«Bitte nehmen Sie Platz», bittet die Praxisassistentin freundlich. «Achtung!», denke ich. Das könnte bereits ein erster Test sein. Vor kurzem habe ich nämlich in einem schlauen Artikel zum Thema «Verkehrsmedizinische Untersuchung» gelesen, dass man sich im Sprechzimmer keinesfalls auf den Sessel des untersuchenden Arztes setzen sollte.

Das könnte nämlich als Anzeichen von Desorientiertheit oder gar Demenz gewertet werden. Nun. Es macht den Anschein, dass ich diese Klippe umschiffen konnte. Der Arzt jedenfalls tritt ein, begrüsst mich freundlich und setzt sich. Offensichtlich auf seinen Sessel. Der mit Spannung erwartete Untersuch kann beginnen.

Zäsur 70. Lebensjahr

Es soll hier nicht verschwiegen werden. Mit dem Herannahen des Eintritts ins 70. Lebensjahr hat mich der Gedanke an die periodische verkehrsmedizinische Untersuchung – deren Sinn hier überhaupt nicht infrage gestellt werden soll – zunehmend beschäftigt. Vorsichtige Erkundigungen bei lieben Menschen im Bekanntenkreis, die diese Untersuchung hinter sich haben, waren jedoch wenig hilfreich.

Vielleicht war meine Frage: «Hast Du ein Ührli zeichnen müssen?», falsch angekommen. Auch meine geistreiche Bemerkung, dass ich es ja mit einer Digitaluhr versuchen könnte, wurde offensichtlich als nur mässig lustig empfunden.

Die Antworten auf die Frage nach den weiteren Tests – «soll ich Yoga-Stunden nehmen, um auch auf einem Bein sicher stehen zu können?» – brachten ebenfalls wenig Klarheit. Und die Bemerkung meiner Liebsten, dass man dem Arzt knappe, sachliche Antworten geben und nicht in ausufernde Monologe verfallen sollte, fand ich, ehrlich gesagt, etwas deplatziert.

Der Adrenalinspiegel steigt

Definitiv ins Grübeln verfallen liess mich das freundliche Schreiben des Strassenverkehrsamtes mit der Aufforderung, mich «innerhalb von zwei Monaten ab Datum dieses Schreibens» der verkehrsmedizinischen Untersuchung zu unterziehen. Dass dem Schreiben gleich eine Verzichtserklärung auf den Führerausweis beilag, liess meinen Adrenalinspiegel stark ansteigen.

In schwindelnder Höhe dürfte er sich aber beim Blick auf das Formular «Ärztlicher Untersuchungsbefund» bewegt haben. Bemerkungen, wie «Einstichstellen», «auffälliges Nasen-Septum» oder «Leber-Stigmata» liessen bei mir die Frage auftauchen, ob denn da gleich alle 70-Jährigen als Drögeler, Alkis oder Kokser sozusagen stigmatisiert sind.

Und das Ührli?

Es kam aber nicht so schlimm wie befürchtet. Der Arzt erläuterte mir den Sinn der Untersuchung, hinter der ich voll stehe. Ich möchte ja auch nicht von einem dementen, alkoholisierten oder gar bekoksten 70-jährigen Geisterfahrer gerammt werden. Der Arzt arbeitete mit mir minuziös eine ganze Reihe von Tests ab.

Was da im Einzelnen getestet wurde, soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: Ührli musste ich keins zeichnen. Dabei hatte ich so geübt. Ich hatte es auch recht gut hingekriegt. Bloss die zerfliessende Uhr, die eigentlich zum 70. Gut passen würde, wollte mir nicht gelingen. Aber ich bin ja auch nicht Salvador Dalí.