Graben
Der Biologe, der Bauer und der Biber

Peter Lakerveld und Rudolf Reinmann an der Önz auf den Spuren des Bibers. Er ist das einzige Tier, das die Umgebung gestalten kann - und so einen Lebensraum für viele anderen Tier- und Pflanzenarten schafft.

Johannes Reichen
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Solothurner Zeitung

Er will etwas zeigen, aber er findet es nicht. Auf dem schmalen Feldweg fährt Landwirt Rudolf Reinmann mit seinem Auto langsam geradeaus und blickt nach rechts, aber er sieht es nicht. Dicht stehen die Bäume und Büsche, Schnee liegt, die Sonne scheint durch. Nichts ist zu sehen. Der Winter hütet die Geheimnisse des Waldes gut.

Also legt Reinmann den Rückwärtsgang ein, es geht wieder retour, zum Anfang des Strässchens. Dann steigt er aus seinem Wagen, hier irgendwo muss es sein, er hat es doch kürzlich entdeckt. Auch Biologe Peter Lakerveld steigt aus, hoffnungsfroh. Er will es sehen.

Und dann, mit einem Mal, stehen sie davor, deutlich und dunkel liegt er zu ihren Füssen. Zwischen dem Geäst glänzt ein Spiegel im Gegenlicht. Vor einem Monat noch lagen hier nur Holz und Erde. Jetzt spritzt Wasser auf. Eine Stockente surft über den kleinen neuen Waldsee.

Kleinholz im Kleinholzwald

«Der Biber», sagt Lakerveld zuvor am Küchentisch in Reinmanns Bauernhof, «ist das einzige Tier, dass die Umgebung gestalten kann. Er schafft so Lebensraum für viele weitere Tier- und Pflanzenarten.» Und wie man diesen See sieht, so ist klar, wie Lakerveld das gemeint hat. Im Unterwald bei Graben hat sich in den vergangenen Wochen ein kleiner See aufgestaut.

Ein Damm aus Ästen und Zweigen, kaum einen Meter breit, hält das Wasser grösstenteils vom Abfliessen ab. An dem kleinen Riedbach hat sich eine Biberfamilie eingerichtet, und sich den Lebensraum geschaffen, den sie braucht zum Überleben.

Die Skepsis der Bauern

Biologe Lakerveld ist Projektleiter von Hallo Biber Mittelland, einer Aktion von Pro Natura. Im Rahmen des Artenschutzprogramms Smaragd Oberaargau berät er Landwirte, die sich mit dem Biber arrangieren wollen. «Die Skepsis der Landwirte gegenüber dem Biber ist spürbar», sagt er. Manchmal braucht er fünf Besuche, um sie zu überzeugen. Jetzt aber machen bereits sechs Bauern mit bei «Smaragd». Reinmann ist einer von ihnen.

Wenn er abends in seinem Hof in Graben im Bett liegt, kann er das Rauschen der nahen Önz hören, das er so schön findet. Als vor ein paar Jahren erste Spuren des Bibers am Fluss zu sehen waren, da hatte ihn das auch gefreut. Diese Freude aber wich bald, als seine 30 oder 40 Jahre alten Fichten plötzlich ohne Rinde dastanden, das gefiel ihm nicht mehr so. Also handelte er und setzt jetzt auf seinem Land an der Önz auf
Weidenkulturen.

Schäden vermeiden

Auf sechs bis zehn Aren entlang der Önz wird er im nächsten Frühling Weiden anpflanzen, «ein Mosaik», auch Eschen haben noch ihren Platz. Aber die Biber werden künftig hinter die weichen Weidenhölzer gehen, statt die Rinde von Obstbäumen zu fressen. «Mit relativ geringem Aufwand können so Schäden vermieden werden», sagt Lakerveld.

Neben Weidenkulturen sind auch Pufferstreifen ein wirksames Mittel gegen Schäden, die der Biber verursacht. Mindestens zehn Meter breite extensive Wiesen verhindern, dass der Biber auf landwirtschaftliche Kulturen ausweicht. Liegen gelassenes Holz ist ebenfalls eine geeignete Nahrungsquelle für die Nager.

Reinmann bekommt für seine Weidenkultur Geld vom Smaragd-Projekt, aber das ist nicht der Grund. «Es gibt keinen finanziellen Anreiz», sagt er, die Entschädigung falle bescheiden aus, der Aufwand halte sich aber auch in Grenzen. «Zustupf», so nennt es Lakerveld.

Ein kleines Übel

An der Önz gibt es derzeit etwa fünf Biber-Reviere, was heisst, dass knapp 20 Tiere am Fluss leben. Mehr werden es nicht. «Der untere Abschnitt der Önz ist besiedelt», sagt Peter Lakerveld, «die Reviere sind abgesteckt.» Darum müssen sich Jungtiere neue Gebiete suchen und gelangen so in kleinere Bäche, wie etwa den Riedbach, aus dem jetzt ein See geworden ist.

Auch Reinmann hat Freude an dem Teich. Er sieht es als eine Aufgabe der Landwirtschaft an, die Landschaft zu schützen. Und so hat er auch mit dem Biber zu leben gelernt. «Im Wallis haben sie den Wolf, im Bündnerland den Bären, im Jura den Luchs. Wir haben das kleinste Übel», sagt er und lacht.

Ganz genau weiss Rudolf Reinmann allerdings nicht, wovon er spricht, wenn er vom Biber spricht. Er hat noch nie in seinem Leben einen Biber gesehen.

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