Langenthal
Das ist der oberste Hirte der Berner Schafzüchter

Als neuer Präsident der Bernischen Schafzuchtorganisationen will Rolf Rüfenacht mehr auf die Öffentlichkeit zugehen. «Ich möchte, dass unser Verband für die Öffentlichkeit zugänglicher wird, und wir auch mehr gehört werden.»

Marco Wölfli
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Dank dem gefüllten Brotsack scharen sich die Schafe um Rolf Rüfenacht.

Dank dem gefüllten Brotsack scharen sich die Schafe um Rolf Rüfenacht.

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«Das ist Karin», sagt Rolf Rüfenacht ohne zu zögern und zeigt auf eines der rund 20 Schafe, die um ihn herum tollen. Für den Laien mögen alle Schafe in etwa gleich aussehen. Für Rüfenacht tun sie es nicht. Der 39-Jährige ist Besitzer von 50 Schafen und kennt jedes Tier mit Namen.

Seit Februar ist Rolf Rüfenacht indirekt für rund 16000 Schafe verantwortlich. Er ist nämlich neuer Präsident des Verbandes Bernischer Schafzuchtorganisationen (VBS). Der bisherige Vizepräsident übernahm das Amt von Christoph Berger, der aus gesundheitlichen Gründen aufhörte.

Verband will an die Öffentlichkeit

Öffentliche Äusserungen von Schafzüchtern betreffen meistens die Wolf-Problematik. Das möchte Rüfenacht ändern: «Ich möchte, dass unser Verband für die Öffentlichkeit zugänglicher wird, und wir auch mehr gehört werden.» Rüfenacht will deshalb das Erscheinungsbild des VBS modernisieren und die Kommunikation stärken. Letztere wird sich wahrscheinlich trotzdem meistens um den Wolf drehen.

Da macht auch Rüfenacht keinen Hehl daraus und spricht sogleich Klartext: «Ich bin ein klarer Gegner des Wolfes und kann die Städter nicht verstehen, die den Wolf andauernd in Schutz nehmen.» Er erzählt in dramatischen Worten von Schafen, die regelrecht gehäutet wurden und vom Wolf, der in einen Blutrausch gerät.

Nach Lösungen suchen

Dennoch ist Rüfenacht kein fanatischer Wolf-Hasser: «Es ist wichtig, dass wir den Dialog mit dem Kanton und den Umweltverbänden pflegen und gemeinsam nach Lösungen suchen.» Bei Rüfenacht geht es nämlich nicht primär um die Abneigung gegen den Wolf, sondern vielmehr um die Liebe zu seinen Schafen. Die Tiere waren nämlich von je her ein fester Bestandteil von Rüfenachts Leben: «Mein Vater war immer Schafzüchter, und als er starb, war ich auf einen Schlag Besitzer von doppelt so vielen Schafen wie heute.»

Zwar hat Rüfenacht den Bestand reduziert, dennoch ist es immer noch ein zeitintensives Hobby für den Spengler. Neben dem Füttern und Misten gehört das Scheren und Geburtshilfe bei den Lämmern dazu. Selbst im Sommer, wenn die Schafe auf der Alp sind, schaut Rüfenacht regelmässig nach dem Rechten. Als Hobby-Schäfer gehört er beim VBS zur grossen Mehrheit. In Bern könne man professionelle Schafzüchter an einer Hand abzählen, so der Präsident. Den grossen Rest bilden Bauern und Schaf-Liebhaber.

Schafzucht attraktiver machen

Da das Halten von Schafen so zeitintensiv ist, kämpft der VBS auch mit Nachwuchssorgen. Der Vorstand sei ein junges Gremium, sagt Rüfenacht. «Doch der Altersdurchschnitt der Züchter ist ziemlich hoch.» Mit einer verstärkten Präsenz in der Öffentlichkeit hofft Rolf Rüfenacht, die Schafzucht attraktiver zu machen. All zu grosse Erwartungen will er aber auch nicht schüren: «Man kann von einem 20-Jährigen nicht erwarten, dass er jeden Tag in aller Früh aufsteht, um Schafe zu füttern.»

Lammfleisch «böckelet» nicht

In den nächsten Wochen wird Rüfenacht viel unterwegs sein, um an Märkten und Ausstellungen den angekündigten Kontakt zur Bevölkerung zu pflegen. Dabei will der Präsident auch vorherrschende Klischees widerlegen: «Ich höre immer wieder, dass Lammfleisch ‹böckelet›. Dank modernen Haltebedingungen stimmt das schon lange nicht mehr.» Trotz seines Engagements kann sich Rüfenacht aber nicht nur um Verbandsanliegen kümmern. Schliesslich erwarten ihn jeden Abend 50 Schafe, denen es herzlich egal ist, ob er Präsident über 16000 Artgenossen ist. Sie wollen einzig gefüttert werden, was sie mit lautem Geblöke unterstreichen, sobald sich Rüfenacht dem Stall nähert.