Gefängnis Pöschwies
Der Gefängnisdirektor blickt auf seine Zeit in der Pöschwies zurück

Am 31. Dezember 2012 hat Ueli Graf seinen letzten Arbeitstag in der Pöschwies. Er blickt zurück auf persönliche Krisen und starke Veränderungen in der Art des Strafvollzugs und der Inhaftierten.

Matthias Scharrer
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Bleibt nur noch bis Ende Jahr: Direktor Ueli Graf vor dem Eingang der Strafvollzugsanstalt Pöschwies.

Bleibt nur noch bis Ende Jahr: Direktor Ueli Graf vor dem Eingang der Strafvollzugsanstalt Pöschwies.

Matthias Scharrer

Ueli Grafs Büro liegt hinter dicken, hohen Mauern. Wer zu ihm will, muss strenge Sicherheitskontrollen durchlaufen. Es ist ein bisschen wie am Flughafen. Nur herrscht hier, im Eingangsbereich der Strafvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf, keine Ferienstimmung.

Die Dame an der Sicherheitsschleuse mustert den Besucher mit ernstem Blick, nachdem sie sein Gepäck durchleuchtet hat. Ansonsten ist kein Mensch zu sehen; kein Geräusch zu hören. Dann erscheint Graf hinter einer Glastür.

Der gross gewachsene Mann im dunklen Anzug ist Direktor der Strafvollzugsanstalt Pöschwies – noch bis zum Jahresende. Anschliessend geht Graf in den Ruhestand. Wie hat sich das grösste Gefängnis der Schweiz verändert, seit Graf 1997 als Direktor hier anfing? Und wie hat die Anstalt ihn verändert?

Vom Sozialpädagogen zum Gefängnisdirektor

Ursprünglich hatte Graf Sozialpädagogik gelernt und in Heimen gearbeitet. Er erinnert sich an seine beruflichen Anfänge: «Wir hatten das Gefühl, alles sei machbar. Wir könnten Menschen, die vom Weg abgekommen sind, auf den Weg zurückbringen.» Nun, am Ende seines Berufslebens, sagt der 64-Jährige: «Ich habe meinen Optimismus ein Stück weit verloren. Wir können gewisse Menschen nicht mehr ändern.» Bei manchen sei «es» in der Persönlichkeit so angelegt, dass man sie nicht mehr herauslassen könne.

Zwar habe man intensiv daran gearbeitet, vor allem bei Sexual- und Gewaltstraftätern vom reinen Strafvollzug zu einem Behandlungsvollzug überzugehen; sie also nicht einfach wegzusperren, sondern zu behandeln, mit dem Ziel, das Rückfallrisiko zu vermindern, resümiert Graf.

Doch gleichzeitig nahm die Bereitschaft, solchen Tätern eine zweite Chance zu geben, in der Gesellschaft ab. Entsprechend gibt es heute vermehrt alte Gefangene, die schon seit 20 oder 30 Jahren einsitzen.

Viele Veränderungen im Lauf der Jahre

Auch die Art der Inhaftierten veränderte sich im Lauf der Jahre: «Wir haben vermehrt psychisch Kranke, die nur dank Psychopharmaka den Vollzug überhaupt schaffen», sagt Graf. 150 der 420 Pöschwies-Insassen nähmen regelmässig Medikamente, um ihre Unruhe und Ängste zu bewältigen. Viele von ihnen seien arbeitsunfähig oder liessen in den Werkstätten der Anstalt jegliche Arbeitshaltung vermissen.

70 Prozent der Pöschwies-Insassen sind Ausländer. «Sie stammen zumeist aus Unruhe-, Kriegs- oder Bürgerkriegsgebieten, wo es gar nicht möglich gewesen wäre, zu einer Ausbildung zu kommen», erklärt Graf und stellt den typischen Lebensweg vieler Insassen dar: «Sie kommen aus wirtschaftlichen Gründen in die Schweiz, dürfen hier nicht arbeiten und werden delinquent.»

Sparmassnahme beeinträchtigt Zusammenleben

Infolge des kantonalen Sanierungsprogramms von 2004 sind in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies 60 Zellen doppelt belegt – ein Zustand, der den von der Schweiz unterschriebenen Europarats-Normen widerspricht. Auch das Bundesamt für Justiz rügte die Doppelbelegung und verlangte, sie sei rückgängig zu machen.

Eigentlich hätte der Kanton dieser Forderung mit der Eröffnung des Gefängnisses Limmattal Anfang 2010 nachkommen wollen, wie Graf an einer Gerichtsverhandlung im Jahr 2008 sagte. Doch nichts geschah, obwohl er das Thema immer wieder angesprochen habe.

Vor Gericht aussagen musste Graf damals, weil 2006 ein Doppelzellen-Insasse seinen Mitbewohner zu Tode geprügelt hatte. Das zweite Tötungsdelikt innerhalb des Gefängnisses während Grafs Amtszeit ereignete sich 2008: Ein Verwahrter hatte einen jungen Menschen, der nur eine geringfügige Haftstrafe abzusitzen hatte, in seine Zelle gelockt, sexuell missbraucht und getötet. Graf wurde angezeigt und einvernommen, das Verfahren gegen ihn wurde dann jedoch eingestellt.

Dennoch fühlte Graf sich verantwortlich für das, was in «seiner» Anstalt geschehen war. Selbstzweifel kamen auf. «Ich war so weit, dass ich fand, ich kann diese Aufgabe nicht mehr wahrnehmen.» Er nahm eine vierwöchige Auszeit und verbrachte drei Wochen davon in Psychotherapie. «Dabei lernte ich, zwischen meiner Person und meiner Funktion besser zu trennen», sagt Graf, der noch immer im Gefängnisdirektorenhaus unweit der Strafvollzugsanstalt Pöschwies wohnt.

Bald kommt der letzte Arbeitstag

Schon bald wird die Trennung zwischen Graf und seiner Funktion als Gefängnisdirektor definitiv: Am 31. Dezember 2012 hat er seinen letzten Arbeitstag. Auch das Gefängnisdirektorenhaus muss er verlassen. Es wird nach über 100 Jahren abgebrochen. «Ich kann mir noch nicht so recht vorstellen, wie es ist, wenn ich am 3. Januar nicht mehr arbeite», sagt Graf.

Ihm schwebt vor, nebst einer neuen Wohnung in der Schweiz künftig auch ein Standbein in Frankreich zu haben. Zudem schliesst Graf, der sich einen «eingefleischten Hündeler» nennt, derzeit die Ausbildung zum Hundeinstruktor ab – für die Zeit nach dem Gefängnis.