Sparpolitik
76 Entlassungen: Die Putzfrauen des Kantons Opfer der Sparpolitik

Ende Jahr verlieren 76 Personen ihre Stelle – vorwiegend Frauen im Alter von Mitte 50. Der erwünschte Spareffekt dürfte jedoch gegen null tendieren, meint VPOD-Regionalsekretär Christoph Lips.

Matthias Scharrer
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Mit Protestaktionen erreichte das kantonale Reinigungspersonal, dass seine Entlassung auf Ende 2012 verschoben wurde.zvg

Mit Protestaktionen erreichte das kantonale Reinigungspersonal, dass seine Entlassung auf Ende 2012 verschoben wurde.zvg

Die Frau ist rund 60 Jahre alt. Nennen wir sie Clara Addario. Ihr richtiger Name soll nicht in der Zeitung stehen, denn sie muss jetzt auf Arbeitssuche. Da will sie ihre Chancen durch eine vielleicht unglückliche Wortwahl nicht noch verschlechtern. Frau Addario hat über 20 Jahre lang für den Kanton Zürich geputzt. Im Rathaus. In den Büros der kantonalen Verwaltung. Im Gericht. Ende Jahr ist Schluss damit. Der Kanton Zürich entlässt sein Reinigungspersonal. Betroffen sind 76 Personen, zumeist Frauen mit einem durchschnittlichen Alter von 55 Jahren, wie Thomas Maag, Sprecher der kantonalen Baudirektion, auf Anfrage sagt.

«Weiss nicht, was in Zukunft tun»

Frau Addario sitzt in der kleinen Stube der Wohnung in einer Hochhaussiedlung am Stadtrand von Zürich, die sie mit ihrer erwachsenen Tochter teilt. Auf dem Tisch steht ein Schälchen mit selbst gebackenen Plätzchen. Sie schenkt Kaffee ein. Wie es mit ihr weitergehe? «Schwierig», sagt sie. Und erklärt in holprigem Deutsch: «Habe kein Diplom. Weiss nicht, was in Zukunft tun. Ich putze. Ich koche. Wenn es eine Möglichkeit gibt.» Eine Frühpensionierung komme für sie nicht infrage. Das Geld würde nicht ausreichen.

Addario kam vor über 40 Jahren aus Süditalien in die Schweiz. Sie arbeitete zuerst in einer Textilfabrik. Dann gingen die Fabriken in Zürich zu, eine nach der anderen. «Die Maschinen wurden nach Osteuropa verkauft», erinnert sie sich. Addario blieb und ging putzen.

Das Ende ihrer jetzigen Stelle bahnte sich schon länger an. 2005 hatte der Regierungsrat im Zuge des Massnahmenplans Haushaltsgleichgewicht 2006 beschlossen, den Reinigungsdienst zu privatisieren. Das Personal leistete Widerstand, die Gewerkschaft organisierte Protestaktionen. Auch Frau Addario demonstrierte ein, zwei Mal. Resultat: Es gab Verlängerung bis 2012. So hoffte der Regierungsrat, die Sparmassnahme durch natürliche Fluktuation umsetzen zu können.

Doch der Grossteil der betroffenen Angestellten blieb länger als erwartet. «Aber jetzt ist fertig», sagt Addario – und fragt sich, warum man noch über sie schreiben solle.

Die Sparpolitik geht weiter

Die Antwort ist einfach: Die Entlassungen passieren jetzt. Und die Sparpolitik des Kantons geht weiter. In der jüngsten Budgetdebatte strich der Zürcher Kantonsrat 250 Millionen Franken aus dem Kantonsbudget – ohne zu sagen, wo der Regierungsrat das Geld einsparen solle. Zudem droht laut Regierungsrat ein Sparpaket in noch nie da gewesener Höhe, weil der Kanton ein Milliardenloch bei seiner Pensionskasse BVK stopfen muss.

Wieweit die Entlassung des Reinigungspersonals tatsächlich Einsparungen bringt, ist umstritten. Die Reinigungsarbeiten beim Kanton übernimmt künftig die private Reinigungsfirma Splendida Services. Der Regierungsrat verspricht sich jährlich Einsparungen von 485000 Franken, wie er in seiner Antwort auf ein Kantonsratspostulat schrieb.

«Der Spareffekt dürfte gegen null tendieren», sagt hingegen VPOD-Regionalsekretär Christoph Lips. Zwar liegt der Stundenansatz bei der Splendida laut Baudirektions-Sprecher Maag rund 22 Prozent tiefer als beim Kanton. «Dafür kommt die Mehrwertsteuer als entscheidender Kostentreiber hinzu», entgegnet Lips. Ausserdem würden durch die Entlassung der Putzfrauen Sozialkosten für die Gemeinden entstehen, hatte die Dietiker SP-Kantonsrätin Rosmarie Joss im Parlament erklärt.

Clara Addario erhält im Zuge der Massenentlassung aufgrund ihres Alters und ihrer langjährigen Tätigkeit für den Kanton als Abfindung ein Jahr lang ihren Lohn weiter ausbezahlt. In der Zwischenzeit müssen sie und ihre Kolleginnen sich neue Arbeit suchen. «Das ist nicht einfach», sagt sie. «Die Zeiten sind schlecht.» Früher habe man untereinander noch Tipps ausgetauscht, wo es Arbeit gebe. «Jetzt schaut jeder für sich selbst.»