Danke, Simon Ammann!

Im letzten Olympiaspringen seiner ausserordentlichen Karriere kam Simon Ammann nicht über Platz 23 hinaus. Der Pole Kamil Stoch gewann auch auf der Grossschanze und trat damit die Nachfolge des Schweizers als Doppel- Olympiasieger an.

Simon Steiner
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Foto: Keystone

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Schweiz am Wochenende

Die Emotionen übermannten Simon Ammann, als er auf seinem Medienmarathon nach dem Springen bei der schreibenden Zunft angelangt war. «Es ist so frustrierend», sagte Ammann und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. «Da arbeitest du drei Jahre lang auf ein Ziel hin und gehst den weitesten Weg von allen, um im richtigen Moment bereit zu sein. Und am Ende stehst du da wie der grösste Depp.»
Der würdige Abgang vom olympischen Parkett ist Simon Ammann damit verwehrt geblieben. Der Held der Spiele von Salt Lake City und Vancouver schaffte es als 23. auch im zweiten Wettkampf seiner letzten Olympischen Spiele nicht einmal in die Nähe der Medaillenränge. In einem turbulenten Springen mit wechselnden Windverhältnissen war er im ersten Durchgang absolut chancenlos und musste froh sein, dass er sich gerade noch knapp für den Final qualifizieren konnte. Dort konnte er sich – wiederum nicht bei den günstigsten äusseren Bedingungen – zwar deutlich steigern und zeigte den besten Sprung der ganzen Spiele. Dies bescherte Ammann immerhin noch einige Minuten in der Leaderbox, doch blieb dies ein kleiner Trost für den Mann, der vor vier Jahren die olympische Arena beherrscht hatte.
Die Enttäuschung bei Ammann war verständlicherweise grenzenlos, als es zu Ende war, dieses letzte grosse Projekt seiner sportlichen Karriere. Seit dem Frühling 2011 hatte er darauf hingearbeitet, auf die Spiele im Heimatland seiner Frau Yana, und dabei einzig und allein auf diese beiden Wettkampftage auf der Schanzenanlage RusSki-Gorki in Krasnaja Poljana. Es war ein langer ausserordentlich langer Anlauf, den Ammann nahm, nachdem er erkannt hatte, dass er sich als Skispringer – und dies nicht zum ersten Mal in seiner Karriere – quasi neu erfinden musste, um mit dem rasanten Wandel der Sportart Schritt halten zu können.
Ein wesentliche Veränderung besteht dabei darin, dass das Skispringen deutlich athletischer geworden ist. Ammann war sich bewusst, dass seine physische Verfassung von 2010 diesmal nicht ausreichen würde, um konkurrenzfähig zu ein – von jener von 2002 gar nicht zu reden. Eine Entwicklung, die auf material- und regeltechnische Änderungen zurückzuführen war. Vor drei Jahren entschloss sich Ammann dazu, diese Herausforderung anzunehmen, schindete sich im Kraftraum deutlich mehr als je zuvor und legte an Muskelmasse zu.
Gleichzeitig erforderte der Wandel des Skispringens Anpassungen im sprungtechnischen Bereich – stets im Zusammenspiel mit der detailreichen Konfiguration auf der Ausrüstungsseite. Dabei suchte er mit seinem Team aktiv nach Innovationen im Materialbereich. Hatte er in Vancouver mit seinem revolutionären krummen Bindungsstab für Furore gesorgt, versuchte er es diesmal mit einem neuen Schuhmodell. Wenige Wochen vor dem grossen Ziel verdichteten sich die Anzeichen, dass der Masterplan aufgehen könnte. Zum Auftakt der Vierschanzentournee gewann Ammann nach bald dreijähriger Durststrecke wieder ein Weltcupspringen und landete auch im Gesamtklassement der traditionsreichen Wettkampfserie auf dem Podest.
Noch während einer Wettkampfpause im Januar, als er im französischen Jura mit dem neuen Schuhmaterial trainierte, wähnte er sich auf dem richtigen Weg. Doch dann, angekommen im Kaukasus, war alles anders. Ammann kam mit der kleinen Olympiaschanze überhaupt nicht zurecht, vom ersten Trainingssprung bis zum Wettkampf (17. Rang) nicht. Und auch auf dem grossen Bakken fand er nie zu jener Konstanz, die ihn nach Weihnachten noch ausgezeichnet hatte.
Wird Ammann später einmal auf seine Karriere zurückblicken, werden die bitteren Momente von Sotschi überlagert werden durch die Erkenntnis, dass er in der Ahnengalerie der Grossen seiner Sportart einen Ehrenplatz auf sicher hat. Vier olympische Einzel-Goldmedaillen hat ausser ihm bisher keiner geschafft. Seine persönliche Olympiageschichte spiegelt sich wider in den Olympischen Ringen – wenn man diese auf den Kopf stellt. Drei Ringe unten, dazwischen zwei oben drauf: So lassen sich die Winterspiele symbolisieren, die der 32-jährige Toggenburger in seiner Karriere als Skispringer erlebt hat. 1998 in Nagano, 2006 in Turin, 2014 in Sotschi war er mit dabei, ohne sich Lorbeeren zu holen. Dazwischen aber ragen jene Spiele heraus, welche die Besonderheit dieser Geschichte ausmachen: Salt Lake City 2002 und Vancouver 2010, wo er als Doppel-Olympiasieger jeweils zu den prägenden Figuren der Titelkämpfe gehörte.
Simon Ammann hat noch nicht entschieden, ob er seine Karriere nach dieser Saison beendet, oder ob er einen Winter lang weiterspringt. Dass er noch einmal bei Olympischen Spielen starten könnte, hat der 32-Jährige bisher stets ausgeschlossen. Vielleicht bringt ihn Noriaki Kasai dazu, diese Gewissheit noch einmal zu überdenken. Der Japaner gewann gestern hinter dem neuen Doppel-Olympiasieger Kamil Stoch im Alter von 41 Jahren die Silbermedaille. Und er hat noch nicht genug. «Jetzt möchte ich eine Familie gründen – und sie in vier Jahren an die Spiele in Südkorea mitnehmen.
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