Birsfelden und Pratteln sagen deutlich Ja zum Minarett-Verbot. Das könnte noch Folgen haben

Die Minarett-Abstimmung zeigt im Baselbiet zwar klassische Stadt-Land-Unterschiede – aber Obacht: Hohe Ja-Anteile in Pratteln und Birsfelden weisen auf Integrationsprobleme hin.

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Aargauer Zeitung

Hans-Martin Jermann

«Dort, wo es Kontakte zwischen Schweizern und Ausländern gibt, wurde die Anti-Minarett-Initiative abgelehnt.» So analysiert Kathrin Amacker das Nein aus Basel-Stadt zum überraschend deutlichen Ja der Gesamtschweiz zum Minarett-Verbot. Die Baselbieter CVP-Nationalrätin spricht ein Phänomen an, das sich bei Plebisziten über Ausländer - und dazu wurde die Minarett-Kampagne mit zunehmender Dauer - seit Jahren zeigt: Je höher der Ausländeranteil in einer Gemeinde oder einem Kanton, desto geringer die Berührungsängste gegenüber dieser Bevölkerungsgruppe - und umgekehrt.

Das Stimmverhalten der Baselbieter vom Wochenende bestätigt diese These - zumindest in groben Zügen: Im vorstädtisch-multikulturellen Bezirk Arlesheim ist das Ja zum Minarett-Verbot mit 55,5% weit weniger deutlich als in den ländlichen Bezirken Sissach (66,4%), Laufen (67,6%) und Waldenburg (71,2%).

Kleine Dörfer gegen Minarette

Besonders gross ist die Zustimmung zur Initiative denn auch vor allem in Gemeinden, in denen der Ausländeranteil relativ klein und die Chance, dass dort je ein Minarett gebaut wird, sehr gering ist: In Liedertswil mit 82,8% (Ausländeranteil: 3,2%), in Roggenburg mit 82,7% (8,4%) oder in Eptingen mit 80,2% (5,8%). Die berühmte Ausnahme von der Regel: Mit 83,8 Prozent hat Rümlingen im Homburgertal die höchste Zustimmung zum Minarett-Verbot geliefert, weist zugleich aber mit 26% einen für ländliche Verhältnisse sehr hohen Ausländeranteil auf.

Je multikultureller das Umfeld desto grösser die Toleranz gegenüber Minaretten: Diese Gleichung mag grosso modo stimmen - interessante Details relativieren sie aber: Pratteln zum Beispiel hat mit 36,8% den höchsten Ausländeranteil im Kanton - und dennoch mit 64,5% am deutlichsten aller Agglomerations-Gemeinden Ja gesagt zum Minarett-Verbot.

Ähnlich, wenn auch weniger pointiert präsentiert sich das Bild in Birsfelden (62,5% Ja bei 24,2% Ausländeranteil). Justizdirektorin Sabine Pegoraro könnten die überraschenden Resultate aus Birsfelden und Pratteln als Fingerzeig dienen - liefern sie doch Hinweise auf die Stimmung an den sozialen Brennpunkten im Baselbiet und damit auf Integrationsdefizite.

Reiche geben sich tolerant

Nur in zwei von 86 Baselbieter Gemeinden hat die Bevölkerung keine Angst vor Minaretten: In Arlesheim und Bottmingen. Es dürfte kein Zufall sein, dass die Fahne der religiösen Toleranz ausgerechnet in zwei der reichsten Gemeinden mit hohem Anteil an gut verdienenden und gut ausgebildeten Einwohnern hoch gehalten wird. Die siegreichen Befürworter des Minarett-Verbots mögen süffisant einwenden, dass die Reichen in den Baselbieter Villenquartieren in Multikulti-Romantik schwelgen und von den Sorgen des einfachen Mannes keine Ahnung haben.

Wie auch immer: Der Bezirk Arlesheim zeigt deutlich die schichtspezifische Komponente des Verdikts auf. Dies sollte der SP zu denken geben, die - siehe die industriellen Hochburgen Pratteln und Birsfelden - ihre traditionelle Arbeiter-Klientel kaum mehr vertritt.

Als einzige etablierte Baselbieter Partei hat sich die SVP für ein Minarett-Verbot stark gemacht und damit einen historischen Sieg eingefahren: Die Zustimmung lag im Baselbiet flächendeckend um 30 bis 50 Prozentpunkte über ihrem Wählerpotenzial. Das bittere Fazit: Auch in unserem Kanton haben sämtliche anderen Parteien am Volk vorbeipolitisiert.

Pfarrer im Kreuzfeuer

Dasselbe gilt für die Kirchen, die sich für ein Nein zum Minarett-Verbot stark gemacht haben und in dieser Frage ihre «Schafe» offensichtlich nicht hinter sich wussten. Schmerzlich musste dies auch der reformierte Pfarrer von Rümlingen erfahren, der sich öffentlich als Initiativ-Gegner outete und in der Folge heftig angefeindet wurde. Ob sich der Pfarrer im Wissen um das Spitzenresultat seiner Gemeinde ebenfalls derart exponiert hätte, bleibt offen.

Im Einklang mit der «vox populi» sang dagegen ein anderer Gottesmann: Der Röschenzer Pfarrer Franz Sabo, der immer für eine Überraschung gut ist, warnte jüngst in einer Sonntagspredigt vor der schleichenden Islamisierung unserer Gesellschaft und vor radikalen Hasspredigern. Röschenz hat am Sonntag mit 69,4 Prozent Ja gesagt zum Minarett-Verbot.

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