Eigentlich könnte der 68-Jährige schon lange die Pension geniessen. Dennoch behandelt er weiterhin als Hausarzt und Gesprächstherapeut Patienten in seiner Privatpraxis an der Weissensteinstrasse, in unmittelbarer Nähe zu seinem Kind, der Klinik SGM.

Auf einer Ablage im Arztzimmer liegt ein Buch mit seinem Namen als Autor, das ein Tor öffnet in die wundersame Welt des Kurt Blatter. Im Buch beschreibt er die Behandlung des Russen Jewgeni Sewerin, dessen Gesicht 1992 von einem Bären grausam verunstaltet wurde. Sewerin wurde als «der Mann ohne Gesicht» weltbekannt. Der Russe kam jeweils nach den Operationen in der «Insel» zur Nachbehandlung in die Klinik SGM. Über Sewerin wurde ein Dokumentarfilm gedreht. Als gar Hollywood die Filmrechte des Buches kaufen wollte, habe er abgewinkt.

Sewerin durfte bei der SGM jeweils das sogenannte Freibett in Anspruch nehmen. Dieses stellte die neue christlich orientierte Klinik von Anfang an zur Verfügung. «Ich und das Team haben gratis operiert oder Behandlungen durchgeführt. Kriegsverletzte oder tragische Fälle, beispielsweise eine Ärztin aus Albanien, die eine Tbc-Hüfte hatte und in den Strassen von Tirana auf den Knien arbeitete. Sie erhielt ein neues Hüftgelenk», berichtet Blatter.

Um Hilfe gebeten

Von solchen Nebenschauplätzen im Leben des Kurt Blatter gäbe es noch viel zu erzählen. Hauptschauplatz war aber lange die von ihm gegründete Klinik SGM. 1980 war das entscheidende Jahr, blickt Kurt Blatter zurück. Er steckte in einer schweren persönlichen Krise.

«Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte.» Er erinnert sich an einen Abend, als er heimkam und zu beten begann. Er bat um Hilfe und hatte eine bildliche Vision des Spitals, wie es später gebaut werden sollte. Im selben Jahr riet ihm ein Freund, eine Broschüre zu schreiben. Es wurde eine Streitschrift, worauf er von der Schulmedizin geächtet worden sei, «weil ich einen kritischen Beitrag schrieb zum Wirken von uns Ärzten». Von diesem Zeitpunkt an wurde ein Freundeskreis aufgebaut, welcher mit der Zeit über 6000 Personen umfasste.

Erbe von 1,5 Mio. Franken

Nachdem das Land in Langenthal für eineinhalb Millionen Franken von der von ihm gegründeten Stiftung für ganzheitliche Medizin gekauft worden war, lag bald eine Baubewilligung vor, aber die Finanzierung war noch nicht gelöst. An einer Sitzung war die Finanzierung traktandiert. Der Stiftungsrat rechnete mit eineinhalb Millionen Franken, die nötig wären, um den Bau zu starten. «Danach haben wir gebetet.

Um 07.30 Uhr war die entsprechende Sitzung zu Ende und um 10 Uhr erhielt ich ein Telefon von einem Anwalt, wir sollten sofort kommen, weil wir ein grosses Erbe erhalten hätten.» Der betreffende Vererber hätte sein ganzes Vermögen der Psychiatrie Bern vermacht, aber im Testament mit Bleistift diese Passage durchgestrichen und geschrieben: «An die Klinik Dr. Blatter.» Wie hoch das Erbe sein sollte, wussten sie noch nicht. Nach drei Monaten eröffnete der Anwalt der Stiftung ein Erbe von 1,5 Millionen Franken. «Genau der Betrag, für den wir an der Sitzung gebetet hatten.» Zur weiteren Finanzierung der Klinik leistete der Freundeskreis wertvolle Hilfe.

Gegen Medikamentenmissbrauch

Was trieb Blatter an, eine christliche Klinik zu bauen? «Ich wollte nicht, dass Menschen mit einem religiösen Problem in die Psychiatrie müssen. Damals war es schwer für Christen in einer psychiatrischen Klinik. Sie wurden diffamiert, weil man sie nicht verstand. Heute ist das nicht mehr so. Heute wird der Begriff auch weiter gefasst. Heute spricht man von Spiritual Care.» Er habe sich zudem gegen den massiven Gebrauch von Medikamenten gewehrt.Und damals habe er gewusst, dass die Verwirklichung seiner Vision nicht einfach werden würde. «Es war ein Spiessrutenlaufen.»

Wirtschaftlich handle die Klinik SGM wie jede andere Klinik auch. Auf die Frage, was die christliche Klinik SGM im Vergleich zu einem andern Spital auszeichnet, sagt Blatter: «80 Prozent der Patienten im Wartezimmer eines Grundversorgers haben ein psychosomatisches Problem.» Psychosomatik sei die Verbindung des seelischen Bereiches und steuert über das vegetative Nervensystem die Funktion der Organe. Ein typisches Beispiel sei Stress in all seinen Formen. «Am häufigsten entgleisen zuerst die Magenfunktionen.» Dies werde normalerweise mit Medikamenten behandelt. «Wir machen dies mit Medikamenten und vielen Gesprächen und haben damit Erfolg.»