Eine Biergeschichte
Als der Brauer katholisch sein musste

Bier als Lebenselixier ist in Solothurn keine alte, und auch keine grosse Geschichte. Im 19. Jahrhundert gab es in Solothurn sieben Brauereien gleichzeitig.

Wolfgang Wagmann
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Wolfgang Wagmann

Bier als Lebenselixier ist in Solothurn keine alte, und auch keine grosse Geschichte. 1922 ging die in Zuchwil ansässige Solothurner Actienbrauerei an die Langenthaler Brauerei Baumberger AG über, und es sollte bis ins Jahr 2000 dauern, ehe Alex Künzle seine Öufi-Brauerei gründete.

Und damit Solothurn wieder sein eigenes Bier erhielt. Doch lange war es hierzulande kein grosses Thema. 1704 ist festgehalten, dass Bier in Solothurn steuerfrei sei, 1745 dagegen wurde der Ausschank von auswärtigem Bier verboten. Bereits 40 Jahre später exportierte jedoch die Burgdorfer Brauerei Grimm ihren Gerstensaft auch nach Solothurn, wo kurz vor 1800 erstmals die obrigkeitliche Biersiede in der Vorstadt erwähnt wird. Doch bis ins 19. Jahrhundert war Solothurn eine Weinstadt – 1833 konnten allein im Keller des Gasthofs Adler 48 000 Liter Wein gelagert werden, was etwas mehr als der durchschnittlichen Jahresproduktion des Bürgerspital-Rebguts entsprach. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sorgten aber mehrere Faktoren für einen rasanten Wechsel der Trinksitten. Die Reblaus vernichtete riesige Rebflächen in Europa, der Wein wurde immens teuer.

Mehr Leute trinken mehr

Die Transportzeiten verkürzten sich mit der Eisenbahn drastisch, und eine Reihe von Erfindungen wie der Kühlmaschine 1875 oder der automatischen Flaschenabfüllung 1892 machten das Bier haltbarer und steigerten den Konsum. Wurden 1850 in der Schweiz pro Kopf nur gerade 4,8 Liter Bier getrunken, stieg der Jahresverbrauch bis 1975 auf 70 Liter – heute sind es immer noch 57 Liter.

Wichtig war aber auch der rasante Anstieg der Stadtbevölkerung: Solothurn wuchs ab 1850 von 5000 auf das Doppelte Einwohner innerhalb von nur 50 Jahren an. Mehr Leute trinken mehr, und so zählte man 1882 eine Rekordzahl von 106 Wirtshäusern in der Stadt oder eines pro 71 Einwohner! Gleichzeitig war ein Brauereiboom ausgebrochen, von den schweizweit 530 Betrieben damals waren gleichzeitig sieben in Solothurn aktiv. Bald aber setzte mit den erwähnten Erfindungen, vor allem den Kühlmaschinen, die für Kleinbetriebe unbezahlbar waren, ein Konzentrationsprozess zu Grossbrauereien ein, dem die handwerklich geführten Solothurner Brauereien rasch nacheinander erlagen.

Im «Sternen» fing alles an

Die Wiege der privaten Solothurner Braukunst liegt im heutigen Restaurant «Sternen» an der Baselstrasse, wo nach 1766 eine Brauerei entstand. Bemerkenswert, dass Wirt und Brauer Urs Frölicher 1776 seinen Braumeister Andreas Düpfel auf Geheiss der Obrigkeit entlassen musste – weil er reformiert war. Bis 1840 wurde im «Sternen» Bier gebraut, doch schon zuvor hatte die Wirtstochter Frölicher den Geschäftsmann Urs Viktor Kaiser geheiratet, der spätestens ab 1801 die eigene Brauerei Kaiser in der Vorstadt führte.

Tragisch endeten Vater und Sohn Kaiser mit einer Bevormundung wegen Müssiggangs, und Mitte der 1830er Jahre war auch die zweite der vier «alten» Solothurner Brauereien am Ende. Als dritte gilt die «Haller’sche Brauerei» im heutigen Bischofssitz an der Baselstrasse, die um 1815 entstanden war. Sie wurde ab 1840 unter Ubald von Roll zur Keimzelle des wohl bekanntesten Solothurner Betriebs, der Brauerei von Roll. Diese war dann allerdings 70 Jahre lang vorne an der Ecke Baselstrasse/Werkhofstrasse rund um das heutige Stadtpräsidium angesiedelt. Nach vier Generationen von Roll ging die Brauerei 1911 an die stark expandierende Feldschlösschen-Gruppe, die im Anbau des nachmaligen Ammannamtes noch jahrzehntelang ihr gleichnamiges Restaurant betrieb.

Hopfen und Malz verloren

Die längste Solothurner Brautradition ist im Hohberg vor Lüsslingen nachgewiesen, wo 130 Jahre lang bis gegen 1914 gebraut wurde – und man sich sogar an den qualitativ aber enttäuschenden Hopfenanbau wagte.

Das Ende schien die Brauerei von Roll mitverantwortet zu haben, denn diese wollte die Hohberg-Kundschaft für sich gewinnen. 1904 erlosch die Aktiengesellschaft der Brauerei Hohberg, gebraut wurde jedoch unter ständigen Konkursdrohungen noch etliche Jahre länger. Ebenfalls ausserhalb der Stadt spielte die Brauerei Bargetzi im späteren Gasthof Wengistein eine besondere Rolle. Urs Bargetzi, der «Vater der Solothurner Steinindustrie», gründete 1841 am Eingang der Einsiedelei eine Brauerei. Nur wenige Jahre später führte er dort sogar noch einen Badebetrieb. Laut einer freiwilligen Steigerung, inseriert 1867, muss der Betrieb riesig gewesen sein: Es ging um zwei Säle mit Platz für 400 Personen, vier Felsen- sowie zehn sonstige Keller mitsamt einem Steinbruch und Restaurant. 1878 kam es wegen Überschuldung definitiv zur Versteigerung und ein Jahr später zur «Austrinket» in der Brauerei.

Ein wichtiger Player auf dem damaligen Solothurner Biermarkt war aber auch die Walker’sche Brauerei in der Greiben, wo bis in die 1960er- Jahre auch eine beliebte (Garten-)
wirtschaft betrieben wurde. In den besten Zeiten belieferten die Gebrüder Walker 43 Wirtschaften in der Region mit ihrem selbst als «fein» angepriesenen Bier. In den 1880er Jahren häuften sich Todesfälle in der Familie Walker; die seit 1842 belegte Brauerei hatte nur noch eine Handvoll Kunden und ging bald einmal ein.

Bier-Irrgarten Vorstadt

Die Vorstadt mit ihren vielen Gasthöfen und Tavernen war geradezu prädestiniert für einen Exploit der Braukunst. In den 1860er Jahren besass nachweislich das Hotel Falken, das heutige Volkshaus, eine Brauerei, die allerdings bloss den Eigenbedarf deckte. An der Berntorstrasse spielte ab 1860 die Familie Karli eine wichtige Rolle, gründete sie doch 1865 im «Hopfenkranz», heute «Berntor», eine Brauerei. 1870 wurde der Bierausstoss der Brauerei-Beiz in einem Versteigerungsinserat mit 1800 Hektolitern Bier jährlich angegeben, was mehr als das Doppelte des heutigen Bierkonsums im «Solheure» gewesen wäre.

Die Solothurner waren also schon damals ein äusserst trinkfreudiges Völklein. Der «Hopfenkranz» ging 1872 an die Geschwister Sieber über, die das Lokal «Grütlibund» nannten und nun auswärtiges Bier einkauften. Denn Karlis hatten nebenan im Unteren Winkel das «Cardinal» (heute «Vini») eröffnet und betrieben zum Leidwesen der Konkurrenz im Hof die Brauerei weiter - es gab also damals in Solothurn «Cardinal-Bier», das mit der späteren Freiburger Brauerei jedoch nichts zu tun hatte. Ende der 1870er Jahre ging das «Cardinal» an neue Eigentümer über. 1890 braute mit Alois Bartl sogar ein Österreicher im «Cardinal», dessen Brauereiaktivitäten wohl schon 1908, spätestens aber mit dem Erlöschen der Firma 1917 eingestellt wurden.

Womit wir schon beim letzten «Bier-Mohikaner» wären: Der Actienbrauerei Solothurn. 1874 konnte man Aktien für 500 Franken zeichnen, 1876 wurde sie gegründet und lieferte schon bald an 24 Wirtschaften und Verkaufsläden wie Coop ihren Gerstensaft. Hatte doch die Actienbrauerei eine Flaschenabfüllung installiert, und der neue Betrieb war von Hoffnungen begleitet, dass man den Bierpreis und Import auswärtiger Biere senken könne.

Querelen im Verwaltungsrat führten aber bald zum Niedergang, und 1922 wurde der Brauereibetrieb in Zuchwil mitsamt den dazugehörenden 13 Restaurants – davon fünf auf Stadtgebiet – an die Langenthaler Baumberger AG verkauft. Über Gurten kam alles zuletzt an Feldschlösschen – aber nur noch als Depot, denn bereits ab 1922 wurde in Zuchwil nicht mehr gebraut. Die schrecklichen 78 Jahre ohne eigenes Bier hatten in Solothurn begonnen.