Reclaim the Streets
«Am Schluss waren nur noch Punks und Vermummte da»

Demo-Teilnehmer berichten über ihre Motive – und schildern, wie der Tanzumzug durch Zürich in Gewalt ausartete.

Matthias Scharrer
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«Es wurde sehr schnell gelaufen, als ob es ein Ziel gebe», sagt ein Demoteilnehmer. Das Ziel der Zerstörungswütigen war der neue Stadtteil Europaallee.

«Es wurde sehr schnell gelaufen, als ob es ein Ziel gebe», sagt ein Demoteilnehmer. Das Ziel der Zerstörungswütigen war der neue Stadtteil Europaallee.

KEYSTONE

Nach den gewaltsamen Ausschreitungen, in die eine Kundgebung unter dem Motto «Reclaim the Streets» (RTS) in der Nacht auf Samstag mündete, läuft die Suche nach den Ursachen. Daniel Blumer, Kommandant der Stadtpolizei Zürich, sagte am Mittwoch in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger»: «Sicher ist vorerst nur, dass linksautonome Kreise die Demonstration organisiert und dazu aufgerufen haben. Zudem konnten wir erstmals gewisse Anzeichen einer stärkeren Vernetzung zwischen gewaltbereiten Fans aus dem Sportbereich, der Hausbesetzerszene und Linksautonomen feststellen.» So weit die polizeiliche Sicht. Doch wie erlebten Teilnehmer die Demo? Warum liefen sie mit? Und wie kam es zu den Gewaltausbrüchen, bei denen sieben Polizisten verletzt wurden und Sachschäden in Millionenhöhe entstanden?

«Wir wollten eine lärmige Party»

Daniel*, ein 27-jähriger Student, der im Zürcher Stadtkreis 4 wohnt, hatte den SMS-Aufruf zum RTS-Umzug am Mittwoch letzter Woche erhalten. Zusammen mit Kollegen fand er sich am Freitag pünktlich um 22 Uhr beim Treffpunkt Sihlhölzli ein. «Wir wollten eine unerlaubte, lärmige Party, um zu zeigen, dass es auch anders geht, als für 35 Franken Eintritt in einem Club mit Drinks für 18 Franken zu feiern.» Kreative, unkommerzielle Freiräume wie Perla-Mode an der Langstrasse, wo man für wenig Eintritt oder gratis hingehen konnte, gebe es immer weniger in Zürich. «Sie fallen immer mehr der Aufwertung zum Opfer.» Das Fass zum Überlaufen gebracht habe der neue Stadtteil Europaallee beim Hauptbahnhof mit seinen Luxuswohnungen – für Daniel ein «Eindringen der Gentrifizierung in den Kreis 4».

Beim Sihlhölzli traf er auf viele bekannte Gesichter und eine bunte Mischung von Umzugsteilnehmern: Hipster, Studenten, Szenegänger, ein paar Punks, Leute aus dem linken Umfeld. Man trank Bier; bestaunte die Soundwagen und goldenen Fahnen, die im Wind flatterten. Der Umzug setzte sich in Bewegung. «Relativ schnell waren Polizisten da. Sie verhielten sich aber zurückhaltend. Wir zweigten ab in Richtung Bahnhof Wiedikon. Mir fiel auf: Es wurde sehr schnell gelaufen, als ob es ein Ziel gebe.» Nach einer Pinkelpause verpassten Daniel und seine Kollegen den Anschluss an den Umzug. Rannten nach. Holten ihn an der Langstrasse ein. Fanden, als der Umzug die «Longstreet»-Bar passierte: «Es wäre cool, hier zu bleiben, um zu feiern.» Doch der Umzug marschierte weiter.

Strassenschlacht bei unbewilligter Demo in Zürich
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Strassenschlacht bei unbewilligter Demo in Zürich

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«Beim Kino Roland fing es an mit Scheibeneinschlagen. Wahllos wurden Restaurants angegriffen. Ab der Kaserne ging es Richtung Europaallee. Ich sah schwarzen Rauch. Die Stimmung war gekippt. Autos wurden angezündet. Die ganze Zeit klirrten Scheiben. Musik war nicht mehr zu hören.» Für Daniel und seine Kollegen war der Moment gekommen, sich vom Umzug abzuwenden. Am Schluss seien nur noch Punks und Vermummte dageblieben.

«Du musst bei solchen Umzügen immer damit rechnen, dass ein paar Leute ausrasten», sagt der Student. «Aber diesmal war es anders – der Umzug hatte ein klares Ziel, die Europaallee. Das wahllose Zerstören fand ich das Letzte.»

Für Daniel war es die dritte Teilnahme an einem RTS-Umzug. Schon bei den ersten beiden war es zu Ausschreitungen gekommen. «Der Grossteil der Teilnehmer kommt, um friedlich zu feiern. Man hofft jedes Mal, dass dies möglich ist. Vielleicht ist das naiv. Aber ich möchte aktiv zeigen, dass ich nicht alles hinnehme», sagt der 27-Jährige und kommt wieder auf die Stadtentwicklung zu sprechen, gegen die sich der RTS-Protest richte. «Ich hoffe nach wie vor, dass es auch auf friedliche Art geht.»

Hooligans aufgeboten?

Diese Hoffnung hat Melanie* (34) inzwischen aufgegeben. Die Kreis-4-Anwohnerin war am Freitag zum vierten Mal an einem RTS-Umzug dabei. Auch ihr ging es darum, für Freiräume und Gratis-Kulturangebote zu demonstrieren – in einer Stadt, deren steigende Bodenpreise Leute mit wenig Geld zunehmend verdrängten. Jetzt sagt sie: «Ich kann die RTS-Bewegung nicht mehr unterstützen. Sie ist unterwandert worden.»

Am Anfang sei RTS eine kreative, bunte Tanzveranstaltung gewesen. «Diesmal war etwa ein Drittel der 300 bis 400 Teilnehmer motiviert, etwas Kreatives zu bieten. Das ist viel zu wenig.» Sie vermutet, dass stattdessen Hooligans aufgeboten worden seien, «keine Ahnung von wem». Auffällig viele Demoteilnehmer seien schwarz gekleidet und mit Leuchtpetarden und Fackeln bewaffnet gewesen, wie man es von Fussballspielen kennt.

Auch fielen ihr anders als an früheren RTS-Umzügen zahlreiche FCZ- und ACAB-Schriftzüge auf, die Demonstranten an Hauswände schrieben. Das Kürzel ACAB wird in den Jugendsubkulturen von Autonomen, Punks, Skinheads, Hooligans und Fussball-Ultras verwendet. Es steht für «all cops are bastards», zu Deutsch: Alle Polizisten sind Bastarde. Melanie vergleicht die Ausschreitungen mit den Krawallen, die in Zürich jahrelang den 1. Mai prägten, ehe die Polizei sie am Tag der Arbeit durch Einkesselungen im Keim erstickte. «Ich verurteile Gewalt», sagt die 34-Jährige. So, wie die Demo in der Nacht auf Samstag verlief, habe RTS jegliche politische Aussage verloren. «Dabei wären die ursprünglichen Ziele der Bewegung vielen Leuten ein Anliegen.»

*Namen geändert

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