Es war einmal eine Primarlehrerin, die Märchen von Kindesbeinen an über alles liebte. Auf Spaziergängen mit der Grossmutter hat sie als kleines Mädchen oft den Geschichten von Königshäusern, guten Feen, verwunschenen Wäldern und bösen Wölfen gelauscht. Wie gerne wäre sie dann doch selber eine Prinzessin gewesen, sinniert die heute 64-jährige Madiswilerin und seufzt: Leider sei daraus nie etwas geworden.

Dennoch hat Brita Hartmann mit der Zauber- und Feenwelt nicht abgeschlossen, im Gegenteil. Vor gut vier Jahren hat sie sich zur Märchenerzählerin ausbilden lassen.

Mit Hingabe erzählen

Mit Lust entführt Brita Hartmann heute Jung und Alt in die Welt der Guten und Bösen. Sie tut dies mit Hingabe, zuletzt am Märchenabend für Erwachsene, organisiert vom Kulturkreis Kleindietwil. Gut 40 Personen zwischen 20 und 70 hörten dort etwas «Von Glückskindern und Pechvögeln – und natürlich von der Liebe».

Bei Kerzenschimmer und mit einem zart-süssen Spiel auf dem Xylofon holte Hartmann das Publikum in der Realität ab und stattete darauf einem armen Jungen einen Besuch ab, der draussen bei Wind und Schnee Holz suchte. Seine Hände waren inzwischen eisig kalt geworden, und er beschloss, sie an einem Feuer zu wärmen.

Schloss und Schatulle

Die Märchenerzählerin ging in die Knie, um zu zeigen, wie der Junge dazu etwas Schnee zur Seite schob. Da erblickte er, dass im Mondschimmer etwas goldig glänzte. Er klaubte und hob einen kleinen Schlüssel hervor. Dazu gibt es ein passendes Schloss, folgerte der Junge und durchwühlte nun den Schnee.

Nach einer Weile – er hatte seine kalten Hände ganz vergessen – stiess er tatsächlich auf eine kleine Holzschatulle. Die Märchenerzählerin hielt sie hoch, um den Leuten zu zeigen, wie schön sie war, mit einem Mosaik aus Perlmutt verziert. Aber, wo steckte bloss das Schlüsselloch? Aufgeregt wie der Junge, wendete und drehte sie die Schatulle hin und her – bis plötzlich eine kleine Klappe aus der Halterung fiel und das Schlüsselloch freigab.

Am liebsten mit Humor

In dieser Holzkiste hatte Brita Hartmann drei Kostbarkeiten aus ihrem ganz persönlichen Schatz mitgebracht. Über all die Jahre hätten sich bei ihr die Märchenbücher am Laufmeter angesammelt, erzählte sie und fügte im Gespräch an, dass sie manchmal viele von ihnen lesen müsse, bis wieder eines an ihr haften bleibe. Diese seien meist alte Volksmärchen, die etwa einen guten Humor beinhalteten oder eine weitverbreitete Sehnsucht widerspiegelten.

Dass es ihr gefalle und im Innersten berühre, sei denn auch eine wichtige Voraussetzung dafür, dass es ein Märchen ins «Repertoire» schaffe. Dies, weil man sich intensiv mit ihm auseinandersetzen muss, um es professionell erzählen zu können. «Man muss in die Figuren hineinschlüpfen, ihnen eine Stimme, einen Charakter geben, versuchen, sich wie sie zu bewegen und dem Märchen eine persönliche Note geben, vielleicht etwas dazudichten oder etwas weglassen», fasst Hartmann zusammen und erwähnt, dass sie beim Training zur Kontrolle nicht selten einen Blick in den Spiegel werfe. «Am Ende der Vorbereitungen fühle ich mich manchmal, als wäre ich mit dem Märchen schwanger», sagt sie.

Übertrieben und trotzdem wahr

Hartmann ist es wichtig, ihrem Publikum auch den Inhalt zwischen den Zeilen zu vermitteln, was ihr letzten Freitag durchaus gelungen ist. Sind wir im Leben nicht alle irgendeinmal ein bisschen ein Pechvogel, weil wir vielleicht mit Scheuklappen ein Ziel verfolgen und dabei manch andere Chance verpassen? «Märchen sind eben mehr», kommentierte denn auch ein Mann mit weisem Lächeln, dem der Abend sichtlich Spass gemacht hat. Eine andere Person, die Märchen ebenso fesselnd findet wie Krimis, findet es reizvoll, die Psychologie der Figuren zu ergründen. Und während sich die einen über die für Märchen typischen Übertreibungen sichtlich amüsierten, schlossen die anderen die Augen, um sich gänzlich der Erzählung hinzugeben.

Dass dies für Erwachsene nicht typisch ist, weiss auch Brita Hartmann: «Es hat eben nicht jeder einen Draht dazu», sagt sie, «so, wie mir etwa jener zum Fussball fehlt.»