Langenthal
Daheim in den kleinen Welten

Im Reich von Urs Stöckli in Langenthal schlagen die Herzen von kleinen und grossen Buben höher. Sein Verkaufsgeschäft ist ganz den technischen Spielwaren gewidmet: Modell eisenbahnen, Flugzeuge, Automodelle und mehr.

Andreas Toggweiler
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Urs Stöckli in seinem «Reich» technischer Spielwaren. Die Autorennbahn feiert zurzeit ein digitalisiertes Revival.

Urs Stöckli in seinem «Reich» technischer Spielwaren. Die Autorennbahn feiert zurzeit ein digitalisiertes Revival.

Schweiz am Sonntag

«Man muss selber schon ein gewisses Flair für diese Dinge haben, wenn man in dieser Branche tätig ist», sagt Urs Stöckli. Er ist es schon viele Jahre, die letzten zwölf als Geschäftsführer des eigenen Verkaufsladens in den Räumen der ehemaligen Metall-, Sportartikel- und Haushaltwarenhandlung Geiser in Langenthal. Als die Familie Geiser das legendäre kleine «Warenhaus» aufgab, konnte Urs Stöckli die Spielwarenabteilung übernehmen, die schon damals auf Spielzeug für Buben oder das Kind im Manne spezialisiert war. Denn er hatte schon vorher viele Jahre dort gearbeitet. Seit 1973, genau genommen, nachdem der Inkwiler eine Lehre als Autoelektriker gemacht hatte. Jetzt ist er selber 65 und denkt gelegentlich ans Kürzertreten. Allerdings nicht, bevor er einen Nachfolger für sein Geschäft gefunden hat.

Dort, im Untergeschoss der Geiser-Liegenschaft im Zentrum Langenthals, sind auf rund 200 Quadratmeter Verkaufsfläche lauter kleine Welten aufgestapelt: die Modellautowelt, die Rennfahrerwelt, die Eisenbahnwelt, die Plastikmodellwelt. Jede hat ihre Bewohner, die sich bei Urs Stöckli treffen. Sie sind meistens männlich und kommen vorzugsweise samstags: zum Fachsimpeln, zum Schwärmen, um neue Herausforderungen für das eigene handwerkliche Geschick zu suchen oder einfach, um zu staunen, was es so alles gibt.

Um es danach billiger im Internet zu posten? - «Das kommt gelegentlich vor», meint Stöckli, der das Geschäft zusammen mit seiner Frau führt. Für Angestellte oder einen Lehrling reiche es wegen dieser Konkurrenzangebote leider nicht mehr, meint er. Doch Beratung und Auswahl spielten in der Modellbauszene noch immer eine wichtige Rolle. «Die Kunden wollen die Modelle sehen, ausprobieren oder wenigstens in die Hände nehmen können.» Kommt hinzu, dass Stöckli selber Reparaturen macht, unkompliziert, manchmal direkt auf dem Ladentisch.

Es geht immer mehr um Hightech

Sofern das heute noch möglich ist. Denn der Name des Geschäfts «Technische Spielwaren» lässt durchblicken, dass es auch hier immer mehr um High Tech geht. Computerisierung und Digitalisierung hat Einzug gehalten, nicht nur bei der Modelleisenbahn, sondern auch bei der Carrera-Modellautobahn, die übrigens heute eine richtiggehende Renaissance erlebe, wie Stöckli sagt. «Es macht natürlich Spass, wenn man mit fünf oder sechs Modellautos gleichzeitig auf derselben Fahrbahn Rennen fahren kann.»

Auch bei der Modelleisenbahn kann man heute mehrere Züge unabhängig auf demselben Gleis fahren lassen, individuell steuern und über dieselben zwei Kabel auch noch Hunderte von Schaltfunktionen betätigen. Vorbei ist somit für die Modellbähnler die Zeit der unübersichtlichen Drahtverhaue. Dafür können heute Computerkenntnisse hilfreich sein. Allerdings gebe es immer noch viele Fans der alten Märklin-Analogtechnik, erklärt Stöckli, der froh ist, dass der deutsche Modelleisenbahnhersteller jetzt über den Berg ist und wieder viele neue Modelle lanciert. Nach vielen Jahren Wartezeit ist letztes Jahr endlich auch ein Modell des Schweizer ICN auf den Markt gekommen. Die Nachfrage sei gross, es gebe Wartezeiten.

RC-Fans finden alles, was sie brauchen

Die nächste Welt: Auch die RC-Fans finden bei Urs Stöckli alles, was sie brauchen. Die Einführung von Lithium-Polymer-Akkus erlaubt den ferngesteuerten Modellen (Autos, Flugzeugen und Schiffen) Leistungen, welche früher nur mit Verbrennungsmotoren möglich waren. «Doch so lässt sich dieses Hobby auch in Wohnquartieren ohne grosse Belästigungen ausüben», freut sich Stöckli. Kleine ferngesteuerte Helikopter fliegen seit kurzem sogar in den Wohnzimmern herum. Die hat er natürlich auch.

Eine weitere Welt, die man schon untergegangen glaubte, pflegt er mit Engagement weiter: den Plastik-Modellbau. Früher gab es diese Modelle, die man aus vorgefertigten Teilen zusammenklebt und bemalt, in fast jeder Warenhaus-Spielzeugabteilung. Heute kommen die Fans von weit her, um bei Urs Stöckli die entsprechenden Modelle aus aller Welt in verschiedenen Massstäben zu kaufen. Ein Hobby, bei dem Geduld und Geschicklichkeit geübt werden können und das Stöckli selber pflegt.

Langenthal ist offenbar kein schlechtes Pflaster für Modell-Fans. Es existiert sogar ein zweites Fachgeschäft, das aber ausschliesslich mit Occasions-Modellbahnen handelt. Der Langenthaler Modelleisenbahn-Club hat fast 150 Mitglieder und hat letztes Jahr sein Vereinslokal mit einem Anbau vergrössert.

Auch für die «Automobilisten» existiert ein Club, der Modell-Rennsport-Club, der das Gelände des Verkehrsgartens nutzt und auch Anlässe durchführt. So glaubt Stöckli, dass sein Geschäft auch für einen Nachfolger eine Existenzgrundlage bieten kann - so er denn jemand findet, der sein Hobby ebenso zum Beruf machen kann wie er.