1. Mai-Kundgebung
Bildende Künste: Stiller Protest gegen fast geräuschlose Sparmassnahme

Auch die Kleinkünstler demonstrierten am Tag der Arbeit in Liestal

Von Boris Burkhardt
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Der Verband Kultur Baselland nahm einen Trauerkranz mit an die 1.- Mai-Kundgebung.

Der Verband Kultur Baselland nahm einen Trauerkranz mit an die 1.- Mai-Kundgebung.

Juri Junkov

Sie war leicht zu übersehen und erst recht zu überhören im gestrigen lautstarken 1. Mai-Zug der Gewerkschaften und Linksparteien vom Bahnhof Liestal über den Wasserturmplatz zur alten Brauerei Ziegelhof: Einsam und still zog die Performance-Künstlerin Irene Maag ihren Leiterwagen mit dem schwarzlackierten Thujakranz. «Dem Baselbieter Bekenntnis zur Kunst. Herzliche Anteilnahme, VKBL», stand auf den beiden Kranzschleifen.

Ein stiller Protest gegen eine fast geräuschlose Sparmassnahme der Baselbieter Regierung – denn diese sei gegen eine Gruppe ohne Lobby erfolgt, wie Maag erklärt. Sie ist Co-Präsidentin des Verbands Kultur Baselland (VKBL), eines jungen Vereins mit Gründungsdatum 3. Februar, der sich zum Ziel gemacht habe, genau diese fehlende Lobby zu werden (die bz berichtete). Mit der Kulturvertragspauschale, das macht Maag gleich klar, haben der Protest und die kritisierte Sparmassnahme nichts zu tun. Sie lege ihren Kranz nieder stellvertretend für die unabhängigen Kleinkünstler, die nicht von Ausschüssen verteidigt oder von Verträgen geschützt würden, vor allem aber für die Baselbieter Bildenden Künstler. Denn während die Kulturvertragspauschale für die grossen Kunsthäuser zumindest für 2016 noch einmal gerettet wurde, wurde der Baselbieter Kunstkredit nach 80 Jahren seiner Existenz von 190 000 Franken auf 50 000 Franken zusammengekürzt. Von den beschlossenen Gesamtkürzungen für 2016 in Höhe von 390 000 Franken müssen die Bildenden Künste laut Maag fast zwei Drittel tragen.

Kein Schwarz-Peter-Spiel

Dabei stellt sie klar, dass sich der VKBL nicht auf eine Diskussionsebene herablassen werde, wo einzelne Kunstsparten gegeneinander ausgespielt würden. «Aber wir legen den Fokus auf die Bildenden Künste, weil sie am meisten bluten müssen», sagt sie und fügt hinzu: «Der eingesparte Betrag ist im Verhältnis zum Budget lächerlich, trifft die Künstler aber existentiell.» Manche Projekte wie «Videobasis», wo Künstler Geräte für Filmproduktionen ausleihen können, oder die «Landkino»-Reihe seien komplett gestrichen worden; andere wie das Festival Neue Musik Rümlingen hätten keine Planungssicherheit mehr und seien von der Swisslos-Lotterie abhängig.

Auch wenn die ältere Schwester und Grünen-Unabhängige-Politikerin Esther Maag am gestrigen Gewerkschaftszug mitlief und ebenfalls gegen Sparmassnahmen protestierte, war der Anlass für Irene Maags Teilnahme ein anderer: Gestern endete im Baselbieter Kulturhaus in Muttenz die Ausstellung «Ernte», wo der Kanton jene Kunstwerke ausstellt, die er im Jahr zuvor von heimischen Künstlern erworben hat. Dieser laut Maag sehr wichtige Teil der Kunstförderung findet aus Spargründen vorläufig ebenfalls nicht mehr statt. «Bevor wir konstruktiv um die Kulturförderung kämpfen, wollten wir unsere Trauer um deren Verlust ausdrücken», erklärt Maag den Totenkranz und betont: «Wir tragen nicht den Kampf zu Grabe.»

Nicht nur Trauersymbol

Auch für den Kranz als gewähltes Motiv – statt eines Sargs oder Kreuzes – hat sie eine gute Erklärung: «Wenn man jemanden loben will, windet man ihm ein Kränzchen – wir können leider nicht loben.» Die konkrete Idee zur Aktion kam laut Maag bei der Vernissage zur «Ernte» am 18. März: «Es hat uns gestört, dass alle nur brav applaudiert haben, als Regierungsrätin Monika Gschwind über das vorläufige Ende der ‹Ernte› sprach.»
Dabei gehe es bei den Kunstankäufen und die einmalige Förderung von Projekten durch den Kanton nicht nur um Geld: «Ein Kunstprojekt, das vom Kanton eine Anschubfinanzierung bekommt, findet viel leichter weitere Förderer.» Die Sparmassnahmen der Regierung beschädigten deshalb auch die ideelle Kunstförderung.

Pauschale ist keine Kostenbremse

Sagt das Baselbieter Volk am 5. Juni Nein zu den Beiträgen des Landkantons an die Sanierung der Pensionskasse für die Uni, so ist damit auch der Kulturvertrag zwischen beiden Basel gefährdet. Diese Haltung bekräftigt die Baselbieter Regierung in ihrer Antwort auf eine Interpellation von SP-Landrat Christoph Hänggi. Die Regierung müsste sich dann vorbehalten, den Kulturvertrag zu kündigen, schreibt sie.

Grund ist die Tatsache, dass bei einem Nein am 5. Juni die 80 Millionen Franken Ausgleichszahlungen von Basel-Stadt an Baselland wegfallen und dann gemäss den ursprünglichen Sparplänen der Regierung auch partnerschaftliche Verpflichtungen wieder in den Fokus rücken. Die Regierung betont in ihrer Antwort zudem, dass der seit 1997 geltende Kulturvertrag aus Sicht des Baselbiets kein Instrument zur Kostenbegrenzung sei. So seien die Abgeltungen von einst 6,08 Millionen Franken auf aktuell 10,06 Millionen gestiegen. Hänggis Frage nach einer Kostenbegrenzung stellt sich, weil die Pauschalabgeltungen an insgesamt 15 städtische Kulturinstitutionen stets ein Prozent der Steuereinnahmen des Landkantons ausmachen.

Hänggi fragt auch, ob ein Lastenausgleich bei der Kultur, der die effektive Beanspruchung durch Baselbieter Besucher berücksichtigt, den Kanton nicht viel teurer zu stehen käme als die heutige Pauschale. Auf diese Diskussion lässt sich die Regierung derzeit nicht ein. Das Risiko, dass Baselland auf einen solchen (in der Bundesverfassung vorgesehenen) Lastenausgleich verpflichtet werden könnte, sei äusserst gering. Im Rahmen des 80-Millionen-Deals seien die Regierungen daran, das Subventionsmodell für gemeinsam getragene Institutionen zu überarbeiten. In diesem Zusammenhang erhebe der Kanton Basel-Stadt auch den Besucheranteil aus Baselland in den Basler Kulturinstitutionen, schreibt die Regierung weiter. (haj)

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