Atomfrage
BKW sitzt in der AKW-Falle

Der Berner Stromkonzern hat doppelt so hohen Anteil an Nuklearenergie wie die Konkurrenz.

Sven Millischer
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Keystone

Aktienkurse bilden die Erwartung der Anleger an die zukünftige Entwicklung eines Unternehmens ab. So auch bei der BKW, deren Titel seit Beginn der Atomkrise in Japan gut
15 Prozent ihres Werts eingebüsst haben. Die Aktien des kotierten Konkurrenten Alpiq gaben dagegen nur um sieben Prozent nach.

Wo liegen die Unterschiede? Während Alpiq und Axpo einen Drittel ihrer Stromproduktion aus Atomkraft bestreiten, liegt dieser Anteil bei der BKW bei 60 Prozent. Der sich nun anbahnende Atomausstieg wird damit zum unternehmerischen Klumpenrisiko. Zwar betont Hermann Ineichen, Leiter Geschäftsbereich Energie Schweiz: «Der Umbau eines Produkteportfolios braucht seine Zeit.» Doch die Frage ist, ob die Politik der BKW diese Zeit gewährt oder ob dem Stromkonzern gröbere Abschreiber und Produktionsausfälle drohen.

Mit einem Anteil von 30 Prozent am Produktionsmix ist das AKW Mühleberg der grösste Brocken im Portfolio. Hier betrugen per Ende 2010 die Rückstellungen für die nukleare Entsorgung 1,1 Milliarden Franken. Diese umfassen sowohl die Kosten für den Abbruch des Kraftwerks und die Wiederherstellungen der Umgebung sowie die Entsorgung radioaktiver Abfälle. Dazu wendet die BKW jährlich einen «zweistelligen Millionenbetrag» auf.

Allerdings wurden die Rückstellungen im Hinblick auf eine Betriebsdauer von 50 Jahren ausgelegt. Also, bis ins Jahr 2022. Muss der Atommeiler früher vom Netz, dann droht nebst Produktionsausfällen auch ein rückläufiger Finanzertrag. So warfen die Wertschriften im Entsorgungs- und Stilllegungsfonds im letzten Jahr eine Rendite von über 20 Millionen Franken ab. Dies, bei einem Reingewinn von gut 230 Millionen Franken im 2010. Die BKW-Spitze betonte gestern, man habe eine genaue «Kostenschätzung» fürs vorzeitige Abschalten noch nicht gemacht.

Halbes Mühleberg in Frankreich

Dass aber Mühleberg bis 2022 weiterproduzieren kann, ist derzeit mehr als fraglich. Nebst politischen Ränkespielen steht auch ein Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts BVG aus. So haben im letzten Jahr Mühleberg-Gegner Einsprache gegen die unbefristete Betriebsbewilligung erhoben. Noch in diesem Sommer dürfte gemäss Initianten das BVG ein Urteil fällen. Sollten die Richter Mühleberg die unbefristete Betriebsbewilligung entziehen, dann müsste der Atommeiler an der Aare bereits im kommenden Jahr vom Netz. Vorausgesetzt, die BKW zieht den Entscheid nicht vor Bundesgericht weiter.

Aber auch die übrigen 30 Prozent des Nuklear-Portfolios bergen Zündstoff. So bezieht die BKW ein «halbes Mühleberg» an Strom aus Frankreich. Die Berner haben Lieferverträge mit den AKW Fessenheim und Cattenom – zu Gestehungskosten und für die Zeit des Bestehens. Beide sind Pannenmeiler. In Fessenheim traten in zehn Jahren 240 Störfälle auf, und dies in einem Gebiet mit erhöhter Erdbebengefahr.

Das AKW ist eines der ältesten in Frankreich, seit 1977 am Netz und ursprünglich für 30 Jahre ausgelegt. Im 2010 förderte ein unabhängiger Expertenbericht «besorgniserregende Zustände» zutage, wie die «NZZ» kürzlich schrieb. Und in Cattenom ereignete sich 2000 eine «Beinahe-Katastrophe», der die Franzosen allerdings auf der Gefahrenskala «nur» eine 2 gaben. (Fukushima: sechs). So oder so, die Bezugsverträge mit Frankreich sind eine Hypothek für die BKW. Deren Chef Kurt Rohrbach pflegte gestern aber lieber den Gemeinplatz: «Wir sind zu kritischem Denken aufgefordert.» Was auch immer das heisst.