Guttenbergs Plagiat

Zu Guttenberg gibt Fehler in seiner Dissertation zu

Der deutsche Politstar und Hoffnungsträger der CSU Karl-Theodor zu Guttenberg droht über seine selbst verursachte Plagiatsaffäre zu stolpern.

Heute Abend bekommt Karl-Theodor zu Guttenberg in Aachen den «Orden wider den tierischen Ernst» verliehen. Der CSU-Politiker wird die renommierte Auszeichnung des Aachener Karnevalsvereins allerdings nicht persönlich entgegennehmen.

Diese Woche dürfte Guttenberg die gute Laune vergangen sein. Denn die Karriere des 39-jährigen Politstars, der im Beliebtheitsranking noch vor Angela Merkel steht, hängt an einem seidenen Faden. Noch hält die Bundeskanzlerin vorläufig zu ihm. Doch Oppositionsvertreter fordern seinen Rücktritt, und manch einer seiner politischen Weggefährten geht in Deckung. Selbst Finanzminister Wolfgang Schäuble, der sich gestern an Guttenbergs Seite stellte, forderte ihn auf, er möge «so rasch wie möglich Klarheit schaffen».

Das tat Guttenberg gestern nur halbherzig. Bei einem kurzfristig anberaumten Pressetermin für ausgewählte Journalisten räumte er zwar Fehler ein (vgl. Kasten), ohne aber auf die gegen ihn seit Mitte dieser Woche erhobenen Vorwürfe konkret einzugehen. Dabei wiegen diese Vorwürfe schwer: Guttenberg soll in seiner 2006 an der juristischen Fakultät der Universität Bayreuth eingereichten Doktorarbeit etliche Textstellen ohne korrekte Quellenangabe aus anderen Werken gestohlen haben.

Auch die Einleitung abgeschrieben

Besonders dreist wirkt die Einleitung der Dissertation, also die Stelle, wo sich Buchautoren ihren Lesern in der Regel besonders empfehlen wollen. Statt die Passage selber zu formulieren, schrieb der Jurist die ersten beiden Absätze bei einem Beitrag der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig für die «Frankfurter Allgemeine» ab.

Von rund 18 Autorinnen und Autoren – so der Stand gestern – hat Guttenberg Textblöcke in seine Doktorarbeit praktisch wortgleich übernommen, ohne sie als Zitate auszuweisen. Dabei hat er die Quellen gar nicht oder nur unzureichend genannt – ein klarer Verstoss gegen die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens. Rechercheure der Wiki-Seite Guttenplag fanden bis gestern auf 76 von insgesamt 475 Seiten der Doktorarbeit geklaute Zitate.

Die Doktorarbeit vergleicht die Verfassungsgeschichte in den USA mit jener in der Europäischen Union. Sie war seinerzeit mit der Bestnote bewertet worden. Guttenbergs Doktorvater Peter Häberle, ein renommierter Verfassungsrechtler, nannte sie «erstklassig». Guttenberg gibt an, sieben Jahre an dem Werk gesessen zu haben. In der Zeit wirkte er schon als Bundestagsabgeordneter und war durch Parteiämter und weitere Mandate zeitlich stark beansprucht. Die Universität Bayreuth hat Guttenberg um eine Stellungnahme gebeten und will die Vorwürfe nun prüfen. Der drohende Sturz des noch jungen Überfliegers versetzt das politische Deutschland in Aufruhr. «Macht keinen guten Mann kaputt. Scheiss auf den Doktor», nahm «Bild»-Kolumnist Franz Josef Wagner den Plagiator in Schutz. In den seriösen Blättern ist die Affäre Stoff für die erste Garde. «Supermann hängt auf einmal ein Bleigewicht an den Füssen», schrieb gestern Günther Nonnenmacher von der «FAZ».

Das Gesicht der Regierung

Guttenberg hat einen Ruf zu verlieren, den Ruf eines Antipolitikers: Bodenständig – und tadellos in den Manieren. Adelig – und volksnah. Mozart – und Techno. Konservativ – und sexy. Einem breiten Publikum erschien KT, wie er kurz genannt wird, als Identifikationsangebot.

So gesehen ist der Bayer auch mehr als nur eine Person in Merkels Ministerriege. Er ist das Gesicht der konservativ-liberalen Regierung. Guttenberg ist der Aufrechte. Der Wirtschaftsminister, der ohne Rücksicht auf drohende Nachteile gegen die Opel-Rettung stimmte. Der Verteidigungsminister, der den Krieg in Afghanistan Krieg nannte.

Ausgerechnet diese ehrliche Haut soll nun den Doktortitel über billige Betrügerei ergattert haben. Die Häme, die Guttenberg entgegenschlägt, hängt auch zusammen mit der Härte, mit der er selber über Verfehlungen anderer urteilte: Als die «Gorch Fock» schlingerte, opferte er deren Kapitän. Als Ende 2009 die Kundus-Krise über ihn hereinbrach, entliess er seinen Armeechef und einen Staatssekretär. «Guttenberg hat zum ersten Mal das Problem, dass er die Verantwortung auf keinen anderen abschieben kann», meinte Grünen-Politiker Jürgen Trittin.

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