schweiz fielen hievon 20 Millionen.

Das Gotthard-Unternehmen war nun aller menschlicher Berechnung nach gesichert und wenn auch der deutsch-französische Krieg einen momentanen Halt gebot, so konnte doch am 7. August 1872 der grosse Tunnel dem Herrn Louis Favre von Genf vertraglich übergeben werden; derselbe soll bis 1. Oktober 1880 in allen Teilen vollendet sein. Für jeden Tag Verspätung müssen 5000 Franken Konventionalstrafe bezahlt werden, für jeden Tag früherer Vollendung würde der Unternehmer 5000 Franken Gratifikation erhalten. Der Tunnel liegt 1100 Meter über dem Meeresspiegel und ist 14,900 Meter (49,339 Fuss) lang. Es dürfte für unsere Leser heute nicht uninteressant sein, sich die Verteilung der damaligen Schweizerischen Gotthardsubvention vor Augen zu führen.

Es übernahmen Zürich 1,5 Millionen, Bern 1,1 Millionen, Luzern 2,15 Millionen, Uri 1 Million, Schwyz 1 Million, Unterwalden 60000 Franken, Zug 250000 Franken, Solothurn 300000 Franken, Baselstadt 1,2 Millionen, Baselland 1500000 Franken, Schaffhausen 150000 Franken, Aargau 1,02 Millionen, Thurgau 100 000 Franken, Tessin 3 Millionen, Nordost- und Zentralbahn 7,02 Millionen.

Die Arbeiten wurden sofort in Angriff genommen; die so genannten italienischen Talbahnen von Biasca bis Locarno und von Lugano bis Chiasso sind schon seit Langem in Betrieb in einer Länge von 67 Kilometern. Diese Bahnen kamen gegenüber dem Voranschlag (17 600 000 Franken) fast auf das Doppelte zu stehen (32 200 000 Franken) und es erzeigte sich überhaupt bald, dass man bei der Kostenberechnung die Rechnung ohne den Wirth gemacht hatte.

Schon im Jahre 1875 liessen sich einzelne Stimmen vernehmen, dass die vorhandenen Mittel zur Ausführung des Riesenwerkes nicht genügen möchten; die Gerüchte nahmen bald festere Gestalt an und am 3. März 1876 trat die Gotthardbahngesellschaft vor den Bundesrat mit dem Geständnis, dass man sich bei der Kostenberechnung um runde 35 Prozent oder nahezu 61, 5 Millionen geirrt habe; wenn man dabei den Mehrbedarf an Bauzinsen und Geldbeschaffungskosten in Berücksichtigung zog, so war das Defizit mit 102 Millionen nicht zu hoch gegriffen.

Durch eine Expertise wurde dann dieses Mehrbedürfnis auf 74 Millionen normiert; die am 4. Juni 1877 in Luzern tagende Konferenz, konnte hievon nicht abmarkten. Wo aber diese Millionen nehmen?! Man sah di Unmöglichkeit hierzu ein und entschloss sich zu einer Reduktion des Bauprogramms und die Gotthardbahn wurde auf die Linie Immensee-Bino reduziert; Immensee-Meggen Luzern; Arth- Zug und Tenere-Linie sollten wegfallen. Dadurch wurde das Defizit auf 40 Millionen Franken herabgedrückt und an dasselbe sollte zahlen: Deutschland und Italien je 10 Millionen, die Schweiz 8 Millionen und die Bahngesellschaft selbst 12 Millionen.
Wer

Wer erinnert sich nun nicht an jene denkwürdigen Tage vom 30. Juli bis 22. August 1878 bis 22. August 1878, an welchen im Bundesrathause die gewaltigen Redeschlachten für und gegen den Gotthard geschlagen wurden. 58 Redner haben während den Beratungen das Wort ergriffen und zwar 5, 10 und 20 Mal, bei der Abstimmung sprachen wiederum 49 Redner wiederholt ihre Ansichten aus. Die Beratungen wurden mit Ruhe und der tiefe Sache geziemenden Würde geführt, aber doch musste es eine zeit lang einen bemühenden Eindruck machen, dass so viele Redner nicht begreifen wollten, dass es sich hier nicht um eine Geldfrage, sonder um die Ehre, ja um die Unabhängigkeit der Schweiz handle.