«Castingshow? Um Himmels willen! Nein!»

Sie ist erst 16-jährig und gilt als grösstes Schweizer Tennis-Talent: Belinda Bencic holte als Juniorin zwei Grand-Slam-Titel und spielt nun auf der Frauentour. Vergangene Woche brillierte sie im Fed-Cup in Paris. Im Interview spricht sie über ihre plötzliche Bekanntheit, Trainerin Melanie Molitor und das Leben als Teenager.

Michael Wehrle
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Belinda Bencic in Paris. Foto: Thomas Samson

Belinda Bencic in Paris. Foto: Thomas Samson

Schweiz am Wochenende

Was hat der Triumph von Stanislas Wawrinka in Australien bei Ihnen ausgelöst?
Belinda Bencic: Ich habe mich mega gefreut. Ich verfolgte das Spiel im Fernsehen. Stanislas hat das so verdient, er hat die ganze Zeit so hart gearbeitet. Es ist unglaublich, bei diesem Turnier hat für ihn einfach alles zusammengepasst.
Ist das für Sie ein Zeichen: Ich kann das auch erreichen, ich habe ja auch Grand-Slam-Titel bei den Junioren gewonnen?
Klar, das macht Hoffnung. Es liegt in meiner Hand. Das ist wirklich etwas, das man erreichen möchte.
Sie haben mit etwa zweieinhalb Jahren angefangen Tennis zu spielen, Sie werden bald 17...
... Ja, das geht schnell.
Haben Sie nach fast 15 Jahren noch nicht genug von dem Sport?
Nein (lacht). Mir macht es sehr viel Spass. Es ist mein Leben, Turniere zu bestreiten, in verschiedene Länder und Kulturen zu reisen. Wir waren jetzt in Melbourne und Pattaya. Einfach toll.
Was wäre eine Alternative zur Tenniskarriere gewesen?
Darüber habe ich nie gross nachgedacht, wahrscheinlich etwas mit Tieren, Kindern oder Sprachen. So in dieser Richtung.
Wann reifte der Entschluss, ganz ernsthaft auf Tennis zu setzen?
Der Entscheid fiel nicht von einem Tag auf den anderen. Ich fing früh an, Turniere zu spielen, das machte mir Spass, ich spielte gerne um Punkte. Ich habe nicht gern verloren, dann ging es immer so weiter. Ich verfolgte das Profitennis im Fernsehen, es kamen meine internationalen Turniere, so reifte das. Es war ein schleichender Prozess.
Wie geht das alles mit der Schule zusammen?
Ich hatte mit der Schule viel Glück, man kam mir sehr entgegen. Ich durfte Lektionen wie Turnen und Musik auslassen, so hatte ich Zeit fürs Training. Als es dann immer mehr wurde, durfte ich in der dritten Sek von Turnieren aus via E-Mail arbeiten. Für eine öffentliche Schule war das wirklich sehr grosszügig, dass sie das alles toleriert haben. Dafür bin ich sehr dankbar, sonst wäre das alles gar nicht möglich gewesen. Viele andere scheitern an dieser Doppelbelastung.
Wie haben Sie die Schule abgeschlossen?
Ganz normal nach der dritten Sek.
Sie trainieren von Beginn an mit Ihrem Vater, sind viel mit ihm unterwegs. Funktioniert das immer noch? 16 ist ja ein kritisches Alter.
Das stimmt, aber das ist wohl bei allen so, nicht nur im Tennis. Es ist halt eine schwierige Phase, aber bis jetzt funktioniert es ganz gut. Wir sind ja nie ganz allein an den Turnieren, Physiotherapeut Martin Nozdrovicky ist auch dabei, und wir sind auch nicht 24 Stunden zusammen.
Wie würden Sie sich charakterisieren?
Ich bin offen, freundlich, ehrgeizig, lustig, fröhlich.
Wie oft kommt es zu Konflikten mit Ihrem Vater?
Jeder hat mal Meinungsverschiedenheiten, das ist bei uns nicht anders. Das ist nicht nur auf dem Tennisplatz so, das gehört zum Leben.
Sie sind in einem Alter, wo andere ausbrechen und rebellieren...
Dazu habe ich bis jetzt noch keinen Grund.
Sind Sie eitel?
Auf dem Platz nicht, aber wenn ich mal abends ausgehe oder zu einer schönen Players Party geladen werden, ziehe ich mich schon gern schön an, mit hohen Schuhen und so weiter.
Geniessen Sie zwischendurch solche Auftritte wie in Wimbledon beim Champions Dinner?
Ja, das war eine schöne Abwechslung, mal nicht in Tenniskleidern zu sein und all die Leute anders zu sehen als auf dem Platz. So etwas erlebt man ja nicht täglich.
Sie waren die Nummer 1 der Juniorinnen und spielen jetzt nur noch auf der Frauentour. Was hat sich damit verändert?
Es war eine schöne Zeit bei den Juniorinnen, mit guten Resultaten, aber jetzt muss ich nochmals einen Schritt zulegen.
Sie waren früher immer die Favoritin, jetzt eher die Aussenseiterin.
Ich habe mir nie allzu viel Druck bei den Juniorinnen gemacht, obwohl ich die Nummer 1 war. Denn alles war eng zusammen. Jetzt kann ich einfach frei aufspielen, das ist auch mal schön. Ich kann es geniessen, auf den grossen Plätzen zu spielen wie der Rod-Laver-Arena in Melbourne.
Was passierte dort, als Sie im ersten Satz gegen Na Li 0:6 untergingen, im zweiten Satz aber gleichwertig waren und nur ganz knapp verloren?
Der erste Satz war eine Lehrstunde, erstmals spielte ich auf einem so grossen Platz und Na Li ist sehr gut, wie sie ja weiter bewiesen hat. Im zweiten Satz wollte ich unbedingt das erste Game gewinnen, als ich das geschafft hatte, bin ich relaxt geworden und begann zu spielen, auch viel offensiver. Ich war zu Beginn nicht nervös, aber auch nicht locker.
Was nehmen Sie aus diesem Match mit?
Im zweiten Satz, bei 4:3, hatte ich meine Chance. Solche Situationen muss ich einfach nutzen. Bei den Juniorinnen darf man eine solche Chance mal vergeben, bei den Profis kommt so eine Chance nicht mehr. Aber aus diesen Erfahrungen lerne ich jetzt.
Was trauen Sie sich jetzt schon zu?
Ich glaube, an den Top-Spielerinnen bin ich noch nicht nahe dran, zwischen den Top 20 und dem Rest besteht doch ein Unterschied. Und auch andere Spielerinnen schlage ich nicht selbstverständlich. Ich muss es Schritt für Schritt nehmen, erste Runden auf der Profitour gewinnen, im Ranking aufsteigen. Im Bereich zwischen den Rängen 20 und 150 liegen aber alle eng zusammen. Ich bin jetzt die Nummer 139, also habe ich meine Chancen.
Wo sehen Sie Ihre Defizite?
Ich muss überall mein Level täglich noch etwas verbessern. Physisch habe ich zugelegt, bin auch schneller geworden. Ich bin vom Mädchenkörper zur Frau gereift, auch grösser geworden.
Wie gross sind Sie?
Ich glaube, um die 1,75 Meter. Das reicht langsam. Sonst kann ich keine hohen Schuhe mehr anziehen.
Haben Sie einen Mentaltrainer?
Nein. Ich muss das von den Erfahrungen her steuern. Siege geben immer mehr Selbstvertrauen.
Wie viel Martina Hingis steckt in Ihnen?
Es ist logisch, dass immer die Vergleiche kommen, weil ich ja bei ihrer Mutter, Melanie Molitor, trainiere.
Haben Sie viel Kontakt zu Martina?
Wir sehen uns an den Grand-Slam-Turnieren und spielten eine Exhibition in Hobart. In Australien gab sie mir wichtige Tipps.
Haben Sie eigentlich eine Zusage für eine Wildcard in Wimbledon fürs Haupttableau?
Nein, nur für die Qualifikation, aber weil dafür schon mein Ranking reicht, könnte es sein. Das wäre natürlich nicht schlecht, aber vielleicht schaffe ich es sogar ohne.
Sie werden erst 17 Jahre alt, stehen aber schon im Rampenlicht, nervt Sie das?
Es ist ein bisschen beides, schön und nervig. Nach Paris und Wimbledon war die Medienarbeit, auch mit Fernsehen, schon viel. Aber das ist logisch, das muss ich lernen. Das gehört dazu.
Könnten Sie sich auch vorstellen, im Rampenlicht einer Castingshow zu stehen.
Um Himmels willen! Nein! Ich singe nicht mal unter der Dusche.
Sie sind eine Hoffnungsträgerin des Schweizer Sports. Belastet Sie das beim Spielen?
Nein, ich lasse mich nicht unter Druck setzen. Ich schaue das nicht so bewusst an. Ich spiele einfach mein Tennis, und es kommt gut heraus oder nicht.
Wie gut kennen Sie Wawrinka und Roger Federer?
Stan habe ich erstmals beim US Open gesehen, er schickte mir SMS nach Paris und Wimbledon. Er ist sehr lieb. Und Roger habe ich jetzt persönlich in Australien kennen gelernt.
Sind sie Ihre Vorbilder?
Ja, die beiden und Martina.
Können sie Ihnen helfen?
Vielleicht schon, wenn ich sie frage.
Nun laufen die Olympischen Spiele. Interessiert Sie das?
Ja sicher. Ich schaue gern Eiskunstlauf, meine Kollegin ist Eiskunstläuferin.
Sie kommen viel in der Welt herum und interessieren sich für andere Kulturen. Nehmen Sie da viel mit?
Wenn es irgendwie möglich ist, schaue ich mir viel an. So zuletzt in Melbourne und Thailand. Auch von Paris habe ich schon einiges gesehen.
Haben Sie realisiert, dass es viel Kritik gab an Russland als Ausrichter der Olympischen Spiele?
Da ich nicht dort bin, habe ich mich damit nicht beschäftigt.
Interessiert Sie Politik?
Nicht so sehr.
Ihre Eltern stammen aus der Slowakei. Stimmt es, dass Sie mal das Angebot hatten, für die Slowakei zu spielen?
Nein, das stimmt nicht. Für mich ist das auch gar keine Überlegung. Ich bin hier geboren, hier aufgewachsen, das ist kein Thema. Ich bin Schweizerin, Punkt.
Sie spielen jetzt im Fed-Cup für die Schweiz. Macht das Spass?
Ich geniesse es, Teil eines tollen Teams zu sein. Sonst bin ich ja immer als Einzelkämpferin unterwegs.
Was haben Sie für Beziehungen zur Slowakei?
Eigentlich gar keine. Die Eltern meiner Mutter leben dort, wir waren an Weihnachten dort. Das ist aber auch schon alles.
Sie stecken jetzt mitten im Tenniszirkus. Haben Sie einen Plan B, wenn plötzlich Schluss ist, beispielsweise wegen eines Unfalls?
Im Augenblick mache ich mir darüber keine Gedanken. Es geht ja aufwärts, und man soll positiv bleiben. Klar kann immer etwas passieren, doch es ist jetzt kein Thema.
Was nutzen Sie für Medien? Sind Sie viel auf Facebook oder Twitter?
Nein, ich bin doch noch keine Maria Scharapowa. Ich habe natürlich Kontakt zu meinen Freunden, aber keine Fan-Site.
Haben Sie eine Ahnung, wie viel Ihre Eltern für Ihre Karriere schon bezahlen mussten?
Nein, wir hatten ja schon früh ein Projekt, das mein Vater mit Marcel Niederer entwickelte.
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