Stadt Bern

«Theater stärkt das Selbstbewusstsein»

Bei Muniambärg machen Menschen mit und ohne Behinderung Theater. Ein Probenbesuch bei der neuen Produktion «Liber Tir Tanke Tir», die heute Freitagabend im Gaskessel in Bern Premiere feiert.

«Theater stärkt das Selbstbewusstsein», sagt Katrin Jenni. Manchmal, führt sie aus, wenn es für sie als Behinderte auf der Arbeit schwierig werde, dann spüre sie dank der Schauspielerei «ihre innere Gloria». Bereits das zweite Mal macht Katrin Jenni mit bei Muniambärg, einer Theatergruppe von Erwachsenen mit und ohne Behinderung. Nur wenige Tage bleiben noch bis zur Premiere der neuen Produktion «Liber Tir Tanke Tir» im Gaskessel in Bern. Dann zeigt die Gruppe zum ersten Mal ein Stück, das die Mitglieder selbst entwickelt haben. Im Zentrum steht die Liebe.

Es ist halb acht Uhr abends, der Weg zum Gaskessel ist verlassen und dunkel, doch drinnen auf der Bühne leuchtet warmes Licht. Dort steht Theaterpädagogin und Regisseurin Sibylle Heiniger im Kreis mit der Gruppe, in der sich neun Behinderte mit drei Nicht-Behinderten zwischen 21 und 78 Jahren mischen. Zunächst geht es ums Aufwärmen, alle sollen «etwas Liebes» weitergeben, weist Heiniger die Runde an und streicht ihrem Nachbarn aufmerksam und sanft über den Arm.

Reihum geht die Bewegung, wächst an zur Umarmung, ein Teilnehmer platziert seiner Nachbarin einen Schmutz auf die Wange. Es giggelt und guggelt in der Runde, fällt eine Geste zu ungestüm aus, protestiert die Gruppe. Braucht jemand Zeit, die passende Bewegung zu finden, warten die übrigen rücksichtsvoll. «Du kannst es grösser werden lassen, ändern oder zurückgeben», wirft Heiniger ein. Aus der Umarmung ist ein spielerischer Schreckruf geworden, «Bah-bah», läuft es vorwärts und rückwärts im Kreis, ein paar Stimmübungen noch und dann ist die Gruppe aufeinander eingespielt. Die Bühnenscheinwerfer gehen an, Kirchenglocken erklingen über die Lautsprecher, das Bühnenbild ist noch nicht ganz fertig, aber die Teilnehmer stecken schon in ihren richtigen Kostümen. Stephan Maggi, der im Rollstuhl sitzt, manövriert sich in Position und dann schreiten Corinne Mosimann und Peter Aebi als Brautpaar auf die Bühne.

«Etwas anderes ausprobieren»

«Beim Theaterspielen kann man etwas anderes ausprobieren», sagt Daniel Knöpfel, das gefalle ihm daran. Sonst im Leben sei er meist der liebe Kerl, im Stück nehme er jedoch eine eher kritische Position ein und werfe Fragen auf. «Liber Tir Tanke Tir» greift denn auch Themen auf, welche die Mitglieder der Theatergruppe bewegen. In bisherigen Produktionen hatte Muniambärg bestehende Stücke wie «Der eingebildete Kranke» von Molière oder «Hamlet» von Shakespeare adaptiert, diesmal wollten die Teilnehmenden sich selbst direkter einbringen.

Dass es um Liebe gehen würde, war schnell einmal klar. «Jeder und jede, mit oder ohne Behinderung, sehnt sich nach Zärtlichkeit und Romantik», hält Katrin Jenni unumwunden fest. Seit dem Frühling hat die Gruppe das neue Stück in wöchentlichen Treffen erarbeitet. Dabei gingen die Teilnehmenden von Bildern aus Filmen wie «Titanic» oder «Jenseits der Stille» aus, von Bildern im Kopf oder Themen wie Eifersucht oder Kinderwunsch, haben Szenen improvisiert, diese auf ihre Stimmigkeit überprüft und eigene Texte geschrieben. Erstaunlich dabei – oder vielleicht eben gerade nicht: «Diese Eigenproduktion enthält viel mehr Text als die vorherigen Adaptionen», so Sibylle Heiniger.

Wer meint, solches Theater müsse peinlich oder bemühend sein – weit gefehlt. Voller Witz und Schalk, mit rasanten Brüchen, mutig und zuweilen sehr direkt trifft manche Aussage im Stück den Nagel auf den Kopf. Dabei geht es um ganz grundsätzliche Fragen, behindert oder nicht steht nicht im Vordergrund, eine Behinderung ist ohnehin nur bei zwei Teilnehmenden klar erkennbar. Sind also die Kirchenglocken und die fetzig aufgemischte Orgelmusik verklungen, regt sich ein Sturm der Entrüstung unter den Hochzeitsbesuchern auf der Bühne: «He du alter Knacker, du willst dir ja bloss deine Spitex-Hilfe sparen», bekommt der angegraute Bräutigam etwa zu hören.

Die junge Braut: «Du willst ja nur erben.» Dann ist die schöne Hochzeit kaputt. «Was isch Liebi?», fragt jemand auf der Bühne. «Anfang und Ende einer Liebesbeziehung werden durch den Willen der beteiligten Personen bestimmt», doziert Samira Schmid, was Sven Aebischer trocken kommentiert: «Zwe Mönsche träffe sech, si tuusche iri Natelnummere, zieh zäme, u scho hei si die erschte Lämpe.» Und dann malt Katrin Jenni mit ganz wenigen Worten das ultimative Traumpaar der Kinogeschichte in den Bühnenhimmel, wie es mit ausgebreiteten Armen am Schiffsbug steht und im eigenen Glück der Unendlichkeit entgegenschwebt.

«Die Rollen sind sehr stimmig»

So bringt Katrin Jenni ihre romantischen Vorstellungen in das collageartige Stück ein. «Die Rollen sind sehr stimmig», bestätigt Corinne Mosimann. Für sie ist die Hochzeit wichtig, und so heiratet sie im Stück gleich viermal, zuletzt mit Happy End. «Passende Rollen zu finden, ist aber eine Gratwanderung», wirft Sibylle Heiniger ein, «das Theater darf kein Seelenstriptease sein.» Gratwanderungen gibt es auch bei manchen Themen. Wie deutlich darf zum Beispiel ein Behinderter auf der Bühne Sex zum Thema machen? Oder drückt eine Puppe im Arm Bedürfnisse angemessen aus? «Solche Fragen sollen nicht tabuisiert werden», sagt Heiniger, «wir so genannt Normalen werden durch sie oft mit unseren Vorurteilen gegenüber Menschen mit Behinderung konfrontiert.»

So oder so, die Arbeit am Stück ist intensiv. Und so ist das Kriterium für das Mitmachen, ob jemand den Rhythmus durchhalten kann, gerade in den Wochen vor der Premiere. Daniel Knöpfel schätzt die Intensität, ein bisschen wehmütig denkt er an die Zeit nach den Aufführungen, wenn die zusammengewachsene Gruppe auseinanderbricht. Ja, das bedauert auch Katrin Jenni. Und trotzdem freut sie sich auf die Premiere, wenn die innere Gloria im vollen Scheinwerferlicht auf der Bühne steht.

«Liber Tir Tanke Tir» Premiere: Heute Freitagabend, 25. November, 20 Uhr. Weitere Vorstellungen: So., 27. November, 15 Uhr; Fr., 2. Dezember, 20 Uhr sowie So., 4. Dezember, 15 Uhr, Gaskessel Bern.

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