Arianna Huffington im Interview: «Sklaven der Smartphones»

Sie hat 2005 die Online-Zeitung «Huffington Post» gegründet, heute eine der meistbesuchten News-Seiten der Welt. Seit einem halben Jahr gibt es sie auch auf Deutsch. Jetzt sieht Arianne Huffington (63) einen neuen Trend.

Patrik Müller
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Arianna Huffington, Pionierin der Online-Zeitung, sieht neue Trends. Foto: Keystone

Arianna Huffington, Pionierin der Online-Zeitung, sieht neue Trends. Foto: Keystone

Schweiz am Wochenende

Frau Huffington, noch reden alle von den sozialen Medien. Was kommt als nächstes?
Arianna Huffington: Das Abschalten-Können! Mehr und mehr Menschen realisieren, dass sie zu Sklaven der Smartphones geworden sind. Das kann ungesunde Ausmasse annehmen.
Das sagen Sie als Unternehmerin im Online-Geschäft!
Wir werden lernen müssen, von diesen Geräten, die ja eigentlich grossartig sind, zwischendurch loszukommen. Sonst gefährdet das unsere Beziehungen. Burnout ist eine Zivilisationskrankheit. Star-Ökonom Nouriel Roubini hat kürzlich eine Veranstaltung verlassen, um zu meditieren. Das zeigt, es ist zum Mainstream geworden, wenn man sich bisweilen ausklinkt.
Empfehlen Sie, das Smartphone bewusst ausgeschaltet zu lassen?
Jeder Mensch braucht solche Off-Phasen. Eine Studie in den USA zeigte kürzlich, dass viele Leute gestresster aus den Ferien zurückkommen, als sie gegangen sind. Weil sie dauernd die Mails checken und gleichzeitig für die Familie da sein sollten.
Wie machen Sie das?
Während der Weihnachtsferien war ich eine Woche lang komplett offline. Aber das kommt selten vor. Normalerweise ist mein Smartphone immer eingeschaltet. Aber ich nehme es nicht überallhin mit: Mein Schlafzimmer ist eine gerätefreie Zone. Wenn ich im Bett liege, lese ich – wenn ich lese – ein richtiges Buch.
Journalisten sollten doch immer erreichbar sein.
Nicht bei mir. Von meinen Angestellten erwarte ich nicht, dass sie Mails nach 18 Uhr beantworten.
Halten sie sich daran?
Nur schon das Wissen, dass man nicht in die Mailbox schauen muss, wirkt entspannend. Es sind die Erwartungen, welche die Menschen so stressen. Auf unserer Newsseite sind solche Themen übrigens sehr gefragt, oft mehr als Politik. Zumal die Menschen zumindest in den USA der Politik immer weniger trauen.
Journalisten trauen sie ebenso wenig.
Daran sind wir selber schuld. Die Glaubwürdigkeit der Medien leidet darunter, dass wir den Fokus lieber auf Dinge legen, die nicht funktionieren, als auf Dinge, die funktionieren. Wir sollen öfter über positive Themen schreiben. Über Kreativität, Innovation, Erfolgsgeschichten, neue Jobs. Das macht doch das Leben aus. Und die Medien bilden das nur ungenügend ab.
Ist es nicht primär die Aufgabe der Medien, Missstände aufzudecken?
Sicher. Aber das tun wir in der Regel ganz gut. Was zu kurz kommt, sind die erfreulichen, konstruktiven Themen – auch hier kann man recherchieren! Auf Social Media werden positive Geschichten übrigens mehr geteilt als bad news.
Die «Huffington Post» macht Gewinn, das gelingt den wenigsten News- Portalen aus den traditionellen Verlagshäusern. Wann wird sich das ändern?
Es findet gerade eine Veränderung statt: Viele Medienhäuser sind daran, sich erfolgreich an das neue News-Zeitalter anzupassen. Die Zukunft kombiniert zwei Dinge: einerseits die Qualitäten des herkömmlichen Journalismus wie Fairness, Professionalität, Erzählkunst und Recherche, andererseits die Stärken des Digitalen – Geschwindigkeit, Transparenz, und vor allem: Einbezug des Lesers.
Mehr und mehr Zeitungen verlangen Geld im Netz. Wer macht das am besten? Die «New York Times»?
Ich beobachte bei den Medienhäusern einen grossen Willen, neue Geschäftsmodelle auszuprobieren – ein Indiz dafür, dass wir in einem goldenen Zeitalter des Journalismus leben. Es mangelt weder an grossartigem Journalismus noch am Hunger der Leute danach. Es gibt viele erfolgreiche Modelle; Huffington Post ist gratis für den Nutzer, wir finanzieren uns mit Werbung unterschiedlichster Art, darunter native advertising und Sponsoring.
Sind Sie sicher, dass «Huffington Post» in zehn Jahren noch gratis sein wird?
Ja!
Snowden-Enthüller Glenn Greenwald sagt: Ein guter Journalist ist ein Aktivist. Teilen Sie diese Philosophie?
Es hat sicherlich Platz für missionarischen Journalismus, etwa bei Themen wie Klimawandel und dem gescheiterten Krieg gegen Drogen. Häufig behaupten die Medien im Namen der Objektivität, jedes Thema habe zwei Seiten, die es verdienten, gleichermassen gewichtet zu werden. Doch manchmal ist es richtig, die Frage «was ist wahr?» selbst zu beantworten und das nicht dem Publikum zu überlassen.
Früher waren die Medien die Marken, heute sind das mehr und mehr die Journalisten selbst. Einige von ihnen werden zu Unternehmern. Wie weit geht dieser Trend?
Es gab immer schon Journalisten, die Marken waren – etwa Bob Woodward, um nur einen zu nennen (er deckte den Watergate-Skandal auf, die Red.). Es ist grossartig, dass innovative Journalisten wie Nate Silver oder Ezra Klein oder Glenn Greenwald imstande sind, sich selbstständig zu machen. Aber das heisst nicht, dass individuelle Marken nicht gemeinsam mit traditionellen Marken funktionieren können.
Auf welche eigene Geschichte sind Sie stolz?
Seit Jahren schreibe ich über den gescheiterten Krieg gegen Drogen und die Folgen, die dieser für Millionen von Menschen hat. In den USA kostete dieser Krieg nicht nur etwa eine Billiarde Dollar in den letzten 40 Jahren, sondern er brachte Zehntausende von Drogendelinquenten ins Gefängnis. Das trug dazu bei, dass Amerika heute ein Gefängnis-Staat ist.
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