Interview
Brigitta Johner: «Der Wahltag am 12. April ist der Tag meiner Pensionierung»

Die höchste Zürcherin über Politkultur, Maskottchen und ihren Rücktritt.

Matthias Scharrer
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Brigitta Johner in ihrem Präsidialbüro in Zürich

Brigitta Johner in ihrem Präsidialbüro in Zürich

Jiri Reiner

Frau Johner, seit einem halben Jahr sind sie als Kantonsratspräsidentin höchste Zürcherin. Wie ist Zürich von oben?

Brigitta Johner*: Gross. Beeindruckend. Schön. Ich lerne den Kanton aus einem neuen Blickwinkel von allen Ecken und Enden kennen. Ein besonderes Erlebnis war für mich der letzte Sonntag, der Ustertag. Da feiert man ja historisch den Aufstand der Landbevölkerung gegen die Herrschaft der Stadt Zürich. Ich fand es sinnig, dass ich an diesem Tag vom Land – ich bin ja aus Ur-Dorf – in die Stadt Uster gegangen bin. Uster ist ja inzwischen eine Stadt. Und heute haben wir einfach einen Kanton.

Wie nehmen Sie heute das Verhältnis zwischen Stadt und Land wahr?

Die Städte haben natürlich andere Lasten zu tragen als die Landgemeinden. In einzelnen Punkten ergibt das unterschiedliche Meinungen und Ziele. Im Kantonsrat haben wir eine starke Vertretung von Gemeindepräsidien. Jeder will für seine Gemeinde das Beste herausholen.

Sehen Sie grosse Konflikte zwischen Stadt und Land?

Nein. Aber man muss sehen, dass es unterschiedliche Voraussetzungen gibt, dass die Stadt Lasten zu tragen hat, die man auf dem Land viel weniger hat, dass aber auch auf dem Land nicht alles einfach ist.

Sie sprechen Lasten wie die Sozialleistungen an ...

Ja, zum Beispiel. Vonseiten der reichen Landgemeinden hört man oft: Wir zahlen für Euch. Das kann Konfliktpotenzial bergen, wenn die Empfänger dieser Mittel damit nicht so umgehen, wie die Geber es sich vorstellen.

Fehlt auf dem Land das Verständnis für die Zentrumslasten?

Wir reden hier nicht nur von Zürich und Winterthur, sondern auch von Uster und Wetzikon. Und ich komme aus einer Region, die mit Dietikon und Schlieren auch Städte umfasst, die ihre Lasten zu tragen haben. Das birgt spezielle Herausforderungen, nicht nur im sozialen Bereich, sondern zum Beispiel auch beim Verkehr.

Während Ihres Präsidialjahrs sind Sie zu verschiedensten Anlässen eingeladen, vom Ustertag über die Tagung der Zürcher Blasmusikanten bis hin zum 100. Geburtstag des Dampfschiffs «Stadt Rapperswil». Wie fühlen Sie sich, wenn Sie – salopp gesagt – als Maskottchen des Kantons auftreten?

Nicht als Maskottchen! Es wird die Repräsentantin des Kantons eingeladen. Und ihre Anwesenheit gibt vielleicht dem einzelnen Anlass etwas mehr Gewicht.

Haben Sie eine Botschaft, die Sie an solchen Anlässen unter die Leute bringen wollen?

Ja, ich will in Gesprächen aufzeigen, was wir im Parlament machen. Das Parlament macht Gesetze, beaufsichtigt die kantonalen Institutionen und die Verwaltung. Es vertritt das Volk.

Sie haben eben mit den Händen Anführungszeichen angedeutet, als Sie sagten, das Parlament beaufsichtige die Verwaltung. Wer hat die Macht?

Das Parlament ist die höchste Behörde. Deshalb heissts ja auch «höchste Zürcherin».

Trotzdem gibt es die verbreitete Meinung, dass eigentlich die Verwaltung die Macht hat; dort sitzen die Fachleute, während Regierung und Parlamentarier alle paar Jahre ersetzt werden. Daher nochmals: Wer hat tatsächlich die Macht? Wo werden die Entscheide geformt, bevor sie dann gefällt werden?

Ohne Verwaltung wird es schwierig. Wir sind ein Milizparlament. Wir sind angewiesen auf eine gute Beratung und Information durch die Verwaltung.

Die Frage ist damit noch nicht ganz beantwortet.

Sie ist auch schwierig zu beantworten. Für mich ist es ein Zusammenspiel von Politik und dem Know-how der Verwaltung.

Zu Ihrem persönlichen Erleben des Präsidialjahrs: Wie hat dessen erste Halbzeit Ihr Leben verändert?

Ich bin täglich unterwegs, sehr oft auch abends und am Wochenende. Und wenn ich nicht unterwegs bin, kommt die Vorbereitung der Kantonsratssitzungen hinzu.

Sie haben in unserem Vorgespräch erwähnt, Sie seien noch nie so oft geküsst worden wie jetzt als höchste Zürcherin.

Das ist ein lustiger Nebeneffekt.

Wie berührt Sie das?

Ich bin jetzt eine öffentliche Person und werde vielenorts herzlich willkommen geheissen.

Sind Sie gerne eine öffentliche Person?

Ja, in dieser Funktion macht es mir Freude. Ich bin gern mit Menschen zusammen, aber auch gern Privatfrau.

In Ihrer Antrittsrede als Kantonsratspräsidentin haben Sie Respekt und Fairplay eingefordert. Mangelt es in der Zürcher Politik daran?

Ich bin sehr angetan, wie es im Parlament läuft. Der Anstand und der Respekt, den ich einfordere aber auch meinem Gegenüber entgegenbringe, kommt zurück. Dass Politikerinnen und Politiker im Vorfeld von Wahlen härter Position beziehen als nach der Wahl, ist klar. Aber was Anstand und Respekt betrifft, bin ich sehr zufrieden.

Gab es Situationen, in denen die Grenzen des Anstands im Kantonsrats überschritten wurden?

Nein. Aber wenn es in diese Richtung gehen sollte, merke ich: Der Rat reagiert, auch auf Kolleginnen und Kollegen aus den eigenen Fraktionen. Diese Selbstregulation ist gut.

Oft wird die Polarisierung in der Politik beklagt. Ist das aus Ihrer Sicht ein Problem – oder vielleicht sogar ein Gewinn?

Persönlich finde ich es immer gut, auch andere Meinungen zu hören und kennenzulernen.

Werden die gemässigten Positionen durch Polarisierung zerrieben?

Wir haben jetzt elf Parteien und neun Fraktionen im Kantonsrat, so viele waren es noch nie. Niemand hat die Mehrheit. Das heisst: Man muss Kompromisse eingehen, um Mehrheiten zu finden. Manchmal kommt es auch zu unheiligen Allianzen, bei denen die Beteiligten das gleiche Ziel aus ganz unterschiedlichen Gründen verfolgen. Aber ich bin überzeugt, dass wir viele gute Kompromisse machen und machen müssen.

Blicken wir voraus: Was kommt nach Ihrem Präsidialjahr? Haben Sie schon Pläne?

Ja, ich werde bei den Kantonsratswahlen im Frühling nicht mehr antreten. Ich bin dann seit 15 Jahren im Kantonsparlament. Als ich mit der Politik anfing, sagte man: Acht Jahre sind gut, nach zwölf Jahren sollte man sich nach etwas Neuem umsehen. Ich war nach zwölf Jahren auf dem Weg zum Kantonsratspräsidium. Dieses Ziel wollte ich erreichen. Politik macht mir immer noch Freude. Aber nochmals vier Jahre Kantonsrat wären zu viel. Kürzlich war ich an einer Tagung für Meinungsmacherinnen, an der viele junge Frauen teilnahmen. Ich merkte: Die Zukunft dieser Welt betrifft Euch viel mehr, mich nicht mehr im selben Masse. Denn ich werde nächstes Jahr pensioniert. Der Wahltag am 12. April ist mein Geburtstag und der Tag meiner Pensionierung, auch wenn das Amtsjahr bis 18. Mai dauert. Ich finde es schön, wenn jüngere Leute nachrücken.

Sie werden also nächstes Jahr in den Ruhestand gehen?

Nicht ganz. Ich habe noch Engagements in verschiedenen Vorständen und möchte mich gerne auch weiterhin dort einsetzen – und auch mehr Zeit mit meinem Mann und meiner Familie verbringen.

*Brigitta Johner (FDP, Urdorf) gehört seit 2000 dem Zürcher Kantonsrat an, den die 63-Jährige seit diesem Frühling für ein Jahr präsidiert.

Andreas Geistlich führt FDP-Liste an

Die FDP des Bezirks Dietikon hat ihre Kandidaten für die Kantonsratswahlen vom 12. April bekannt gegeben. Angeführt wird die elf-köpfige Liste vom Bisherigen Andreas Geistlich aus Schlieren — die amtierende Kantonsratspräsidentin Brigitta Johner tritt 2015 nicht mehr an (mehr dazu auf Seite 27). Es folgen André Müller (Uitikon), Beatrice Krebs (Schlieren), Martin Romer (Dietikon), Gérald Künzle (Oetwil), Peter Vogel (Geroldswil), Olivier Barthe (Dietikon), Barbara Puricelli (Birmensdorf), Stephan Mazan (Urdorf), Lucas Arnet (Schlieren) und Marcel Burch (Unterengstringen).
In ihrer Mitteilung zeigt sich die FDP zufrieden mit der «starken Liste» und den «elf Persönlichkeiten, die sich durch einen sehr guten politischen Leistungsausweis sowie umfassende Erfahrungen in ganz verschiedenen Bereichen ausweisen und sich für den ganzen Bezirk Dietikon noch mehr einsetzen wollen». (rue)

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