«Du musst zum Znüni noch einen Cervelat kaufen können», sagt Urs Richner. Deshalb lässt er sich nicht kirre machen und bleibt vernünftig, wenn ihm ein Objekt der Begierde zu teuer ist. So jüngst geschehen bei der Internet-Versteigerung einer alten Postkarte der Brauerei Schlör in Menziken: «Bei 120 Franken bin ich ausgestiegen.» Immerhin besitzt er eine Farbkopie dieser Postkarte. Urs Richner kennt seine Grenzen.

Doch schön der Reihe nach. Wer in das ausgebaute Dachgeschoss seiner Eigentumswohnung hoch steigt, betritt zuerst einen Teppich der Brauerei Baar, und auf der Treppe stapeln sich Bierteller. «Die sind zum Tauschen», sagt er, bevor oben eine Welt aufgeht, die man mit Fug als Museum bezeichnen kann. Fein säuberlich aufgereiht stehen die Flaschen verschiedener Brauereien, neuere, ältere, über 100-jährige, solche mit dem Namenszug im Glas drin aber auch eingebrannte Schriftzüge, Logos und Namen. Und dazu die Krüge.

In Gestellen prangen Hunderte von Gläsern, Raritäten neben Dutzendware, nach Brauereien geordnet. «Ich sammle nur Stangen und Tulpen», sagt er. Und in den Dachschrägen unter dem Giebel hängen Kostbarkeiten aus Email und Blech: Schilder in allen Grössen und Farben. Alles Bier. Alles Brauerei. Ergebnis von rund 35 Jahren Sammeltätigkeit.

Natürlich gibts einen Verein. Er heisst «Gambrinus, Verein der Schweizer Sammler von Brauereiartikeln», hat rund 100 Mitglieder, darunter auch Frauen. Aber Alkoholiker muss man nicht sein, im Gegenteil. Richner lacht. Es ist nicht der Alkohol, der zum Sammeln bringt, vielmehr die Faszination, die von diesen Zeugen der Braukultur ausgeht.

Auf den Bierdeckel gekommen

«Ich habe als Schüler Briefmarken gesammelt», sagt er, und auf die Bierdeckel ist er über einen benachbarten Chauffeur gekommen, der jeweils solche heimgebracht habe. Der gelernte Maurer, heute Vorarbeiter im Werkhof Gränichen, greift sich eine Literflasche von der Brauerei Karbacher aus Schönenwerd: «Das ist meine erste Flasche; ich habe sie Mitte siebziger Jahre beim Umbau der Garage Kohler in Teufenthal gefunden.»

Urs Richner ist Sammler, nicht Händler. Seine Besitztümer erzählen Geschichten. Die Fässer, nun Sitzgelegenheiten, zum Beispiel: Ein alter Brauereiküfer hat sie ihm restauriert um Gottes Lohn. Beim ersten Blick in die Welt der «Bier-Devotionalien» blendet das Augenfällige, die grossen farbigen Schilder, die Flaschen. Geschichten erzählen auch die unscheinbaren Gegenstände wie die Bierkeller-Thermometer an einem Pfosten.

«Markiert ist hier die optimale Lagertemperatur für dieses Bier, zwischen 8 und 10 Grad», sagt Richner. Das Thermometer der Firma Feldschlösschen Rheinfelden stammt aus der Teufenthaler «Herberge». Und was soll das bedeuten? «Mitfahren von Drittpersonen nicht gestattet», steht auf dem kleinen Schild, darunter: Bierbrauerei Schützengarten. Urs Richner weiss Bescheid: «Das stammt von einem Stapler in der Brauerei.»

Seit 1976 ist Richner Vereinsmitglied. Der internationale Verband hat ihm 1990 in Dormagen bei Köln den goldenen Bierteller verliehen für seine Verdienste ums Sammeln von Bier-Artikeln. Die Urkunde hat einen Ehrenplatz. Fein säuberlich abgelegt in speziellen Kartonschachteln, aber auch in Alben, bewahrt er seine rund 10 000 verschiedenen Bierdeckel auf. «Es gibt in der Schweiz etwa 11000», sagt er, und er gibt selber in einer Kleinstauflage – 65 Exemplare – einen Katalog heraus, aus Kostengründen in Schwarzweiss.

Sammeln, Suchen, Tauschen: Urs Richner besucht Flohmärkte, geht an Tauschtreffen auch im Ausland wie in Gersthofen (!) bei Augsburg. An Anlässen seines Vereins fungiert er als Gantrufer. Früher sei der Plausch noch mehr im Vordergrund gestanden, sagt er, während es heute mehr ums Ergattern von Raritäten geht. Doch man hilft einander, jeder in seiner Region. Dabei kommt den Sammlern die erstaunliche Zunahme von Brauereien zupass.

Schweizer Bierkultur

Nach einem Tiefststand von etwa 50 Brauereien in der Schweiz um 1980, gebe es heute 320 davon. Bierkultur eben. Reaktion auf den internationalen Konzentrationsprozess. «Ein Feldschlösschen schmeckt überall gleich», sagt er und rühmt das Schlossrueder Schlossbräu mit seinem eigenen Charakter.

Das Bier ist allgegenwärtig in Dutzenden von Ordnern im Büro, als Flaschenöffner, Feuerzeuge, Kugelschreiber, Zündhölzer, Kronkorken, Bierdosen an Gestellen und in Vitrinen. Sogar die Lampen im Dachgeschoss tragen Namen von Brauereien. «Diese Dose habe ich beim Wandern gefunden», sagt er. Eine Blechdose aus den fünfziger Jahren, angerostet, wohl einst aus dem Zug geworfen. Und an einem Ausflug hat er sich ein Blechschild erbettelt.

Ein «verdammt rarer» Kronkorken lachte ihn auf einer Wanderung in Rheinfelden an. Das Wandern nämlich ist Richners zweite Lust, der er praktisch jedes Wochenende frönt. Er präsidiert die Wanderfreunde Teufenthal. Und der Wert der Sachen? «Für mich haben sie einen Wert», sagt er, doch spekulieren will er nicht. Was er doppelt hat, verkauft oder tauscht er; er gebe diese Sachen «fascht z ring.»

Sein Bruder Rolf und seine Frau Lea sammeln mit. Sie besucht manchmal den Flohmarkt beim Wynecenter Buchs, telefoniert aber im Zweifelsfall ihrem Mann, der vielleicht gerade beim Wandern ist, bevor sie etwas ersteht. Das mag ihn: An einem Vereinsanlass in der Brauerei Cardinal 1983 habe sie, die keinen Alkohol trinkt, im Gegensatz zu ihm in einem Blindtest herausgefunden, welches Bier das alkoholfreie ist, gesteht Urs Richner. Das Bier sei halt zu kalt gewesen, lacht er.

Manchmal spielt der Preis keine Rolle

Einmal wird das Täfer unter dem Dach bedeckt sein mit Schildern. Denn der 54-Jährige hat schon noch seine Ziele. Die Schlör-Postkarte lässt ihm keine Ruhe, und Deckel von den drei, vier Brauereien, von denen er noch keine hat, Poschiavo zum Beispiel, reizen ihn sehr. Wenn er eine Flasche der Brauerei Stirnimann Gränichen fände, könnte er sich vielleicht gar untreu werden: «Da spielt der Preis keine Rolle.» Schliesslich ist er Gränicher Bürger und Angestellter der Gemeinde.

Und wenn er einmal nicht mehr kann? Seine Tochter hat kein Interesse, vielleicht aber Lenny, deren fünfjähriger Sohn? Oder sein Göttibub? Am besten wäre wohl, wenn eine Brauerei Interesse hätte, sagt Richner, und da böte er gern Hand. Noch aber freut er sich, wenn er auf dem Flohmarkt fündig wird oder wenn ihm jemand etwas «Bieriges» bringt.

Urs Richner darf aus gesundheitlichen Gründen nicht viel Bier trinken. Aber er mag das Schlossbräu aus Schlossrued, sei es, wenn er mit seiner Frau im «Storchen» essen geht, sei es, wenn er mit ein paar Sammlerkollegen aus der Region da fachsimpelt, einmal im Monat. Doch im Winter hat er oft Pikettdienst, und da mag es nichts leiden, denn das Wetter könnte ihn in der Nacht zum Salzen oder Pflügen rufen.