Öffentlicher Verkehr
Das Milliarden-Werk muss mit Millionen geflickt werden

Beim Bau der Bahn 2000 wurde die Höchi in Wynau angeschnitten – jetzt muss sie saniert werden.

Jürg Rettenmund
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Solothurner Zeitung

«Kein Bahnhof behindert auf dieser Strecke die rasante Fahrt», schreiben die SBB auf ihrer Homepage zum «Kernstück der Bahn 2000», der Neubaustrecke Mattstetten–Rothrist. «... und auch kein Rutschhang», ist man zu sagen versucht, wenn man das «Eisenbahnrechtliche Plangenehmigungsgesuch» anschaut, das gegenwärtig in der Gemeindeschreiberei Wynau aufliegt.

Konkret geht es um die Höchi gegenüber der Brunnmatt auf dem Gugelmann-Areal in Roggwil. Dass dieser Hang rutscht, ist bereits seit dem Bau der ersten Eisenbahngeleise im Oberaargau um 1860 bekannt, wie die B+S Ingenieure AG in Bern in ihrem Bericht zum nun aufliegenden Hangsicherungs-Projekt festhalten. Deshalb umfuhren die Eisenbahn-Pioniere das Rutschgebiet mit einer Gegenkurve.

Anker genügen nicht

Das mochte genügen, als die Eisenbahnen in der Schweiz zu fahren begannen. Es genügt jedoch nicht mehr für eine Bahn, die mit 160 bis 200 Stundenkilometern möglichst pfeilgerade durchs Land braust. Deshalb wurde beim Bau der Neubaustrecke 2002 auch der Hangfuss angeschnitten, obschon bekannt war, dass in diesem ein hoher Bergwasserdruck herrscht. Eine Stützmauer sollte den Hang wieder stabilisieren. Zudem verpflichteten sich die SBB, ihn weiter zu beobachten und allenfalls Massnahmen gegen Rutschungen zu ergreifen.

Das ist seither auch geschehen, weil sich die Stützmauer bis 2006 um über zwei Zentimeter Richtung Geleise verschoben hatte. Die SBB versuchten, die Mauer stärker im Hang zu verankern und drainierten diesen. Das verbesserte die Situation jedoch nur vorübergehend.

Deshalb wurde der Hang nun genauer untersucht. Dabei zeigte sich, dass das Grundwasser artesisch gespannt ist (siehe separaten Text unten). Das Druckniveau liegt 15 bis 20 Meter über dem Terrain und damit 30 bis 40 Meter über den Schienen.

In der Höchi kommt als weitere Folge der geologischen Verhältnisse hinzu, dass die wasserhaltigen Schichten wie ein «Schmiermittel» wirken, auf denen der Hang rutscht.

Drei Horizontalfilterbrunnen

Deshalb wollen die SBB nun das Wasser aus dem Hang abführen. Das bedingt grössere Bauarbeiten, die von Juli bis Dezember 2011 ausgeführt werden sollen: Es werden drei grosse Schächte gegraben (6,2 Meter Durchmesser, 15 Meter Tiefe). Von diesen aus werden fächerförmige Drainageleitungen in den Hang gebohrt, über die das Wasser abfliessen kann. Das Ganze nennt sich Horizontalfilterbrunnen.

Von den Schächten aus wird das Wasser dann durch neue Leitungen und einen bestehenden Durchlass unter den Geleisen durch in den Brunnbach abgeleitet. Zudem müssen im bewaldeten Hang Zufahrtspisten und Arbeitsflächen für die Bauarbeiten und den Unterhalt angelegt werden.

Gemäss den in der Gemeindeschreiberei Wynau aufliegenden Akten rechnen die SBB mit Kosten von rund 3,8 Millionen Franken. Das ist eine rechte Stange Geld. Verglichen mit den 1,988 Milliarden Franken, die die ganze 45 Kilometer lange Neubaustrecke kostete, sind es jedoch nur 1,9 Promille. Für die knapp 2 Milliarden Franken wurden knapp 470000 Kubikmeter Beton verbaut.

Da kommt es auf ein paar neue Betonschächte auch nicht mehr an, um so mehr, als die «Flickstelle» in Wynau die Einzige entlang der ganzen 45 Kilometer langen Strecke ist. Wenn nur die rasante Fahrt zwischen Bern und Olten nicht durch einen Rutschhang gebremst wird.