Systemwechsel
Betreuung von Sozialhilfebezügern: Hausarzt kritisiert Stadt

Seit 2014 müssen Hausärzte in Dietikon ihre Rechnungsbeträge bei Sozialhilfebezügern selbst eintreiben – Dr. Eric Ganzoni wartet noch immer auf Tausende von Franken.

Florian Niedermann
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Früher zahlte die Stadt Dietikon die Rechnungen ihrer Sozialhilfebezüger. Heute müssen Ärzte das Geld eintreiben (Symbolbild). Key

Früher zahlte die Stadt Dietikon die Rechnungen ihrer Sozialhilfebezüger. Heute müssen Ärzte das Geld eintreiben (Symbolbild). Key

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Der Dietiker Hausarzt Eric Ganzoni ist entrüstet: «Ich habe nun schon Tausende von Franken abschreiben müssen», sagt er. Schuld an diesem Verlust sei die Stadt Dietikon. Denn: Seit die Sozialabteilung der Stadt im Januar 2014 ihre Praxis bei der Betreuung ihrer Sozialhilfebezüger geändert hat, bleiben Hausärzte oft auf ausstehenden Zahlungen für ihre Behandlungen sitzen.

Früher bezahlte die Stadt die Arztrechnungen von Sozialhilfebezügern direkt an die Ärzte. Die Krankenkassen vergüteten ihr anschliessend den Rechnungsbetrag abzüglich des gesetzlichen Selbstbehalts und der Franchise.

Vor mehr als einem Jahr gab die Sozialabteilung nun die Verantwortung an ihre Klienten zurück: Rechnungen für medizinische Behandlungen müssen die Sozialhilfebezüger seither selbst bei der Krankenkasse einreichen und – sobald sie den Anteil des Versicherers erhalten haben – gegenüber ihrem Arzt begleichen.

Nur die Krankenkassenprämien bezahlt die Stadt aufgrund kantonaler Vorgaben weiterhin direkt ein. Franchise und Selbstbehalt, welche Sozialhilfebezüger von der Krankenkasse nicht zurückerstattet bekommen, zahlt ihnen die Sozialabteilung nach Vorweisen der Zahlungsquittung aus.

Doch die Sozialhilfebezüger legen gemäss Ganzoni als Patienten eine sehr schlechte Zahlungsmoral an den Tag: Insgesamt häuften sich bei ihm bis vergangene Woche ausstehende Beträge in der Höhe von 58 000 Franken an. «Die Stadt schiebt mit dem Systemwechsel das Risiko an uns ab, und wir müssen viel Aufwand betreiben, um an unser Geld zu kommen», sagt er.

Der Dietiker Sozialvorstand Roger Bachmann (SVP) lässt diesen Vorwurf nicht gelten. Die Hausärzte machten es sich damit zu leicht, sagt er. Sie hätten davon profitiert, dass die Stadt früher Direktzahlungen an die Arztpraxen tätigte. «Man darf aber nicht vergessen, dass unsere Klienten nicht unter Vormundschaft stehen. Es ist nicht unsere Sache, die Verantwortung für ihre Zahlungsmoral zu übernehmen», so Bachmann.

Die frühere Praxis der Stadt sei im Übrigen viel weiter gegangen, als es das Sozialhilfegesetz vorschreibt. Der Sozialvorstand erklärt, es sei Teil eines grundsätzlichen Strategiewechsels im Dietiker Sozialwesen, Arztkosten – wie auch Wohnungsmieten – von Sozialhilfebezügern nicht mehr direkt zu begleichen. «Wir wollen ihre Selbstständigkeit erhalten. Unsere Klienten in allen Belangen zu betreuen, würde deren Integration in die Gesellschaft erschweren.»

Wegen Lage stark betroffen

Ganzoni wies die Sozialabteilung Dietikon in einem Mail Anfang März auf seine Situation hin. Da er in seiner Praxis an der Oetwilerstrasse viele sozial schwächere Patienten empfange, betreffe ihn der Systemwechsel besonders stark, hiess es darin.

Die Sozialabteilung liess sich von seinem Mail jedoch nicht erweichen. Man ziehe nicht in Betracht, den Systemwechsel rückgängig zu machen hiess es in ihrer Antwort. Die Behörde verwies ebenfalls auf die «Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit» der Klienten. «Das heisst aber auch, dass Sozialhilfebezüger, die keine Zahlungsmoral zeigen, die Konsequenzen – auch den Ausschluss aus einer Praxis – selbst tragen müssen», schrieb sie.

Grundsätzlich besteht für die Ärzte die Möglichkeit, die Rechnungen gemäss dem «Tiers payant»-Prinzip gar nicht erst an die Patienten, sondern direkt an die Krankenkassen zu schicken. So würde der Versicherer ihnen seinen Teil der Rechnung bezahlen. Doch das Problem dabei ist laut Ganzoni, dass die Ärzte auch bei diesem Verfahren den Selbstbehalt und die Franchise bei den Patienten selbst einfordern müssen.

«Einige Sozialhilfebezüger haben die maximale Franchise von 2500 Franken vereinbart. Angesichts ihrer oftmals schlechten Zahlungsmoral nützt es mir also wenig, Rechnungen direkt an die Versicherer zu senden», sagt der Arzt. Für ihn ist daher klar: Wenn die Stadt sich der medizinischen Versorgung ihrer Sozialhilfebezüger nicht wieder im gleichen Sinne annimmt, wie sie dies früher getan hat, werden viele von ihnen aus den Hausarztpraxen ausgeschlossen.

«Das bedeutet, dass Leute, die oft auf medizinische Hilfe angewiesen sind, bald auf der Strasse stehen», erklärt er. Die Selbstverantwortung in finanziellen Angelegenheiten müsse gelernt werden und könne «nicht durch Abschieben» geschehen.

In Schlieren ist die Situation eine andere, als in Dietikon: Hier führt nur rund die Hälfte der Sozialhilfebezüger das Krankenkassenwesen selbst, wie Annamarie Albrecht, die Leiterin der Sozialberatung, auf Anfrage mitteilt. Die andere Hälfte hat das Krankenkassenwesen an die Sozialabteilung abgetreten.

Dies etwa, weil sie im Umgang mit Sozialversicherungen nicht geübt sind oder die Sprachkenntnisse nicht ausreichen. Wenn behandelnde Ärzte darauf hinweisen, mit einem Klienten als Zahler bereits negative Erfahrungen gemacht zu haben, schlägt die Behörde laut Albrecht den Sozialhilfebezügern von sich aus vor, das Krankenkassenwesen an die Stadt abzutreten.

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