Bundesrat
«Ach, Sie haben doch diesen neuen Bundesrat»

Am Montag hält mit Johann Schneider-Ammann ein Langenthaler im Bundesrat Einzug. Doch was weiss man in der Hauptstadt übers Langenthal? Eine Umfrage bringt Klärung.

Martina Schlapbach
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«Ach, Sie haben doch diesen neuen Bundesrat»

«Ach, Sie haben doch diesen neuen Bundesrat»

Solothurner Zeitung

Am Montag tritt Johann Schneider-Ammann sein Amt an, und mit dem neuen Bundesrat hält ein Langenthaler in Bern Einzug. «Langenthal?», entgegnet der Mann hinter dem Marronitopf nahe dem Loeb-Egge fragend auf die Aufforderung, sein Wissen über den genannten Ort vorzutragen. «Langenthal ist eine Stadt im Oberaargau», folgt dem ersten Zögern, «oder vielleicht eher ein Städtchen.» Immerhin, das ist ein Anfang.

Was weiss man in der Bundeshauptstadt über das östlich benachbarte Städtchen? Das az Langenthaler Tagblatt hat den Amtsantritt von Johann Schneider-Ammann zum Anlass genommen, unter den Lauben das Berner Wissen über Langenthal zu ergründen.

Erste Feststellung der Umfrage: Der Name des neu gewählten Bundesrates tritt zunächst überraschend wenig auf. Langenthal habe einen Lehrlingsbahnhof, erläutert die junge Frau, die nun genüsslich die heissen Marroni verzerrt und sich als Bahnangestellte aus Thun ausgibt. Viele Rechtsextremisten, coole Läden und einen Vögele, ergänzen drei gleichaltrige Damen mit breitem Bernerdialekt und verweisen mit ihrer Antwort sogleich auf ihre berufliche Tätigkeit. Doch: Die politisch personelle Neubesetzung auf Bundesebene bleibt ungenannt.

Dies ändert sich, wenn man sich in die Nähe der Institution begibt, wo Johann Schneider-Ammann bereits als Nationalrat politisierte. Zunächst noch ein achselzuckendes «Je ne connais pas» einer älteren Dame aus Fribourg und die Erinnerung an ein Jazz-Konzert im Hotel Bären als einziger Einfall eines jungen Berners auf das Stichwort Langenthal. Aber dann, auf dem Bundesplatz: «Ach, Sie haben doch diesen neuen Bundesrat?»

Die Frage, die vielmehr einer festen Behauptung gleicht, entspringt einer sechsköpfigen Frauengruppe, die sich kurzum als die Kobler-Geschwister vorstellt. Der Versuch, die fragend-behauptende Antwort einer Person zuzuordnen, geht in ein Stimmengewirr über, in dem Langenthal abwechselnd Porzellan, ein Minarett und eine Leinenweberei zugeschrieben und schliesslich mit leichter Enttäuschung in der Stimme festgehalten wird: «Ja, dem Herrn Schneider-Ammann sind wir nun leider nicht begegnet.»

Während die Gedanken der sechs Kobler-Schwestern aus dem St.Galler Rheintal vor dem Berner Regierungsgebäude über Langenthal kreisen, picknickt eine ebenfalls sechsköpfige Familie aus dem Bündnerland auf demselben Platz. Die Mutter weiss die Stichworte Geschirr und Designers’ Saturday zu liefern, der Vater ergänzt den Katalog um die Firma Ammann: «Dieses Unternehmen kennt doch jeder Mann mit Interesse an Baumaschinen.»

Keine Konnotation zur Politik ruft Langenthal beim mittelalterlichen Berner hervor, der auf einer besonnten Café-Terrasse sitzt und vor sich eine nationale Zeitung aufgeschlagen hält. «Langenthal verwechsle ich immer mit Langnau», gesteht der Lesende und glaubt sich doch richtig zu besinnen, im Oberaargau im Rahmen eines Firmenausflugs mal eine Porzellanfabrik besucht zu haben.

Zwei Banker mit walliserdialekt debattieren unter den Lauben über den SC Langenthal als Herausforderer der Visper Eishockeyaner sowie die Funktion Langenthals als Produktetestmarkt. Ein bunt gekleideter Mann, der es sich mit einer Bierdose an der Sonne gemütlich gemacht hat, ist in Langenthal geboren, ohne weiter mehr über diesen Ort zu wissen. Dem Gespräch eines Paares, das sich vor zwei Cappuccino-Tassen unterhält, entnimmt man den viel benannten Begriff im Vorbeigehen. «Zugstrecke Zürich–Burgdorf», fliegen als Wortfetzen mit, und man schreitet weiter.

Weiter zum Bahnhof, wo Langenthal von den Wartenden primär als Verkehrsknotenpunkt ausgemacht wird. Dort sei sie heute im Zug durchgefahren, erläutert eine junge Bernerin und ihr gleichaltriger Freund nennt das Chrämerhuus sowie ein gutes kulturelles Angebot im selben Kontext.

Das schrittweise Zuteilen von Eigenschaften, das sich bei allen befragten Passanten findet, führt ein Rentner mit schwarzem Hut und gleichfarbiger Aktentasche exemplarisch vor: «Erstens befindet sich in Langenthal das Integrationswerk Silo, zweitens der Bahnabzweig ins Emmental, drittens gibt es dort die hohen Trottoirs, viertens führt da die Bahn 2000 durch, und fünftens ist Langenthal die Hauptstadt des Oberaargaus.» Kaum hat der Sprechende seine fünf Punkte aufgezählt, fällt ihm ein sechster ein, «den ich eigentlich als ersten nennen wollte: Ihr habt doch den neuen Bundesrat».

Während der ältere Herr in den Zug Richtung Aarau steigt und in diesem in Kürze den Oberaargau durchqueren wird, bleibt die abschliessende Feststellung: Spielraum, Wissen über seinen Wohnort in der Bundeshauptstadt auszubreiten, bleibt für Johann Schneider-Ammann fortan allemal.