Die alte Frau mit den wasserblauen Augen deutet mit ihrem runzligen Zeigefinger auf das vergilbte Foto. Darauf zu sehen ist ihr Geburtshaus, hier wurden auch ihre eigenen Kinder geborgen. Eines von ihnen ist heute Filmemacher. Anhand von Fotografien aus dem Leben seiner Mutter - bis zu ihrem 15. Lebensjahr gibt es davon gerade mal sieben - spürt Christian Iseli Erinnerungen auf und spricht mit seiner Mutter darüber.

Den Auslöser gab der Tod des Vaters: «Plötzlich war der ganze Schatz an Erinnerungen weg und ich konnte nicht mehr nachfragen. Mit meiner Mutter wollte ich es anders machen.» Entstanden ist aus dieser Auseinandersetzung ein sehr persönlicher Film, der zeigt,wie Erinnerungen an Menschen geknüpft sind und auch mit ihnen sterben. Er lässt längst vergangene Zeiten noch ein letztes Mal lebendig werden.

«Das Album meiner Mutter» von Christian Iseli

Bekiffte Velotour durch die USA

«Das Album meiner Mutter» von Christian Iseli ist einer von gleich mehreren Filmen, in denen Regisseure ihre Familiengeschichte thematisieren. In «Onkel Albin» porträtiert Simon Guy Fässler seinen Onkel, einen Mann, der durch seine verrückten Ideen im Dorf und in der Familie als schwarzes Schaf galt. Im Film «Flying Home» geht es um den Regisseur Tobias Wyss und dessen Onkel Walter, der in die USA auswanderte. Von dortin die Schweiz gekommen ist hingegen Kaleo La Belle, dessen Film «Beyond This Place» bereits im Kino zu sehen ist. Ein Roadmovie, der den pausenlos bekifften Hippie-Vater und seinen heute in Luzern lebenden Sohn auf einer Velotour durch die USA begleitet.

«Die grosse Erbschaft» von Fosco und Donatello Dubini war zu Anfang gar nicht als Dokumentarfilm gedacht: Als die beiden Brüder nach einem Brand das Haus ihrer Familie räumten, filmten sie den Zustand als Erinnerung für sich und als Dokument für die Versicherung. «Erst einige Zeit später, als wir das Haus der Bürgergemeinde verkauft hatten und es abgerissen werden sollte, kam die Idee auf, einen ‹richtigen› Film daraus zu machen», erzählt Donatello Dubini. Es wurde ein Film über ein Haus, über vier Generationen einer Einwandererfamilie aus Italien und über die Suche nach einem versteckten Goldschatz. «Zuerst dachten wir, dass sich wohl niemand für unsere Familiengeschichte interessieren würde», sagt Dubini weiter. Zur Überraschung der Filmemacher erhielten sie jedoch Fördergelder und konnten den Film produzieren - «er hat wohl doch etwas Allgemeingültiges».

«Es sollte keine Selbsttherapie sein»

Um einen Film über ein Familienmitglied der Öffentlichkeit zu zeigen, dafür braucht man entweder eine sehr spannende Geschichte oder eine Rechtfertigung, warum der Film ein breites Publikum interessieren sollte. Das war auch Kaleo La Belle sehr wichtig: «Es sollte keine Selbsttherapie sein. Meinen Vater hätte ich auch ohne die Kamera kennen lernen können.» Der Film behandle Themen, die auch andere betreffen: «Es geht um Generationenunterschiede und um die Frage, in welcher Beziehung Verantwortung und Freiheit stehen.»

Ähnlich denkt auch Tobias Wyss, der Regisseur von «Flying Home». «Jeder hat einen ‹Onkel in Amerika›, den eszu entdecken gibt. Nicht umfassend als ganze Biografie, aber in Fragmenten, die mit einem selbst zu tun haben.» Darum geht es nämlich in seinem Film - er soll nicht primär das Leben seines Onkels porträtieren, sondern die Merkmale, die ihn mit seinem Neffen verbinden: «Es war eine Entdeckungsreise zu mir selbst, mithilfe meines Onkels in Amerika. Der Spiegel, in dem ich mich erkenne: Die Beziehung zur Mutter und zur Familie, oft das Gefühl, aus mehreren Identitäten zu bestehen.» Von einem Spiegel spricht auch La Belle in seinem Film: Am Anfang sieht er im Spiegel den Vater, der seit seiner Kindheit abwesend war. Nach der Auseinandersetzung mit ihm jedoch kann er in den Spiegel schauen und sich selber darin erkennen.

Ein berührendes Porträt

«Das Album meiner Mutter» hingegen ist das Porträt eines vor allem für den Regisseur besonderen Menschen. Interessanter als die biografischen Details, aber auch beklemmender sind die intimen Passagen, in denen Marie Iseli-Stettler in den Jahren vor ihrem Tod dargestellt wird. Wie sie zuerst noch mit kräftiger Stimme von früher erzählt, später weint, weil sie ihren verstorbenen Mann vermisst, wie sie im Verlauf des Films immer schwächer wird und kurz vor ihrem Tod sagt: «Ich halte es fast nicht mehr aus. Ich kann nicht mehr sein», das berührt. Und hier erhält auch dieses Porträt eine Allgemeingültigkeit.