Männerchor Staretschwil
Wenn Sänger reisen und Bäume fallen...

Hermann Kalt-Voser
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Bilder zum Leserbeitrag

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Auch starke Frauen sind gefragt!

Auch starke Frauen sind gefragt!

Nach viel Vorfreude auf unsere geplante Männerchorreise, war es dann an einem Freitag Ende Juli soweit. Leise vor sich hinbrummend stand unser Car mit offenen Türen und leerem Bauch an der Bushaltestelle in Oberrohrdorf bereit und begann sich mit Koffern und Reiselustigen zu füllen. Nach einem Zwischenhalt in Bellikon, wo unsere BellStar Sängerfreunde mit ihren Begleiterinnen zustiegen, waren fast alle Plätze des komfortablen Cars besetzt und eine aufgestellte Chauffeuse namens Jacqueline hiess uns alle willkommen und wünschte uns eine gute Reise.

Bei schönstem Sonnenschein genossen wir die Fahrt auf der Axenstrasse dem Vierwaldstättersee entlang und für einmal brachte das Südtor des Gotthardtunnels keine Wetterüberraschung: auch im Tessin strahlend blauer Himmel.

Ein kurzer Kaffee-Gipfeli-Aufenthalt in Bellinzona und schon betraten oder befuhren wir unser Nachbarland Italien und passierten Richtung Mailand einige Mauthalte, wo uns der obligate Strassenzoll abverlangt wurde. Durch kilometerlange Reblandschaften näherten wir uns dem Reiseziel: Castel d'Azzano- einem Vorort von Verona. Nach dem Zimmerbezug im Hotel Villa Malaspina endlich ein wenig Zeit für einen Schwatz in gemütlicher Runde. Ein feines Nachtessen rundete den ersten Reisetag perfekt ab und nachdem wir unsere Kehlen mit etlichen Tropfen des einheimischen Valpolicella-Weins etwas befeuchtet hatten, überraschten wir unsere Begleiterinnen mit einem kleinen Liederständchen und sangen uns nicht nur in die Herzen unserer Zuhörerinnen sondern auch in den wohlverdienten Schlaf. Der Himmel gab uns noch mit einem kräftigen Gewitter die Begleitmusik dazu.

Mit einem reichhaltigen Frühstücksbuffet am Morgen wurden unsere Lebensgeister auf angenehme Art geweckt und der trübe Morgenhimmel wich zunehmend der südlichen Sonne. Zeitig stiegen wir in unseren Car zum Nachmittagsausflug ins Valpolicella Gebiet. Eine quirlige Reiseführerin brachte uns in einem gutgemeinten Deutsch die ersten Geheimnisse des Valpolicella Weins etwas näher, wobei die eingestreuten O.K's sicher von allen verstanden wurden. Auf immer engeren Strassen rückten die Rebstöcke näher und nur die äusserst bewundernswerten Fahrkünste unserer Jacqueline brachte den Reisecar ohne Kratzer ins Ziel - einem ausgesuchten Familienweingut. Ein guterklärter Rundgang brachte uns die verschiedenen Arbeitsabläufe eines Winzers näher und zeigte die verschiedenen Reifeprozesse eines guten Weins auf, bis er in der Flasche zum Verkauf gehen und "vom Glase in die Kehle" rinnen kann. Was war naheliegender als im tiefen Keller dem wohlgelagerten Wein mit dem Lied "Aus der Traube in die Tonne" ein wohlverdientes und wunderschön hallendes Sängerlob zu schenken. Von der Theorie dann in die ersehnte Praxis - mit etlichen Kostproben kamen wir dem Geheimnis des Pipasso und des Amarone immer näher.

Ein Regenschauer wie aus Kübeln bestätigte die weise Vorsicht des Dirigenten, der ein paar Tage vor unserer Reise allen ein Mail geschickt und gute Schuhe und Regenschutz empfohlen hatte. Und noch mehr der Abenteuer. Nach kurzer Fahrt ein abrupter Stop: Ein Baum lag quer über die Strasse und verhinderte die Weiterfahrt; doch nur eine willkommene Gelegenheit für einige Sängerkameraden, zu zeigen, welche Kraft noch in ihnen steckt und so ein Baum ein lächerliches Hindernis darstellt, das mit vereinten Kräften im Nu beiseite geschafft war. Wer weiss, ob nicht in Zukunft bei unserem Car- unternehmen eine Motorsäge für "alle Fälle" im Kofferraum liegen wird.

Nach dem Nachtessen dann Einsteigen für die Abfahrt zum eigentlichen Höhepunkt unserer Reise: Verona mit seiner riesengrossen Arena und Besuch der Oper "Turandot" von Giacomo Puccini. Leider war der nächtliche Himmel nicht nur wolkenverhangen, klein und fein liess er uns sein Nass spüren - zuwenig, um umzukehren und zuviel, um auf eine trockene Aufführung zu hoffen. Mit Schutzanzügen eingemummelt sassen wir früh genug auf unseren Plätzen in dieser überdimensionalen antiken Arena; ein imposanter Zeuge der römischen Baukunst vor 2000 Jahren. Ein riesiger Baukran hievte Stück um Stück der imposanten Kulisse an den richtigen Ort und liess uns auf die geplante Aufführung der Oper hoffen. Der Himmel tat das Seine dazu und schloss seine Schleusen und mit einer halbstündigen Verspätung konnten wir uns von den Gesängen und Klängen dieser für uns unbekannten Oper verzaubern lassen.

Leider konnten wir nur eine stündige Oase in der Regenwetterfront erleben und das Orchester musste seine Instrumente ins Trockene tragen. Allen gutgemeinten Versicherungen der Ansagerin zum Trotz, dass das Wetter demnächst bessern werde, regnete es unaufhörlich weiter und auch die letzten Optimisten verliessen ihre Sitzplätze. Mag sein, dass der restliche Turandot diese Nacht noch durch die Träume des einen oder andern geisterte!

Am Sonntagmorgen ein letztes Frühstückbuffet im Hotel und Weiterfahrt nach Capriolo. Besichtigung eines einheimischen Weingutes mit Degustation des Schaumweins und einem letzten Ständchen für unsere Gastgeber wie für unsere treuen Begleiterinnen und natürlich eine Hymne an den Wein und den Gesang. Und nach dreitägigem Umgang mit der italienischen Mentalität und Sprache, sangen wir mit grosser Inbrunst das unvergängliche "La Montanara". Es wurde das Abschiedslied für eine unvergessliche Reise, die bald zu Ende gehen würde.

So quasi als Abschiedsgeschenk offerierte uns Jacqueline, unsere beherzte Chauffeuse eine wunderbare Passreise über den Gotthard bei schönstem Sonnenschein, nachdem vor dem Tunnel ein 5 km langer Stau angesagt war.

Müde, aber zufrieden und dankbar erreichten wir unsere Ausgangspunkte, voll motiviert für den Rest unseres Sängerjahres. Einen grossen Dank verdient haben unsere Organisatoren Elfy und René. Sicher bin ich nicht der einzige, bei dem am Montag beim Zeitungslesen nochmals eine grosse Dankbarkeit gegenüber unserer Chauffeuse Jacqueline aufgestiegen ist, nachdem ich vom Carunglück in Schweden gelesen hatte. Keine Selbstverständlichkeit, wenn man gesund und zwäg heimkommen darf.

Toni Merki