Langenthal
Auf der Suche nach dem geeigneten Velo

An der Velobörse in der Markthalle können die Besucher aus 550 Rädern auswählen. Egal ob Dreigänger, Mountainbike oder Kindervelo - es gibt jede Menge Zweiräder zu kaufen. Was suchen sie?

Julian Perrenoud
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Handelsware Velo: Für Käufer und Verkäufer geht die Rechnung an der Börse auf. (Foto: Julian Perrenoud)

Handelsware Velo: Für Käufer und Verkäufer geht die Rechnung an der Börse auf. (Foto: Julian Perrenoud)

Solothurner Zeitung

Punkt 10 Uhr löst sich die Schlange auf und die Menschen strömen durch die Schranken in den hinteren Teil der Markthalle. Die Velobörse lockt wieder für ein paar Stunden, oder eigentlich nur knapp für eine, denn bald schon sind alle Schnäppchen vergriffen.

Ihr ausgewähltes Fahrrad fest umklammert, stehen Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder darauf wieder Schlange, während sich die Kassen am Ausgang füllen.

Alte gegen neue Velos tauschen

Einer der Ersten, der ein neues, altes Fahrrad an die milde Frühlingsluft schiebt, ist Sämi Köhli. 70 Franken hat er dafür bezahlt. Als Mitglied von Pro Velo Oberaargau konnte er sich bereits eine halbe Stunde früher auf Schnäppchensuche begeben als die meisten anderen. Doch eigentlich ist es gar nicht sein Drahtesel, den er da mit sich führt, sondern der seines Sohnes. Jedes Jahr kommt der 47-jährige Bauleiter aus Langenthal mit seiner Familie an die Börse, um die alten Velos gegen neue zu tauschen. «In der Regel sogar mit Gewinn.»

Und bisher konnten sie immer alle Fahrräder verkaufen. Seine drei Kinder würden ganze Arbeit leisten, sagt er stolz. Köhli selber sieht sich eher als Fussgänger, «in Langenthal laufe ich überall hin.» Aber vielleicht könne er künftig etwas mehr Rad fahren. «Ich hab jetzt ja eines», sagt er, zwinkert und zeigt auf das neue Velo seines Sohnes.

Nach der Knieoperation aufs Velo

Etwas abseits des Rummels, bei den Festbänken neben dem Crêpes-Stand, steht ein älteres Ehepaar. Der Mann hält ein rot leuchtendes Fahrrad fest. Scheint in gutem Zustand zu sein. Ob es seins ist? «Nein, das ist für mich», meldet sich seine Frau zu Wort. Annemarie Schärer ist schon immer Velo gefahren, bis sie sich die Knie operieren lassen musste. Jetzt, da es ihr wieder besser geht, braucht sie wieder ein neues Fahrrad. Bequem soll es sein beim Auf- und Absteigen, und gute Bremsen muss es haben. Ihr Mann zeigt den tiefen Einstieg und die Schaltung an den Handgriffen. Seine Frau habe manchmal Probleme mit den Händen, da sei eine solche Schaltung gut.

Früher in jungen Jahren waren die zwei Rentner aus Thörigen beide mit dem Velo unterwegs auf Touren. Heute fährt er nur noch Auto und Annemarie Schärer nur noch Rad. «Das milde Frühlingswetter geniesse ich dabei am meisten», sagt sie. Denn wer gehe schon gerne bei Wind und Regen mit dem Velo einkaufen? Nur ein Foto von sich schiessen lassen will die 68-Jährige auf gar keinen Fall. Zu wenig fotogen, findet sie. Nicht einmal er dürfe sie fotografieren, sagt ihr Mann und lacht.

Von Langenthal nach Kuba

Einige, die eine halbe Stunde später in der Markthalle erscheinen, schütteln lachend den Kopf oder seufzen frustriert ob der vielen Menschen. Sie scheinen wohl zum ersten Mal da zu sein. Denn viele Fahrräder sind jetzt nicht mehr übrig.

Doris Eugster zumindest hat sich eines ergattert. Für die 38-jährige Osteopathin muss ein Velo vor allem eines sein: pflegeleicht und in einem guten Zustand. Obschon sie es noch kaum eingefahren hat, will die Langenthalerin es künftig oft nutzen, für den Bahnhof etwa. Das eigene Tourenvelo ist ihr dafür zu schade. Dieses braucht sie viel mehr, wenn sie quer durch die Schweiz fährt, oder durch Venezuela und Kuba. «Kann ich sehr empfehlen», sagt sie. Man muss es ihr glauben.

Gutes Licht für den Ausgang

In den vergangenen Jahren standen auch schon mehr Velos als die heute zirka 550 Stück in der Markthalle zum Kauf bereit. Einige werden mittlerweile direkt beim Stand von «Velos für Afrika» abgegeben und kommen erst gar nicht mehr zur Börse. Ein Fahrrad kaufen konnte sich gerade noch Marc Pfister. Mit 90 Franken stimmen für ihn Preis und Leistung.

Der Autolackierer aus Langenthal hat dabei vor allem ein Auge auf ein gutes Schutzblech und Licht geworfen. Hauptsächlich fährt der 28-Jährige zwar Auto, aber zur Schule, sporadisch zum Bahnhof oder zur Arbeit nach Bützberg könne er ein Velo ganz gut gebrauchen. Und natürlich für den Ausgang, wenn es spät wird. Oder für an die Aare im Sommer.

Die Tendenz an der Velobörse ist auch dieses Jahr klar erkennbar: Gefragt sind einfache, robuste Fahrräder für die tägliche Mobilität, oder solche, die für Familien taugen. Und getaugt haben, wie es scheint, die meisten der angebotenen Velos etwas, wie die beinahe leere Halle nach anderthalb Stunden beweist.