FC Basel
Callà fühlte sich am Anfang an den Kindergarten zurückerinnert

Davide Callàs Karriere als Fussballer war im Begriff, zu Ende zu gehen, als sie eine erstaunliche Wendung nahm. Mittlerweile hat er gar Erfahrung in der Champions League gesammelt. Am Samstag trifft er mit dem FCB auf seinen Ex-Klub Aarau.

Sebastian Wendel
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Davide Callà (vorn) fühlt sich in Basel pudelwohl.

Davide Callà (vorn) fühlt sich in Basel pudelwohl.

Davide Callà zeigt zum Himmel und sagt: «Wir sind gerade noch rechtzeitig in die Kabine gekommen. Jetzt zu trainieren, wäre zu gefährlich.» Als wir den 30-Jährigen an diesem Dienstagmittag im Basler Stadionrestaurant treffen, wütet draussen Sturmtief «Niklas» und droht, das Vordach aus der Verankerung zu reissen. Jetzt drinnen zu sitzen, gibt Sicherheit.

Sicherheit. Das Gefühl spürt auch Callà. Sicherheit, dass nach etlichen Operationen das rechte Knie hält. Sicherheit dank dem Vertrag, der ihn mindestens bis Sommer 2016, bald wahrscheinlich noch länger an den besten Schweizer Fussballklub bindet. «Hätte mir vor drei Jahren jemand gesagt, dass ich heute FCB-Spieler mit Erfahrung in der Champions League bin, hätte ich ihn ausgelacht.»

Im Sommer 2012 liegt Callàs Karriere in Trümmern. GC hat den Vertrag auslaufen lassen, physisch und psychisch ist er in einem «desolaten Zustand». Irgendwann erbarmt sich der FC Aarau. Doch Callà zweifelt, ob er das finanziell spärliche Angebot annehmen und in der Challenge League spielen soll. «Ich wusste nicht, wie weiter. Ganz ehrlich: Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, mit dem Fussball aufzuhören und im Büro arbeiten zu gehen.»

Es sind seine Frau Rahel und Ex-Aarau-Trainer René Weiler, die ihn ermuntern, den Neustart zu wagen. Ein Jahr später steigt Aarau dank 19 Toren von Callà in die Super League auf. In der darauffolgenden Winterpause wechselt er zum FC Basel.

Einer ohne Allüren

«Zum FC Basel! Stell dir vor! Als der Anruf kam, musste ich mich erst einmal setzen.» Der Transfer kam nicht nur für ihn überraschend: Was will der FCB mit einem halben Sportinvaliden? Damals hiess es, das Ganze sei doch nur ein Freundschaftsdienst von Trainer Murat Yakin. Mehr als ab und zu auf der Ersatzbank zu sitzen, liege nicht drin. Callà: «Geredet wird viel. Ich wusste: Mit meinen Qualitäten kann ich mich auch auf diesem Niveau behaupten.»

Vom maroden Brügglifeld in den glitzernden St. Jakob-Park, das war auch für einen wie Callà, der in seiner Karriere viele Turbulenzen erlebt hat, ein grosser Schritt. Um es zu beschreiben, blickt er weit zurück: «Im Kindergarten kam ein Polizist in die Klasse, um mit uns das Überqueren des Fussgängerstreifens zu lernen. Luege, lose – und erst dann laufe. Dieses Motto habe ich anfangs in der FCB-Kabine angewendet: Ich habe mich zurückgehalten, die neue Umgebung beobachtet und bin erst dann aktiv geworden.»

Callà hat schnell «laufe» gelernt. Auch nach dem Weggang seines vermeintlichen Fürsprechers Yakin gilt: Callà hat seinen Platz. Nicht als unangefochtene Stammkraft. Aber tut sich eine Lücke auf, füllt meistens er sie: In dieser Saison stand er in jedem dritten Spiel in der Startelf.

Das hat seine Gründe. Hört man sich um, heisst es, Callà sei pflegeleicht. Einer ohne Allüren. Einer, der heute gegen Aarau genauso motiviert ins Spiel gehe wie gegen Real Madrid. Er selber sagt: «Ich bin von Natur aus ein offensiver Spieler. Aber stellt mich der Trainer in der Verteidigung auf, akzeptiere ich das, ohne zu murren.» Polyvalenz ist im modernen Fussball wichtiger denn je. Und wer sich zudem wie Callà nicht scheut, weite Wege zu gehen, der hat gerade bei Paulo Sousa gute Karten. Bessere jedenfalls als ein Matias Delgado, der den Typ «Strandfussballer» verkörpert und wie ein Relikt aus früheren Zeiten scheint.

Mehr Demut als früher

Callà sagt, er übe seinen Beruf mit viel mehr Demut als früher aus. Dabei sei er eigentlich ein extrovertierter Typ. Diese Seite kommt mittlerweile auch im Team zum Tragen. Dort ist Callà der «Everybody’s Darling», der mit allen gut auskommt. Er gesellt sich nach dem Essen zu den Latinos für einen Espresso, witzelt auf Reisen mit Händen und Füssen mit dem Japaner Yoichiro Kakitani oder pusht seine Teamkollegen im Kraftraum.

Apropos Kraftraum: Callà weiss wie kein Zweiter um den Nutzen der Körperpflege «Bei den Junioren hiess es immer: Der Callà ist mit Talent gesegnet, aber er ist zu klein. Also habe ich früh mit Krafttraining angefangen. Grösser trainieren kann man sich nicht, kräftiger werden schon.» Und dass er heute noch Fussball spiele, verdanke er seinen Muskeln, die das geschundene Kniegelenk entlasten.

Vier, fünf Jahre noch, dann habe auch seine zweite Karriere ein Ende. So lange wie nur möglich möchte er in Basel bleiben. Wenn dann noch Zeit übrig sei, wünscht sich Callà, noch einmal für den FC Winterthur, den Klub seiner Heimatstadt, aufzulaufen. Und wenn dann das allerletzte Spiel abgepfiffen ist, würde er auf der Ehrenrunde gerne ein Kind auf dem Arm tragen. Sein Kind. «Meine Frau nimmt gerade eine Auszeit vom Lehrerjob. Wir arbeiten fleissig am Nachwuchs.»

Callà, das ist nicht zu übersehen, geht es richtig gut. «Auch in den schwierigsten Stunden habe ich daran geglaubt: Irgendwann werde ich für meinen Fleiss belohnt.» Statt der erhofften Karriere im Ausland dürfe er jetzt für den FC Basel spielen. Für ihn «ein Geschenk des Himmels». Der Blick nach draussen bestätigt: Sturmtief «Niklas» hat sich verzogen, die Sonne drückt wieder durch die Wolkendecke.

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