Zwinglihaus
Abschied und Neubeginn zugleich

Reformierte Kirchgemeinde beendet die Sonntagsschule und lanciert ein neues Projekt

julian perrenoud
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Sonntagsschüler und Pfarrerin Sabine Müller präsentieren das selbst gemalte Bild. jpw

Sonntagsschüler und Pfarrerin Sabine Müller präsentieren das selbst gemalte Bild. jpw

Solothurner Zeitung

Seit nunmehr 168 Jahren war und ist sie für viele Kinder ein fester Bestandteil des Sonntagmorgens: die Sonntagsschule. Nun aber bricht die Reformierte Kirchgemeinde Langenthal mit dieser Tradition, der gewohnte Unterricht bleibt künftig aus. «Die Situation ist einfach immer problematischer geworden», stellte Pfarrerin Sabine Müller fest. Denn: In vielen Familien seien beide Elternteile arbeitstätig, und der Sonntagmorgen biete die einzigen Stunden, wo sie keine Verpflichtungen hätten.

Deshalb läutete am Sonntagabend ein Familiengottesdienst diese Ära aus. Die anwesenden Kinder, Eltern und Verwandte liess Pfarrerin Müller auf die letzten gemeinsamen Stunden zurückblicken. Die elf Sonntagsschüler verbrachten einen ganzen Tag im Creaviva des Zentrums Paul Klee in Bern und malten unter professioneller Anleitung ein dreiteiliges Bild zum Thema Abschied und Neubeginn. Dabei malten sie traurige blaue bis fröhliche gelbgrüne Farbtöne auf Kartonunterlagen. Zusammengehalten zeigen die drei Bilder einen Baum, der auch weiterhin Früchte tragen soll. Ein Neuanfang sei immer schwierig, sagte Müller. Vertrautes lasse man ungern ziehen. «Aber wir vertrauen auf die Zukunft. Der Boden ist gelegt.»

Bibelwoche in den Frühlingsferien

Wie geht es nach der Sonntagsschule weiter? Müller bekräftigte, die Reaktionen auf das Ende des Unterrichts hätten sie dazu veranlasst, ein neues Projekt auszuarbeiten. So lädt die Kirchgemeinde die Kinder nun während der kommenden Frühlingsferien vom 11. bis 14. April 2011 zu einer Kinderbibelwoche ein. Dort sollen sie religiöse Geschichten hören, spielen, lachen und basteln können. Die ersten Anmeldungen seien bereits eingegangen.

168 Jahre ist eine lange Zeit. Während dieser engagierten sich viele freiwillige Helfer für die Sonntagsschule. Monika Zurbuchen tat dies ganze 40 Jahre lang als Sonntagsschulleiterin. Sie erinnerte sich noch gut an damals, als eines Sonntagmorgens drei neue Schüler vor dem Zwinglihaus standen. Als sie die Kinder am Ende der Stunde fragte, welches Lied sie lernen möchten, riefen alle drei: «So nimm denn meine Hände.» «Erst wollte ich ihnen diese Wahl ausreden, weil mir das Lied alt und langweilig erschien», sagte Zurbuchen und lachte. Warum die Kinder ausgerechnet dieses lernen wollten? Ihr Grossvater sang es immer unter der Dusche, wenn er zu ihnen auf Besuch kam. Schliesslich, sagte sie, sei es in der Sonntagsschule zum Lied des Jahres avanciert.

Auch Hannah Hofer erzählte aus ihrer Zeit als Sonntagsschulleiterin. Mit 17 Jahren war sie die Jüngste überhaupt, lernte dabei Gitarre spielen und unterrichten. Heute ist sie Kindergärtnerin.

Extra aus New York für diesen Familiengottesdienst angereist war Max Oberli. Der frühere Pfarrer erzählte spontan von damals: «Die Zeiten haben sich geändert, das spüre ich.» Als er vor 40 Jahren erstmals die Weihnachtsfeier leitete, zählte die Sonntagsschule über 100 Schüler in 5 Klassen. «Wenn ich damals für eine Aufführung ein paar Bläser benötigte, brauchte ich nur kurz auszurufen, und es meldeten sich Dutzende.» Oberli weiss, dass die Kinder von heute bedeutend mehr um die Ohren haben. «Klar reicht es nicht mehr für alles.» Die Bibelwoche nannte er daher «eine ideale Alternative».

Den letzten fünf Sonntagsschulleiterinnen überreichte Müller einen Gutschein für das Restaurant Bären. Damit sie an einem Sonntagmorgen wieder einmal gemütlich frühstücken können.

Kleine Selbstunterhalter

Der Familiengottesdienst grenzte sich von einem herkömmlichen ab: Während der weihnachtlichen Lieder über Krippen, Lebkuchen und «Mailänderli» krabbelten die Kleinsten als Selbstunterhalter auf die Bühne, quietschten fröhlich mit oder spielten Verstecken mit ihren Vätern, die sie wieder einzufangen versuchten. Kein Problem für Pfarrerin Müller, wie sie am Ende sagte: «So etwas gehört zu einem Familiengottesdienst, das darf ruhig Platz haben.»

Und dann wartete draussen in der Dunkelheit noch eine Feuerjonglage. Der Aufbruch zu neuen Ufern hat in der reformierten Kirchgemeinde begonnen.

Kinderbibelwoche, 11. bis 14. April.
Auskunft erteilt Sabine Müller, Telefon: 0629225473.