Kapellenverein Gippingen/Felsenau
Geistern die "Chürbsen" zum letzten Mal durchs nächtliche Gippingen?

Rolf Frei-Schneider
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GIPPINGEN (mf) –Petrus schien den Gippingern wohlgesinnt zu sein. Sie konnten nämlich ihre „Chürbse-Chilbi“ am vergangenen Sonntag, wie in den letzten Jahren, bei prächtigtem Herbstwetter feiern. Am frühen Nachmittag wurde mit einem Gottesdienst, vor der geschmückten Kapelle, der Kirchweihe gedacht und abends, beim Eindunkeln, trugen die Kinder ihre geschnitzten und beleuchteten Kürbisse durchs eingedunkelte Dorf.

Wie lange die Gippinger Chürbse-Chilbi in ihrer heutigen Form schon besteht und was der Ursprung dieses „dämonischen“ Lichterbrauches ist, weiss im Dorf niemand so genau zu sagen. Ältere Gippinger erzählten, dass sie sich erinnern könnten, vor über 60 Jahren bereits einen Chürbsen-Umzug erlebt zu haben und dass sich die Erwachsenen anschliessend beim Tanz im Restaurant Kreuz vergnügten. Schon ihre Grosseltern hätten berichtet, dass in ihrer Jugendzeit geschnitzte und beleuchtete Kürbisse herumgetragen worden seien. Das würde bedeuten, dass dieser Brauch über 100 Jahre zurückverfolgt werden kann. Wie auch heute noch, zogen die Kinder damals, begleitet von einem „Handörgeler“, mit ihren geschnitzten Kürbissen durchs Dorf Gippingen.

Ueber viele Jahre schien der alte Brauch dann ausgestorben zu sein. Es war der Kapellenverein, der ihn im Jahre 1980 erstmals wieder aufleben liess und viele seiner Mitglieder, die ihn bis jetzt sorgsam versuchten weiterzutragen.

Über den Ursprung dieses Lichterbrauches gibt es verschiedene Überlieferungen:

  • Die Chürbse-Chilbi sei auf ein Pest-Gelöbnis von 1511 zurückzuführen.
  • Sie werde im Zusammenhang mit einer Überschwemmung des Dorfes gefeiert
  • Sie sei ein uralter Lichterbrauch aus allemanischer, heidnischer Zeit

Gottesdienst zum Festbeginn

Was auch immer der Ursprung dieses Festes ist, es wird mit einem Gottesdienst vor der mit Blumen geschmückten Kapelle eröffnet und dabei auch der Weihe der Kapelle gedacht.

Pfarrer Essig bemerkte zu Beginn der Feier, dass man früher im Glauben gewesen sei, vor allem in der dunkleren Jahreszeit, mit beleuchteten Kürbissen böse Geister vertreiben und fernhalten zu können. Vermutlich hätten auch heute die meisten Menschen irgendwelche Vorstellungen von Geistern. In seiner Predigt wies er darauf hin, dass man diesen „bösen Geistern“ immer wieder viel Raum lasse. Wenn man sich auf Gott verlasse, da werde – welche Kräfte es auch immer gäbe – kein anderer Geist Gewalt oder Herrschaft erlangen. Nach dem Gottesdienst, der von Markus Florian am Piano und einer Querflötistin feierlich umrahmt wurde, lud die Festwirtschaft zum Essen und Trinken ein. Dank des herrlichen Herbstwetters konnte im Freien die Gemütlichkeit gepflegt werden.

Chürbseschnitzen für die Kinder

Nach dem Gottesdienst wurde den Kindern, ihren Eltern oder Grosseltern auch angeboten, die Kunst des Chürbseschnitzens zu erlernen und ihnen beim Verzieren zu helfen. Dass es gar nicht so einfach ist, Gesichter in die ausgehöhlten Kürbisse zu schnitzen, musste manches Kind oder auch Erwachsene erfahren. Es braucht viel Kraft und Ausdauer, bis so ein grimmiges Gesicht geschnitten ist. Doch mit fachkundiger Hilfe und viel Fantasie sind einige lachende, traurige und furchterregende Fratzen entstanden.

Chürbse-Umzug beim Einnachten

Beim Eindunkeln versammelten sich Kinder mit ihren Eltern zum eigentlichen Höhepunkt, dem Chürbse-Umzug - der leider von Jahr zu Jahr kleiner wird. Angeführt vom Duo „Edwin und Peter“ zogen oder trugen sie ihre beleuchteten Kunstwerke durch die Nacht. Geisterhaft bewegte sich die Schar durchs dunkle Dorf und erinnerte an die dritte Geschichte, wo der Ursprung dieses Geschehens sein könnte. Man erzählt nämlich auch, dass die Chürbse-Chilbi ein uralter, heidnischer Brauch sei. Mit solchem Lichterspuk glaubte man früher, könnten Dämonen und sonstige böse Geister aus den gefüllten Scheunen vertrieben werden. Der Brauch, mit allerlei Feuerzauber und lärmigen Prozessionen zur Erntezeit die bösen Geister aus Haus und Hof zu vertreiben, dürfte in Wahrheit weit älter und auf vorchristlichen Ursprung zurückzuführen sein. - Ob die „Chürbse-Chilbi“ allerdings weiterbestehen kann oder wieder ausstirbt, wird nun vom Interesse und der Unterstützung der jüngeren Generation abhängen.