«Doyen des Zürcher Lokaljournalismus»
Alfred Borter: «Ein bisschen mehr Respekt wäre angebracht»

Der «Doyen des Zürcher Lokaljournalismus» geht in Pension. Borters journalistisches Wirken wurden vom Kantonsratspräsidenten mit einem auf Borters Kürzel (abr.) gemünztes Bonmot gewürdigt: "Qualitätsjournalismus ohne wenn und aber".

Matthias Scharrer
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Kantonsrat verabschiedet «Doyen des Zürcher Lokaljournalismus»
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Nach seiner Rede vor den Kantonsratsfraktionen
Die höchste Auszeichnung des Kantonsrats an Nicht-Mitglieder: Die silberne Ehrenmedaille
Alfred Borter nimmt Gratulationen entgegen
Und dann hält er eine Ansprache

Kantonsrat verabschiedet «Doyen des Zürcher Lokaljournalismus»

Sein Stammplatz ist vorne rechts am Pult, das im Zürcher Rathaus für die Presse reserviert ist - ein letztes Mal an diesem Montagmorgen. Alfred Borter, Zürich-Redaktor der «az Limmattaler Zeitung» und «Doyen des Zürcher Lokaljournalismus», wie ihn der «Tages-Anzeiger» nannte, berichtet seit 1974 aus dem Kantonsrat. Er hat den Aufstieg der Zürcher SVP ebenso miterlebt wie den Einzug der Frauen in die Politik - und sah grosse Redner wie Christoph Blocher, Moritz Leuenberger und Ulrich Bremi kommen und gehen.

Du hast das Zürcher Politgeschehen 38 Jahre lang beobachtet und beschrieben. Was sind die Hauptveränderungen, die Du dabei erlebt hast?

Alfred Borter: Als Jungjournalist sah man die Politiker - Frauen gab es ja damals in der Politik noch kaum - mit grossem Respekt an. Zum Teil war es auch übertriebene Hochachtung. Man hinterfragte oft gar nicht, ob das, was ein Regierungsrat tat, dem entsprach, was man von einem Regierungsrat erwarten konnte.

Ist dieser Respekt verloren gegangen?

Ja. Zum Teil ist das auch gut. Andererseits: Wenn heute jeder im Kantonsrat seinen Frust am Regierungsrat auslässt und sofort mit Rücktrittsforderungen kommt, denke ich mir: Ein bisschen mehr Respekt wäre angebracht.

Wie erklärst Du Dir diesen Respektsverlust?

Der Umgang in der Gesellschaft ist generell lockerer geworden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es ja so, dass zum Teil Kinder ihre Eltern gesiezt haben. Ich finde es gut, dass man «die da oben» und «die da unten» nicht mehr so klar trennt, sondern miteinander redet und gemeinsam am Vorwärtskommen der Gesellschaft arbeitet.

Beschimpfungen von Regierungsräten, Rücktrittsforderungen wegen Kleinigkeiten - wer war bei dieser Entwicklung treibende Kraft?

Angefangen hat es bei der SVP, die jede Möglichkeit benützt hat, um beispielsweise gegenüber den SP-Regierungsräten Markus Notter und Regine Aeppli Rücktrittsforderungen auszusprechen - auch wenn man ihnen zubilligen musste, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen handelten.

Also war der Aufstieg der SVP das epochale Ereignis in der Zürcher Politik der letzten Jahrzehnte?

Ja. Das wurde auch sichtbar, als die SVP die FDP überholte und vom privilegierten Platz im Parlament gleich rechts vor der Regierung verdrängte.

Wer waren die eindrücklichsten Politiker und Redner während Deiner 38 Jahre im Kantonsrat?

Christoph Blocher war ein eindrücklicher Redner. Ihm hörte man zu, wenn er etwas sagte. Und ich hatte immer den Eindruck, es lohne sich, ihm zuzuhören, auch wenn man nicht seiner Meinung war, denn er vertrat immerhin einen grossen Teil der Bevölkerung. Die Freisinnigen hatten ebenfalls hervorragende Redner. Rudolf Friedrich war auch später als Bundesrat immer messerscharf. Er argumentierte oft juristisch, aber so, dass man es verstand und als Journalist nicht erst in eine allgemein verständliche Sprache übersetzen musste. Ulrich Bremi, der spätere Nationalratspräsident, wäre auch zu erwähnen. Und auf SP-Seite zählte Moritz Leuenberger zu den brillanten Rednern.

Das sind alles Figuren, die schon länger nicht mehr an vorderster Front dabei sind. Ist die Zeit der grossen Führungs-Persönlichkeiten in der Politik vorbei?

Ich denke schon. Leute wie Bremi und Blocher prägten ihre Parteien. Die Verantwortung ist heute viel breiter auf mehrere Schultern verteilt. Heute hat jede Partei Politiker, die einzelne Sachthemen kompetent abdecken.

Politiker ist also weniger hierarchisch geworden?

Ja, es gibt auch weniger Hinterbänkler - obwohl ich von manchen Kantonsräten immer noch nicht weiss, wie sie heissen, weil sie sich entweder nicht trauen, im Rat etwas zu sagen, oder eher im Hintergrund in den Kommissionen wirken. Das kann effektvoller sein, als wenn man sich im Parlament öffentlich äussert.

Wie hat sich das Auftreten der Politiker im Parlament verändert?

Früher war es undenkbar, dass jemand ohne Jackett in den Rat kam. Als ein neugewähltes SP-Mitglied an einem heissen Sommertag mal im Hemd kam, suchte man eilig unter den hängen gebliebenen Regenmänteln in der Garderobe ein Jackett für ihn. Als ich selber zum ersten Mal als Berichterstatter in den Rat kam, hatte ich alles dabei, inklusive Akkreditierung. Aber der Ratsweibel fand, ich könne nicht herein, weil ich keinen Kittel habe. Worauf ich mir bei einem Kollegen einen Kittel auslieh, sodass ich in den Ratssaal durfte und nicht auf die Tribüne musste.

Der Kittel war Pflicht?

Ja. Aber als dann vermehrt Frauen im Parlament sassen, wurde die Kleiderordnung lockerer, weil Frauen ja auch in der Bluse im Rat sitzen durften. Aber als der erste Kantonsrat in kurzer Hose kam, erregte das immer noch Aufsehen und man bedeutete ihm, dass lange Hosen immer noch angemessen wären.

Wie haben die Frauen die Umgangsformen in der Politik sonst noch verändert?

Anfangs gingen Männer mit den Frauen im Parlament ritterlicher um und griffen sie nicht so frontal an. Das färbte auch auf den Umgangston unter den Männern ab. Aber das hat sich mittlerweile wieder eingeebnet.