Gotthard
1880: Der erste Tunnel ist eine Weltsensation

Der Durchstich des ersten Gotthardtunnels im Februar 1880 war ein Ereignis, das die Menschen in ganz Europa bewegte. Das «Aargauer Tagblatt» widmete dem Ereignis eine ganze Frontseite, was in jener Zeit höchst selten war.

Benno Tuchschmid
Merken
Drucken
Teilen

Aargauer Zeitung

Der Durchstich des ersten Gotthardtunnels am 29. Februar 1880 war ein Ereignis, das die Menschen in ganz Europa bewegte, eine Pioniertat, die Jubelstürme auslöste. Reporter verteilten die Neuigkeit per Telegraf von Göschenen aus über den ganzen Kontinent. Die Zeitungen in der ganzen Schweiz druckten am 1. März euphorische Texte über den Durchstich. Das «Aargauer Tagblatt» widmete dem Ereignis die ganze Frontseite, was in jener Zeit höchst aussergewöhnlich war.

1. Louis Favre
Der Genfer Ingenieur war der Mister-Gotthard des 19. Jahrhunderts. Seine Firma erhielt den Zuschlag für den Bau des Gotthardtunnels, weil er seine Konkurrenten sowohl preislich wie auch in der Bauzeit (acht Jahre) massiv unterbot. Sein Angebot war äusserst riskant. Favre hatte sich vertraglich verpflichtet, für jeden zusätzlichen Bautag eine Strafe von 5000 Franken zu zahlen. Bei mehr als sechs Monaten Verzögerung würde die Strafe auf 10 000 Franken pro Tag erhöht. Und so kam es dann auch: Der Bau des Gotthards verzögerte sich um 10 Monate und trieb Favres Familie in den Ruin. Favre selbst erlebte den Durchstich nicht, wenige Monate davor starb er bei einer Besichtigung der Röhre - Historiker sagen, dass der Stress mit ein Grund für Favres Herzversagen war. Nach der Fertigstellung des Tunnels wurde Favre verehrt für seine geniale Ingenieurleistung.

2. Tunnel-Varianten
Seit den 50er-Jahren des 19. Jahrhunderts wurde in der Schweiz eine Alpenbahn diskutiert. Doch lange war die Streckenführung ungewiss. Auch eine Strecke via Splügen, Simplon oder Lukmanier stand zur Diskussion. Die Gotthardvereinigung, zu der Zentral- und Nordostbahn und 15 Kantone (u. a. auch Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Bern und Zürich) zählten, setzte sich durch. Nicht zuletzt, weil Italien und später auch Deutschland die Gotthardvariante favorisierten und mitfinanzierten.

3. Finanzierung
Der erste Gotthardtunnel war für die junge Schweiz ein enormer finanzieller Kraftakt, den sie alleine nicht bewältigen konnte. 187 Millionen budgetierte die Gotthardgesellschaft für den Tunnelbau, das entspricht heute über 1,7 Milliarden Franken. Am Ende kostete der Gotthardtunnel 100 Millionen mehr. Von den 287 Millionen Franken bezahlte Italien rund 55 Millionen, Deutschland 30 Millionen. Der grösste Teil des Gotthardtunnels wurde über private Investoren finanziert, dabei spielte Alfred Escher, Gründer der Kreditanstalt (heute Credit Suisse), eine entscheidende Rolle.