Langenthal
Der aktuelle «Volksfeind» überzeugt

Der Mut des Theaters Biel Solothurn, Henrik Ibsens Stück der Zeit anzupassen, erntet in Langenthal viel Applaus, genauso wie die Einführung von 13 Gymnasiern.

Jana Fehrensen
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Wittert einen Skandal: Kurarzt Thomas Stockmann (r.) im Gespräch mit Bruder Peter, Stadtpräsident. E. Rieben/Zvg

Wittert einen Skandal: Kurarzt Thomas Stockmann (r.) im Gespräch mit Bruder Peter, Stadtpräsident. E. Rieben/Zvg

Solothurner Zeitung

Es ist bereits zur guten Tradition des Stadttheaters Langenthal geworden, die Aufführungen bedeutender Schauspiel- und Musikwerke durch eine Einführung dem Publikum besser zugänglich zu machen. Stehen bei diesen Einführungen sonst immer Fachleute vor dem interessierten Publikum, war das am letzten Freitag für einmal anders. Dreizehn Tertianer des Gymnasiums Langenthal haben sich unter der Anleitung ihres Lehrers Peter Iseli mit dem Werk von Henrik Ibsen auseinandergesetzt und eine ansprechende Einführung für das Langenthaler Theaterpublikum erarbeitet.

Den Rahmen der Einführung bildeten kleine Dialoge, die einerseits dem Werk selber entnommen wurden und andererseits aus eigenen Reflexionen zum Werk hervorgingen. Danach wurde geschickt die Handlung des Stückes mit der Charakterisierung der einzelnen Figuren verbunden. Für die späteren Zuschauer wars eine wertvolle Grundlage fürs nachfolgende Theaterstück. Denn die moderne Fassung des «Volksfeinds» von Regisseurin Katharina Rupp hält sich mitnichten wörtlich an Ibsens Vorlage. Das Publikum zeigte sich beeindruckt von der professionellen Leistung der Schüler.

Der heutige «Volksfeind»

Ein Umweltskandal direkt vor der eigenen Haustür. Der Kurarzt Thomas Stockmann hat schon lange so etwas vermutet. Die Häufung von mysteriösen Krankheitsfällen habe ihn veranlasst, eine Untersuchung über die Qualität des Heilwassers in Auftrag zu geben. Das Gutachten der Universität bestätigt seine schlimmsten Vermutungen. Das Wasser ist tatsächlich durch die Abfälle der Verpackungsindustrie verseucht. Der Aquapark ist eine gut getarnte Giftgrube.

In seinem Geiste sieht sich Dr. Stockmann schon als Retter der Stadt in die Geschichte eingehen, doch er irrt gründlich. Weder die Aquaparkbetreiber noch die Politik haben ein Interesse daran, die Ergebnisse des Gutachtens publik zu machen. Denn das würde die Schliessung des Aquaparks und den finanziellen Ruin der Stadt bedeuten.

Und auch die Bevölkerung kann sich ausrechnen, was das Ausbleiben der Kurgäste bedeuten würde. Selbst die sich gerne als kritisch bezeichnende Presse distanziert sich von einer Veröffentlichung. Als man versucht, den Arzt mundtot und unglaubwürdig zu machen, erkennt er einen noch grösseren Skandal, der sich auf der gesellschaftlichen und politischen Ebene abspielt. Eigeninteressen, Lobbyismus und Korruption sind für ihn noch schlimmer als der hausgemachte Umweltskandal. Im Zentrum dieser Machenschaften steht noch dazu als Drahtzieher sein eigener Bruder, der Stadtpräsident.

In einer Fernseh-Talkshow konfrontiert er die Bürger der Stadt mit seiner Erkenntnis und wird prompt zum Volksfeind deklariert. Er bleibt allein mit seiner Erkenntnis. Ihm gegenüber steht die kompakte Majorität der Stadt.

Schon auf den ersten Blick unterscheidet sich die Fassung von Katharina Rupp von Ibsens Vorlage. Aus einer Badeanstalt wird ein Aquapark, aus einer Volksversammlung eine Fernseh-Show und der Stadtvogt wird sogar zu einem Stadtpräsidenten. Doch ihre modernisierte Fassung, die sich auf wenige Charaktere konzentriert und die Handlung in die Gegenwart verlegt, schärft die Fragestellung des Stückes und seine ungebrochene Aktualität.

Grosse, bewegliche und beleuchtete Paneele und moderne Kamera- und Übertragungstechnik bilden einen dynamischen Hintergrund für das Agieren des gut aufeinander eingespielten Ensembles. An den einzelnen Figuren wurde offensichtlich intensiv gearbeitet. Der naiv-idealistische Dr. Stockmann (Günter Baumann) wirkt ebenso überzeugend wie sein machthungriger, Ämtli-sammelnder Bruder (Gerhard Palder) oder der opportunistische Aslaksen (René-Philippe Meyer). Man meint geradezu, daraus Fingerzeige an bestimmte Zeitgenossen ableiten zu können.

Ungebrochene Aktualität Ibsens

Katharina Rupp balanciert mit ihrer Inszenierung gekonnt zwischen Satire und Sozialkritik und hält so die Spannung aufrecht. Es gelingt Rupp denn auch immer wieder, das Publikum zu überraschen. So etwa in einer Fernsehdebatte, bei der sie geschickt Statisten im Saal platziert und die Bühne so mit dem Publikum interagieren lässt. Plötzlich ist man nicht «nur» Zuschauer, sondern fühlt sich in die Handlung direkt hineingezogen, wird selber zum Betroffenen. Die Inszenierung des Theaters Biel Solothurn war schlicht, aktuell und gerade deswegen sehr wirkungsvoll.