200 000 Schweizer wollen sich bei Exit anmelden

Sterbehilfeorganisationen erleben einen Run auf Mitgliedschaft

Anna Kappeler
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Reger Zulauf bei Exit – Neuanmeldungen werden aber keine abgelehnt. Foto: KEY

Reger Zulauf bei Exit – Neuanmeldungen werden aber keine abgelehnt. Foto: KEY

Schweiz am Wochenende

Nach dem Freitod des ehemaligen SVP-Ständerats This Jenny haben sich diese Woche überdurchschnittlich viele Neumitglieder bei der Sterbehilfeorganisation Exit registriert. Eine neue Publikation zeigt jetzt, dass dies erst der Anfang war. Die Sterbehilfeorganisationen müssen sich auf einen Ansturm an Neumitgliedern gefasst machen.
Erstmals liegen Zahlen vor, wie Menschen in der Schweiz ab 55 Jahren ihr Lebensende regeln. Gemäss der Publikation des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (OBSAN) äusserten 8,5 Prozent der Befragten die Absicht, in Zukunft einer Sterbehilfeorganisation beitreten zu wollen. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung ergibt das 206 000 Personen. Das entspricht der Einwohnerzahl der Stadt Basel.
Bereits heute sind 4,3 Prozent der befragten Personen oder 104 000 Menschen in der Schweiz Mitglied einer Sterbehilfeorganisation. Für die Umfrage wurden 1812 Personen im Alter von 55 Jahren und mehr in den drei grossen Sprachregionen der Schweiz befragt.
In einigen Jahren sind somit bereits 310 000 Menschen über 55 Jahre bei einer Sterbehilfeorganisation Mitglied.
Dieser Boom ist für Bernhard Sutter, den Vizepräsidenten von Exit, kein Problem: «Wir können wie jeder andere Verein auch wachsen, hierfür müssen wir zusätzliche Leute einstellen», sagt Sutter. Er werde bei Exit sicher keine Mitglieder ablehnen. Heute kommen die beiden Exit-Organisationen der Deutsch- und der Westschweiz auf 100 000 Mitglieder. Dignitas zählt weitere 700 Schweizer Mitglieder. Im Gegensatz zur Studie sind hier alle Altersgruppen mitgezählt. Mit EXInternational, Life Circle, Liberty Life und der Sterbehilfe Deutschland Schweiz gibt es vier weitere Sterbehilfeorganisationen in der Schweiz. «Deren Teilnehmerzahl ist aber nicht sehr hoch. Da ihre Dienstleistung kostenpflichtig ist, nehmen wohl nur wenige Schweizer diese in Anspruch», sagt Sutter von Exit.
Wie ein typisches Mitglied einer Sterbehilfeorganisation aussieht, lässt sich dank der neuen Ergebnisse ebenfalls erstmals ablesen. Der «Prototyp» des Sterbehilfemitglieds ist männlich, zwischen 70 und 74 Jahre alt, hat eine Hochschule besucht und wohnt in der Agglomeration. Er kommt aus der französischsprachigen Schweiz. Die Absicht, zu einer Sterbehilfeorganisation zu gehen, haben hingegen mehr Frauen als Männer geäussert. Das zukünftige Sterbehilfeorganisations-Mitglied ist weiblich, zwischen 55 und 59 Jahre alt, hat eine Hochschule besucht, wohnt in der Stadt und stammt aus der Westschweiz.
Allgemein kann festgehalten werden: Je besser eine Person ausgebildet ist, desto eher ist sie bei einer Sterbehilfeorganisation. Am meisten Zulauf haben Sterbehilfeorganisationen in der Stadt, gefolgt von der Agglomeration. Weit abgeschlagen liegen die Bewohner auf dem Land. Interessant sind zudem die sprachregionalen Unterschiede: In der Westschweiz sind die Sterbehilfeorganisationen weiter verbreitet als im deutschen und im italienischen Teil des Landes.
Die Annahme, je älter jemand werde, desto mehr mache er sich über sein Ende Gedanken, widerlegt die Umfrage: Die Massnahmen für das Lebensende regeln die meisten Menschen bereits zwischen 55 und 59 Jahren. Das beobachtet auch Sutter von Exit: «Die Leute kommen Jahrzehnte vor dem Tod zu uns. Sie wollen eine Patientenverfügung, um im Falle eines Unfalls vorbereitet zu sein. Viele Menschen haben mit ansehen müssen, wie ihre Grosseltern und Eltern hilflos vor sich hin vegetiert sind.»
Während die Würde des Lebens lange darin bestand, den Weg wie von Gott gegeben zu Ende zu gehen, liegt sie heute in der Selbstbestimmung, wie Sutter von Exit bestätigt. «Gerade die Generation der Babyboomer war ihr Leben lang selbstbestimmt. Die logische Konsequenz daraus ist, dass sie auch ihr Ende selbstbestimmt regelt.»
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