Zwillingsmord
Anwalt: «Vater will, dass die Wahrheit an den Tag kommt»

Für den 44-jährigen Vater der getöteten Kinder ist der Prozess Belastung und Erleichterung zugleich. Fünf Jahre nach der grausamen Tat seiner ­Ex-Frau kommt alles wieder hoch. Hilfe hat er von seiner Familie und seiner neuen Partnerin, sagt sein Anwalt Markus Bischoff.

Anja Kutter
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Kantonsrat Markus Bischoff ist der Anwalt des Vaters der getöteten Kinder. STEFFEN SCHMIDT/KEYstone

Kantonsrat Markus Bischoff ist der Anwalt des Vaters der getöteten Kinder. STEFFEN SCHMIDT/KEYstone

Herr Bischoff, wie geht es dem Vater der drei getöteten Kinder?

Markus Bischoff: Dass seine Ex-Frau seine drei Kinder ermordet hat, kann er natürlich nie überwinden. Dieses Schicksal begleitet und beschäftigt ihn täglich. Aber er hat ein sehr stabiles soziales Umfeld, ist familiär stark verwurzelt. Die Unterstützung von Eltern und Geschwistern hilft ihm, zu funktionieren. Aber natürlich leidet er nach wie vor sehr.

Arbeitet er?

Ja, er hat sehr schnell nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft wieder zu arbeiten begonnen - im gleichen Tätigkeitsbereich wie früher. Ausserdem hat er einen neuen Wohnort, die räumliche Distanz tut ihm gut.

Ich nehme an, er ist auch in psychiatrischer Behandlung.

Nein, nicht mehr. Nach der Ermordung der Zwillinge 2007 hat er eine Therapie gemacht, inzwischen ist er aber nicht mehr in Behandlung. Das ist nicht seine Welt. Aber er wird anders aufgefangen, hat eine neue Beziehung.

Wie kann er nach einem solch schlimmen Erlebnis überhaupt wieder einer Frau vertrauen?

Das weiss ich nicht. Ich kann nur sagen, dass er ein Mensch ist, der vorwärtsschaut und mit beiden Beinen im Leben steht. Das ist in dieser Situation sicher hilfreich.

An der Gerichtsverhandlung vom Mittwoch war er dabei. Es war der Tag, als der Psychiater sein Gutachten präsentiert hat. Als Bianca G. eine Woche davor gestanden hatte, die drei Kinder umgebracht zu haben, war er nicht anwesend.

Nein. Die Geschichten über die schrecklichen Taten hatte er sich nicht anhören wollen. Das ist nachvollziehbar. Die Ausführungen des Psychiaters waren aber wesentlich für den Verarbeitungsprozess. Und es war vor allem wichtig, dass er sie live hört.

Er wirkte am Mittwoch am Gericht sehr gefasst.

Das ist sein Charakter, er ist ein ruhiger, kein impulsiver Mensch. Das war er auch in der Ehe mit Bianca G. Der Prozesstag hat ihn aber innerlich stark belastet. Vor allem, die Motive für die Tötung auf Tonband mitzuhören, hat ihn schwer erschüttert (Anm. der Red.: Der Psychiater hatte am Mittwoch vor Gericht Tonbandaufnahmen aus den Sitzungen mit Bianca G. abgespielt). Es ist schlimm für ihn, dass dieses Verfahren nach dem Prozess am Geschworenengericht 2009 nun nochmals aufgerollt wird. Fünf Jahre nach den Morden an den Zwillingen kommt nun alles wieder hoch. Er ist sehr aufgewühlt. Es wäre wichtig für ihn, dass das juristische Verfahren nun endlich abgeschlossen wird.

Bianca G. hat vor einer Woche nicht nur den Mord an den Zwillingen vor fünf Jahren gestanden, sondern auch, dass sie für den Tod ihrer ersten Tochter Lisa im Jahr 1999 verantwortlich ist. Bisher hatte man angenommen, Lisa sei mit sieben Wochen am plötzlichen Kindstod gestorben.

Zweifel, ob Lisa tatsächlich am plötzlichen Kindstod gestorben ist, hatten wir nach dem Mord an den Zwillingen natürlich immer. Es wäre naiv gewesen, nicht daran zu zweifeln. Nun haben wir Gewissheit, dass damals auch Lisa von ihrer Mutter umgebracht wurde. Für meinen Mandanten bedeutet das Trauer und Erleichterung zugleich.

Während der Ehe mit Bianca G. hatte er aber nie Zweifel an der Geschichte über den plötzlichen Kindstod?

Nein. Nach dem Tod von Lisa hatte das Ehepaar sich schliesslich genau über das Phänomen Kindstod informiert, sich in der Trauer auch beraten und betreuen lassen. Die Rechtsmediziner bestätigten die Sterbeart ebenfalls. Es gab keinen Grund, daran zu zweifeln.

Macht er sich Vorwürfe, dass er nicht früher gemerkt hat, mit was für einer psychisch kranken Frau er zusammenlebt?

Ob er sich Vorwürfe macht, weiss ich nicht. Aber Bianca G. hat alle getäuscht. Trotz der vielen Lügengeschichten, die nun ans Licht gekommen sind, hatte man bei ihr damals nicht das Gefühl, dass sie permanent lügt. Sie hat in der Ehe normal funktioniert, lügte nur punktuell und oft gegenüber Menschen ausserhalb der Familie.

Er hat also während 14 Jahren Ehe nie etwas gemerkt?

Nein. Er ist ein Mensch, der Vertrauen schenkt, ist höflich und zuvorkommend. Er hat immer vorwärtsgeschaut und wollte seiner Ex-Frau bei Problemen helfen.

Auch der 23. Dezember 2007 war ein ganz normaler Tag. In der Nacht auf Heiligabend hat Bianca G. dann ihre Zwillinge Mario und Celine erstickt.

Das zeigt, wie unfassbar diese Tat ist. An diesem 23. Dezember ging die Familie einkaufen, hat zusammen den Christbaum geschmückt. Es war ein ruhiger und friedlicher Tag ohne Streit und Unstimmigkeiten.

Zurück zum Prozess. Was wollen Sie und Ihr Mandant erreichen?

Es ist sicher gut, wenn die Wahrheit auf den Tisch kommt. Wenn Bianca G. etwas erzählt, weiss man zwar nie, was wirklich stimmt und was nicht. Doch sind wir der Wahrheit nach den Geständnissen nun sicher nähergekommen. Das dient dem Seelenfrieden meines Mandanten.

Und was das Strafmass betrifft?

Im ersten Prozess am Geschworenengericht ist Bianca G. 2010 wegen mehrfachen Mordes zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Ich kann nur sagen: Wir haben dieses Strafmass nicht als übermässig hart empfunden, auch wenn es keine höhere Strafe als lebenslänglich gibt. Alles andere werde ich im Rahmen meines Plädoyers im Januar ausführen.