Berufsmesse
Berufswahl: Die Lehre ist keine Sackgasse mehr

Warum die Berufslehre das bessere Studium sei, sagt Ökonom Rudolf Strahm an der Berufsmesse Zürich

Oliver Graf
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Berufsmesse Zürich
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Der Beruf der Pflegefachfrau wird vorgestellt.
An der Berufsmesse Zürich gibt es erste Einblicke in den Beruf der Automatikerin.

Berufsmesse Zürich

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Die Berufslehre hatte nicht immer ein gutes Image: «Früher galt sie als Sackgasse», sagte der Ökonom, frühere Preisüberwacher und einstige SP-Nationalrat Rudolf Strahm.

Doch die Zeiten, als man nach einer Ausbildung bis zur Pensionierung im selben Job – und meist auch auf derselben Hierarchie-Stufe – verharrte, sind längst vorbei.

«Es gibt keine Ausbildung ohne Anschluss», sagte der 72-jährige Strahm, der eine Lehre als Chemie-Laborant absolviert hatte, denn auch gestern bei der Eröffnung der elften Berufsmesse Zürich.

Jede Berufslehre eröffne heute verschiedene neue Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten.

Diese Durchlässigkeit im Bildungswesen habe zu einem Wertewandel geführt, glaubt Strahm. «Die Berufslehre hat wieder eine bessere Reputation als in den 1990er-Jahren – zum Glück.»

Denn das Festhalten am dualen Berufsbildungssystem, das damals umstritten war, hat sich laut Strahm als richtig erwiesen: «Heute reisen ja fast wöchentlich Delegationen aus dem Ausland in die Schweiz, um sich über unser System zu informieren.»

Das duale Berufsbildungssystem führt laut Strahm auch zur vergleichsweise sehr tiefen Jugendarbeitslosigkeit.

Die Quote liegt gemäss den offiziellen Statistiken in der Schweiz bei rund vier Prozent.

Im europäischen Durchschnitt sind es 25 Prozent, wobei in einzelnen Ländern wie etwa Spanien und Griechenland gar die 50-Prozent-Schwelle überschritten wird. «Jeder vierte Jugendliche auf diesem Kontinent ist arbeitslos, das ist doch ein Drama», sagte Strahm.

Es gibt keine grössere Demütigung für einen jungen Menschen, als das Gefühl zu haben, er werde nicht gebraucht.»

Es gilt, die Eltern zu überzeugen

Als einen der Faktoren, die in der Schweiz zu einer tiefen Quote führen, bezeichnete der Ökonom eben das duale Berufsbildungssystem.

Dank diesem würden die Jugendlichen früh ins Berufsleben integriert, und ebenso früh würden sie – dank der Verbindung von Theorie und Praxis mit der Ausbildung in der Schule und im Betrieb – auch Erfahrung mitbringen. «In einer Berufslehre eignet man sich Exaktheit, Präzision, Verantwortungsbewusstsein und Sozialkompetenz an», erklärte Strahm, «das lernt man nicht an einer Uni.»

Rudolf Strahm, dessen letztes Buch vor einem Jahr unter dem Titel «Die Akademisierungsfalle – warum nicht alle an die Uni müssen» erschienen ist, verwies auch auf zahlreiche Statistiken laut denen der Markt, also die Wirtschaft, eher nach Absolventen der Fachhochschulen als der Universitäten rufe.

So verfüge beispielsweise fast jeder vierte Uni-Absolvent fünf Jahre nach dem Abschluss über keinen unbefristeten Arbeitsvertrag; bei den Fachhochschulabgängern ist es nur jeder 14.

Ein gewisses Prestige-Problem der Berufslehre sieht Strahm aber nach wie vor: Gerade in städtischen, urbanen Gebieten müssten die Optionen und Möglichkeiten, die heute unter anderem mit Fachhochschulen und weiterführenden Bildungsangeboten vorhanden sind, aufgezeigt werden – dies nicht primär den Jugendlichen, aber vielmehr deren Eltern, meinte Strahm.

Regierungsrätin Silvia Steiner (CVP) bezeichnete sich bei der Eröffnung der Berufsmesse ebenfalls «als Fan des dualen Berufbildungssystems». Die Zürcher Bildungsdirektorin lobte unter anderem dessen Durchlässigkeit: «Man muss sich nicht bereits mit 14 Jahren abschliessend für einen bestimmten Beruf entscheiden, es sind jederzeit auch Um- und Weiterschulungen möglich.»

Eine Messe für Schüler

Bis zum kommenden Samstag stellen 120 Berufsverbände, Firmen und Schulen in der Messe Zürich in Oerlikon gegen 500 berufliche Grundbildungs- und Weiterbildungsangebote vor.

An einem einzigen Ort können hier Jugendliche, die die kostenlose Veranstaltung meist mit ihren Lehrerinnen und Lehrern zum ersten Mal besuchen, alle für sie relevanten Informationen zur Berufswahl finden.

Laut Regierungsrätin Steiner gehört die Berufsmesse Zürich, die gestern zum elften Mal ihre Türen geöffnet hat, inzwischen «zum Berufswahlfahrplan» – und ist daraus nicht mehr wegzudenken.

Organisiert wird die Berufsmesse Zürich vom kantonalen Gewerbeverband und der MCH Messe Zürich. Unterstützt wird sie unter anderem auch vom Berufsbildungsfonds des Kantons Zürich sowie vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation.

Die elfte Austragung steht unter dem Titel «Mach eine Lehre, werde Profi». Damit will die Berufsmesse Zürich aufzeigen, dass «eine Lehre nicht einfach nur der Einstieg in die Berufswelt ist», heisst es in den Unterlagen. Sie könne auch viele Türen öffnen: «Eine Berufslehre kann auch der Anfang einer grossen Karriere sein.»