Europameisterschaft
Der coole Jogi und die geschönte Realität von der Europameisterschaft

Lässig schleicht sich Bundestrainer Jogi Löw an den Balljungen heran, erlaubt sich mitten im Spiel der Spiele für die Deutsche Fussballnationalmannschaft einen Scherz mit einem Balljungen. Jetzt erfahren wir: Diese Szene stammt aus der Konserve.

Dino Nodari
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Die Uefa macht sich die Europameisterschaft wie sie ihr gefällt. Dass man als Zuschauer kaum Bilder von den tatsächlichen Zuständen in der Ukraine, von politischen Protesten und Unterdrückung zu sehen bekommt, damit hat sich der geneigte Fernsehzuschauer bereits abgefunden. Nun aber wird bekannt, dass auch die Live-Bilder von zumindest einem Spiel manipuliert wurden.

Wie viel Realität zeigen die Live-Bilder aus der Ukraine und Polen? Diese Frage drängt sich seit dem Euro-Spiel Deutschland gegen Holland auf. Mitten im Spiel beim Stand von 0:0 ist der deutsche Bundestrainer Jogi Löw zu Spässen aufgelegt. Kaugummi kauend schleicht er sich an einen Balljungen heran, schlägt ihm den Ball aus der Hand und klopft dem verdatterten Jungen kumpelhaft auf die Schultern. Ein Trainer der während einem derart wichtigen Spiel so cool bleibt, muss einfach Europameister werden, sagt man sich zu Hause vor dem Bildschirm.

Szene vor dem Spiel aufgezeichnet

Im Netz verbreitet sich die Szene in Windeseile, wird verteilt und wie wild angeklickt. Auch beim deutschen Fernsehen ZDF gibt die Szene nach dem Spiel noch zu Reden. Zuerst im Interview mit dem Bundestrainer. Darauf angesprochen erklärte Löw dem erstaunten Fernsehpublikum, dass die Anekdote vor dem Spiel stattgefunden habe.

Der Reporter insistiert: «Nein, das war doch beim Stand von 0:0» Nun muss die Uefa kleinlaut bestätigen, dass die Szene vor dem Spiel aufgezeichnet und während dem Spiel eingespielt wurde.

Sender haben ein Fertigprodukt eingekauft

Millionen von Fernsehzuschauern und auch die Fernsehanstalten fühlen sich hintergangen und manipuliert. Die übertragenden Fernsehanstalten haben keinen Einfluss auf die Bilder, die von einem zentralen Produzenten der UEFA angeliefert werden. Die Sender haben ein Fertigprodukt eingekauft, das von A bis Z von der UEFA produziert wird. Das hat zur Folge, dass keine Flitzer, Hooligans, leere Sitzreihen oder politische Aktionen das geschönte Bild des Fussballfestes stören.

Kritik hinter vorgehaltener Hand

Noch halten sich die Fernsehverantwortlichen mit offener Kritik an der Uefa zurück. Jörg Schönenborn von der ARD sagt dazu: «Die Kritik an der Uefa insgesamt ist überzogen, wir arbeiten mit ihr sehr gut zusammen. Natürlich wäre für uns jede Form von Zensur oder Manipulation nicht tragbar. Gerade deshalb haben wir gegenüber der Uefa sehr deutlich gemacht, dass das deutsche Publikum erwartet, dass live drin ist, wenn live drauf steht.»

Hinter vorgehaltener Hand sei jedoch zu hören, dass sich ARD und ZDF an dieser Art der Berichterstattung sehr stören würden, schreibt die «Financial Times Deutschland». Das Fussballfest werde geschönt und nur dasjenige gezeigt, was in das Weltbild der Uefa passe.