Greinacher-Preis
Andreas Nyffeler, das Universum und die neunte Stelle nach dem Komma

Der Langenthaler Physiker Andreas Nyffeler wurde für seine Forschung ausgezeichnet.

Johannes Reichen
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Solothurner Zeitung

Ein paar Tage ist er jetzt in der Schweiz, eine Woche nur. Also trifft man Andreas Nyffeler am Mittwochmittag im Zug, unterwegs auf der Fahrt von Langenthal, wo er einst aufgewachsen ist, nach Bern, wo er studiert hat. Er trägt Anzug und Krawatte. Und eine Kappe.

An diesem Nachmittag wird Nyffeler an einer Feier teilnehmen, die der Grund ist für seine Rückkehr nach Bern. Um 16.30 Uhr soll er mit dem Greinacher-Preis ausgezeichnet werden und dann einen Vortrag halten, im Grossen Hörsaal der Exakten Wissenschaften.

Die Auszeichnung

Wenn man das Thema seines Vortrags kennt, dann weiss man: Es ist allerdings eine sehr exakte Wissenschaft, mit der sich Andreas Nyffeler beschäftigt. Der Titel seines Referats klingt schön und seltsam entrückt: «Das anomale magnetische Moment des Myons: warum es auf die neunte Stelle nach dem Komma ankommt.»

Die Antwort auf die Frage, die er in seinem Vortrag stellt, ist natürlich kompliziert. Der Grund für seine Entdeckung aber klingt einfach: Nyffeler ist einem Rechenfehler auf die Schliche gekommen. Dafür aber musste er zwei Monate lang rechnen.

Wegen dieser folgenreichen Entdeckung wird Nyffeler jetzt mit dem Hauptpreis der Heinrich-Greinacher-Stiftung ausgezeichnet, der mit 20000 Franken dotiert ist (siehe Kasten). «Das ist schön, wenn man einen Preis von jener Universität erhält, wo man studiert hat», sagt Nyffeler.

Die Bausteine des Universums

Der 44-jährige Nyffeler ist Elementarteilchenphysiker, er beschäftigt sich mit den kleinsten Teilen der Materie. Schon mit zehn, zwölf Jahren habe er sich für Naturwissenschaften interessiert, sagt er. Er machte die Matur, mathematisch-naturwissenschaftlicher Typus, studierte Physik und Mathematik, und ihm wurde klar, dass es «die fundamentalen Bausteine und Kräfte des Universums» sind, denen er sich widmen wollte.

«Was die Welt im Innersten zusammenhält» (Faust), das wollte Nyffeler wissen. Seit der Promotion war er in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, den USA tätig. Seit viereinhalb Jahren arbeitet er am Harish-Chandra Research Institute in Allahabad. «In der Schweiz gibt es nicht viele Professorenstellen», sagt er, nur in Indien fand er die passende Stelle.

Die Entdeckung

Die preiswürdige Entdeckung aber gelang ihm und Mitarbeitenden 2001 in Marseille, sie war «von zentraler Bedeutung für die Grundlagenforschung in der Physik», schreibt die Uni Bern. Das Team untersuchte gerade die Wechselwirkung von Licht und Hadronen, die sich auf das Magnetfeld des Myons, eines Elementarteilchens, auswirkt.

Im Februar 2001 war dann in
einem Experiment eben das anomale magnetische Moment gemessen worden. «Die Abweichung vom theoretischen Wert war aber sehr gross», sagt Nyffeler. Das beschäftigte in der Folge 200 bis 300 Wissenschafter. Nach Vorarbeiten machte sich auch Nyffeler daran, zu rechnen, was den Juni und Juli beanspruchte, und zog dann auch die Modelle anderer Teams bei. «Zwei kamen auf den gleichen absoluten Wert wie wir, nur hatten sie negative Vorzeichen. Wir hatten positive Vorzeichen.» Das führte zu einem viel genaueren Resultat, denn: 9liegt näher bei 42 als –9.

Als Nyffeler Ende Oktober seine Resultate veröffentlichte, glaubte ihm niemand, aber er hatte recht. Seit seinen Berechnungen stimmen theoretische Prognosen und experimentelle Messungen besser überein. «Die Präzision in Experiment und Theorie ist dabei so hoch, dass es beim anomalen magnetischen Moment des Myons auf die 9. Stelle nach dem Komma ankommt», so die Uni.

Die indische Hitze

Die Reise zur Preisverleihung nützt Nyffeler jetzt, um seine Mutter in Langenthal zu besuchen, um Freunde in Bern zu treffen. Dann wird er wieder nach Indien zurückkehren und viel Zeit auf dem Campus verbringen. «Der ist wie ein kleines Dorf, wo die internationalen Wissenschafter mit ihren Familien leben.» Daneben leben die Bauern mit ihren Kühen und Ziegen, davon bekämen er und die anderen aber nicht viel mit, nicht mal die Inder.

Sein Leben in Indien dreht sich vor allem um die Arbeit. Und öfter, als ihm lieb ist, ums Klima. Von April bis Juni werde es bis zu 45 Grad heiss. «Das hält man kaum aus», sagt Andreas Nyffeler, zieht die Kappe über und steigt aus dem Zug.