Bezirksgericht Bülach
Beinahe-Crash: Für beschuldigten Fluglotsen geht das Warten weiter

Auch fünf Jahre nach einem Zwischenfall am Flughafen Zürich geht für den Beschuldigten im Fluglotsen-Prozess das Warten weiter. Das Bezirksgericht Bülach ZH befasste sich am Donnerstag zum zweiten Mal mit dem Fall. Das Urteil wird jedoch erst in einigen Monaten eröffnet.

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Im Tower des Flughafens Zürich Kloten ist höchste Konzentration gefordert. keystone

Im Tower des Flughafens Zürich Kloten ist höchste Konzentration gefordert. keystone

KEYSTONE

Am Flughafen Zürich waren sich im März 2011 zwei startende Flugzeuge mit insgesamt mehr als 260 Menschen an Bord auf sich kreuzenden Pisten zu nahe gekommen. Zu Schaden kam niemand.

Der Fluglotse hatte den beiden Maschinen kurz nacheinander die Starterlaubnis gegeben. Er wurde der fahrlässigen Störung des öffentlichen Verkehrs angeklagt. Laut Staatsanwalt hat er die Sorgfaltspflicht missachtet.

Bereits im Dezember 2014 stand der heute 33-Jährige vor dem Bezirksgericht Bülach. Der von der Anklage bestellte Gutachter wirkte allerdings fachlich nicht sehr kompetent. Das Gericht gab ein neues Gutachten in Auftrag. Am Donnerstag nun wurde die damals vertagte Verhandlung fortgesetzt.

Verfolgt wurde sie unter anderem von zwei Vertretern der Bundesanwaltschaft. Zudem waren zahlreiche Berufskolleginnen und -kollegen des Beschuldigten erschienen.

Für Sie geht es um ihre Fehlermeldekultur, wie Skyguide-Sprecher Vladi Barrosa zur Nachrichtenagentur sda sagte: Bei einer Verurteilung riskiere man, dass Fehler und Irrtümer, aus denen man lernen könne, aus Angst vor Strafe nicht mehr gemeldet würden. Das Gleiche gelte auch für andere sicherheitsrelevante Betriebe, wie etwa Spitäler.

"Kein leichtes Verschulden"

Staatsanwalt Thomas Leins beantragte eine Verurteilung wegen fahrlässiger Störung des öffentlichen Verkehrs und eine bedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu 100 Franken. Es handle sich zwar um ein Fahrlässigkeitsdelikt, sagte er in seinem Plädoyer. Es sei aber eine grosse Zahl Menschen gefährdet gewesen. Das Verschulden des Fluglotsen wiege nicht mehr leicht.

Die Forderung, Fehler sollten ohne Angst gemeldet werden können, greife im vorliegenden Fall nicht: Unzählige Menschen hätten an diesem Mittag den Vorfall beobachtet. Im übrigen gebe es keine Gesetzesgrundlage für eine Strafbefreiung von solchem Fehlverhalten.

"Kein Bauernopfer"

Verteidiger Peter Ettler seinerseits plädierte auf Freispruch. Sein Mandant dürfe nicht das "Bauernopfer" für Fehler im Unternehmen sein. Er sei "über die Tücken des Systems gestolpert" und habe nicht die Sorgfaltspflicht verletzt.

Das damalige Sicherheitssystem sei ungenügend gewesen. Dies sei heute anders: Nach dem Zwischenfall wurden verschiedene Massnahmen und Verbesserungen umgesetzt. Laut Ettler ist "jede Massnahme ein Eingeständnis, dass es vorher nicht sicher war".

"Kein Freipass für Verfehlungen"

Der Fluglotse hatte an jenem März-Mittag nicht nur die beiden Flugzeuge beaufsichtigen müssen. Es herrschte reger Verkehr, zudem erfolgten Messflüge. Er habe auch nicht damit rechnen können, dass eine der beiden Maschinen am Pistenanfang einen technisch begründeten Stopp von fast einer Minute einlegte.

In seinem Schlusswort erklärte der Beschuldigte, der seit dem Zwischenfall bei Skyguide im Hintergrund arbeitet, die hoch gehaltene Fehlermeldekultur sei "kein Freipass für Verfehlungen". Man unterscheide klar zwischen Verfehlungen und Fehlern. Dies sei betriebsintern klar festgehalten.

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