Zürich
Das Verwaltungsgericht annulliert die Kündigung der Uni — sie ist umbegründet

Die Kündigung der Medizinhistorikerin Iris Ritzmann ist nichtig, weil sie unbegründet ist. Gegen die Kündigung wehrte sich Ritzmann, zuerst gegen die Uni und dann gegen die Rekurskommission der Hochschulen, der ersten Instanz. Vor dem Verwaltungsgericht hat die Professorin nun auf der ganzen Linie Recht bekommen.

Thomas Schraner
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Iris Ritzmann auf einem ihrer zahlreichen Gänge zu Gerichtsverhandlungen.

Iris Ritzmann auf einem ihrer zahlreichen Gänge zu Gerichtsverhandlungen.

Keystone

Die 58-jährige Medizinhistorikerin Iris Ritzmann ist als Gegenspielerin von Christoph Mörgeli national bekannt geworden. Dem SVP-Politiker wurde vorgeworfen, seinen Job als Konservator des Medizinhistorischen Museums an der Universität Zürich vernachlässigt zu haben, was schliesslich zu seiner Entlassung führte.

Ritzmann war wie Mörgeli am Medizinhistorischen Institut angestellt. Die Uni verdächtigte die Professorin, die Affäre Mörgeli ins Rollen gebracht zu haben, indem sie einem Journalisten Infos gegeben und damit das Amtsgeheimnis verletzt habe. Im inzwischen abgeschlossenen Strafprozess konnte ihr aber nichts nachgewiesen werden. Schon im Frühstadium der Affäre, im Oktober 2013, kündigte der damalige Rektor Andreas Fischer der Professorin und stellte sie frei. Später trat er unter Druck selber zurück.

Der alte Arbeitsplatz existiert nicht mehr

Gegen die Kündigung wehrte sich Ritzmann, zuerst gegen die Uni und dann gegen die Rekurskommission der Hochschulen, der ersten Instanz. Vor dem Verwaltungsgericht hat die Professorin nun auf der ganzen Linie Recht bekommen: Gemäss diesem ist die Kündigung nichtig, also ungültig. Sie sei völlig unbegründet und darum widerrechtlich, steht im Urteil.

Die Uni Zürich muss Ritzmann eine Parteientschädigung von 15'000 Franken zahlen. Wird das Urteil gültig, war die längst entlassene Ritzmann immer angestellt und hat nun entsprechend Anspruch auf den Lohn seit der Entlassung. Ihren alten Arbeitsplatz, das Medizinhistorische Institut und das Museum, gibt es allerdings nicht mehr. Die Uni kann das Urteil ans Bundesgericht weiterziehen. Ob sie es tut oder nicht, weiss sie noch nicht. Sie müsse das Urteil zuerst prüfen, teilte sie mit.

Insofern erscheint die Kündigung als gänzlich unmotiviert und willkürlich.

(Quelle: Verwaltungsgericht Zürich)

Im Urteil verweist das Verwaltungsgericht auf das wie erwähnt abgeschlossene Strafverfahren, bei dem Ritzmann zu Unrecht Amtsgeheimnisverletzung vorgeworfen worden war. Die Staatsanwaltschaft war damit über mehrere Instanzen abgeblitzt. Ihre Beweismittel waren allesamt als unzulässig eingestuft worden. Sie stammten von einer überfallartigen Hausdurchsuchung bei der Familie Ritzmann im November 2012 und einer grossflächigen Telefonabhöraktion, welche die Uni auf Bitte der Staatsanwaltschaft bereitwillig durchgeführt hatte.

Um Ritzmanns Entlassung zu rechtfertigen, stützten sich die Uni und zuletzt die Rekurskommission der Hochschulen auf dieselben Daten. Doch laut dem Verwaltungsgericht geht das so nicht. Die Beweismittel seien nicht nur im Strafverfahren unzulässig, sondern eben auch im vorliegenden Verwaltungsverfahren. Für das Gericht stellte sich die Frage, ob die Uni auch ohne die unzulässigen Beweismittel einen Kündigungsgrund gehabt hätte. Die Antwort ist eindeutig: «Ohne die rechtswidrig erlangten Beweismittel hätte die Beschwerdegegnerin überhaupt keine Veranlassung gehabt, ein Kündigungsverfahren einzuleiten», steht im Urteil. Und: «Insofern erscheint die Kündigung als gänzlich unmotiviert und willkürlich, was (...) zur Nichtigkeit der Kündigung führt.»

Auch Mörgelis Entlassung war unrechtmässig

2011 warf Flurin Condrau, damaliger Leiter des inzwischen aufgelösten Medizinhistorischen Instituts, dem Leiter des Medizinhistorischen Museums, Christoph Mörgeli, in einem internen Bericht gravierende fachliche Verfehlungen vor. Der «Tages-Anzeiger» brachte 2012 die Vorwürfe ans Licht. Von verstaubten Knochen, veralteten Museumstafeln und dürftigen Publikationen war die Rede. Die Unileitung verdächtigte Professorin Iris Ritzmann, zuletzt wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut, dem Journalisten Informationen gesteckt und ihm via Passwort Zugang zu Internas verschafft zu haben. Ritzmann wurde entlassen. Mörgeli, damals noch SVP-Nationalrat, taxierte die Anschuldigung an seine Adresse als Mobbing und wehrte sich gegen die angeblich politisch motivierten Angriffe. Im September 2012 verfügte die Unileitung die sofortige Freistellung Mörgelis – wegen mangelhafter Leistung und Loyalitätsverletzungen. Das Verwaltungsgericht kam drei Jahre später zu einem anderen Schluss: Mörgelis Entlassung sei unrechtmässig gewesen. Die Uni musste ihm 17 Monatslöhne nachzahlen. Im Gefolge der Affäre kam es zu fünf Gerichtsverfahren. (liz)

Kein öffentliches Interesse vorhanden

Das Verwaltungsgericht prüfte auch den Einwand der Vorinstanzen, wonach es ein überwiegendes öffentliches Interesse gebe, die unzulässigen Beweismittel eben doch zu verwenden. Sie argumentierten, die Uni müsse doch herausfinden dürfen, ob sie mit Ritzmann tatsächlich der richtigen Person gekündigt hätten und ob sie die ihr zur Last gelegten Pflichtverletzungen wirklich begangen habe. Falsch, sagt auch hier das Verwaltungsgericht. Das sei ein unzulässiger Zirkelschluss: «Die genannte Unsicherheit bestünde gar nicht, wenn die Beschwerdegegnerin auf den Beizug rechtswidrig erlangter Beweismittel verzichtet hätte.»

Ebenso kann das Verwaltungsgericht keine Rufschädigung der Uni erkennen, den die Vorinstanzen moniert hatten. Beim Artikel des «Tages-Anzeigers», der die Affäre ausgelöst hatte, sei es ja nicht so sehr um die Uni gegangen, sondern um den Konservator des Medizinhistorischen Museums und dessen politische Tätigkeit.

«Vertrauen ist zurückgewonnen»

Sie habe das Urteil mit grosser Freude zur Kenntnis genommen, schreibt Iris Ritzmann in einer Mitteilung. Sieben Jahre Unsicherheit für sie und ihre Familie könnten so immerhin ein versöhnliches Ende nehmen. «Das Vertrauen in den Rechtsstaat habe ich damit zurückgewonnen.» Ritzmann möchte wieder vollzeitlich von der Uni Zürich als wissenschaftliche Mitarbeiterin angestellt werden. Ihr früherer Arbeitsplatz existiert allerdings nicht mehr. Das Medizinhistorische Institut samt Museum ist im Gefolge der Mörgeli-Affäre aufgelöst worden. Um als Wissenschafterin auf ihrem Fachgebiet am Ball bleiben zu können, habe sie seit ihrer Entlassung ununterbrochen weitergearbeitet. Den Kontakt zur Uni Zürich verlor die Historikerin nie ganz. Derzeit hat sie eine Anstellung als Lehrbeauftragte an der medizinischen Fakultät. Ausserdem leitet sie ein grösseres Forschungsprojekt des Nationalfonds. Die Mittel dafür habe sie selber gesammelt. Damit bezahle sie die vier Angestellten, leiste selber aber Gratisarbeit. Dieses Projekt wolle sie auf jeden Fall weiterführen – natürlich möglichst bezahlt. In Muri ist sie ausserdem in einem Museumsprojekt für medizinhistorische Bücher. Rückblickend sagt Ritzmann, «im Rahmen einer politisch angeheizten Situation» seien Fehler passiert. Es sei zu «Überreaktionen» gekommen. «Meine Familie hat stark unter dieser belastenden Situation gelitten.» Ohne Unterstützung auch von Professorenkollegen hätte sie diese schwierige Zeit nicht so gut überstehen können, schreibt sie. (tsc)